Längst integriert
Geflüchteter in Straubing: An Weihnachten mit der Familie vereint?

Ausriss Tagblatt-Archiv
So hat das Tagblatt bereits einmal vor sechs Jahren über Ali Reza Amiri berichtet.
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Im Video erzählt Redakteurin Ruth Schormann aus der Straubinger Stadtredaktion, wie die Geschichte hinter diesem Türchen entstanden ist.
Er sagt „oh mei, oh mei“, wenn er von seiner Mieterhöhung erzählt, er ist in Niederbayern also schon wirklich angekommen. Über 100 Kinder hat der 36-Jährige im Fußball trainiert, lange selbst bei den AH der Post-Kagers gespielt. Seit einem Jahr aber nicht mehr, das Knie ist kaputt, „ich habe Angst, wenn ich mit Jüngeren spiele, dass ich mich wieder verletze“, sagt er lächelnd.
Er lächelt immer wieder, obwohl er wirklich nicht viel Grund dazu hat - zumindest von außen betrachtet: Seit zehn Jahren wohnt Ali Reza Amiri in Straubing, ist aus dem Iran geflohen, wie seine Frau und deren Mutter. Die leben seither in Schweden. Dort wollte er auch hin, wurde aber als gebürtiger Afghane für ein Visum abgewiesen. Also geht er im Winter 2015 zu Fuß los, kommt im Schlauchboot übers Meer in die Türkei, dann nach Österreich, dann ist Straubing die Endstation, erst das Asylbewerberheim in der ehemaligen Preckleinhalle, mittlerweile lebt er „Gott sei Dank“ in einer Einzimmerwohnung.

Ruth Schormann
Viel Grund zu lachen hat er nicht, ernst schaut Ali Reza Amiri in die Kamera. Als er Fotos vom letzten Treffen mit seiner Frau Mariam auf dem Smartphone zeigt, lächelt er aber dann doch. -
Noch eine Chance im neuen Jahr
Ein Grund zum Lächeln ist, dass Ali Reza „Gott sei Dank“ auch endlich einen Aufenthaltstitel hat, immerhin bis Ende des kommenden Jahres. „Dann müssmer wieder schauen, weil ich leider einen Teil meiner Ausbildung nicht geschafft habe. Nur drei Punkte haben gefehlt!“, sagt Ali Reza Amiri und schüttelt den Kopf, so sehr ärgert er sich über sich selbst. „Vielleicht eine Frage oder zwei.“
Maler und Lackierer hat er die letzten Jahre gelernt und dann dieser Patzer in der Abschlussprüfung. Momentan arbeitet er Schicht im Lager einer Produktionsfirma für Autozubehör, er muss Geld verdienen. Nächstes Jahr hat er noch mal die Chance, die Prüfung zu wiederholen. „Ich hatte viel Stress, habe nicht so gut gelernt. Aber jetzt schaffe ich’s. Ich muss es schaffen“, sagt er und lächelt. Das ist sein großes Ziel.
Noch größer, als seine Frau Mariam endlich wieder in die Arme zu schließen. Das konnte er zuletzt im Sommer, zwei Wochen war er in Schweden. Das war schön. Wieder ein Lächeln. Ob er Weihnachten mit ihr verbringen kann, ist noch ungewiss. Wird er Urlaub bekommen? „Die Arbeit ist auch sehr wichtig“, sagt er. Wird sie frei haben? Sie arbeitet als Krankenschwester, hat mittlerweile den schwedischen Pass. Und die Flüge kosten natürlich auch Geld. Geld, das Ali Reza Amiri eigentlich nicht hat.
Ohne sie zu leben, wie ist das? „Sehr schwierig“, sagt er. „Alleine ist schwierig. Sehr schwierig“, wiederholt er immer wieder. „Mein Leben ist einfach, ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich habe nur Sport. Wenn sie krank ist, kann ich nicht schlafen, ich muss sie anrufen, fragen wie es ihr geht“, schildert er. „Sehr schwierig.“ Er hofft, sie kommt hierher, auch das ist eines seiner Ziele. Und der Führerschein.
Ein Sofa, ein Schrank, Teppich und Fernseher
Es dauerte lange, bis er überhaupt einen Deutschkurs machen durfte. Dann fing er eine schulische Ausbildung an, doch für den Aufenthaltstitel sei eine dreijährige Berufsausbildung besser, riet ihm ein Anwalt. Sparen könne er nichts, etwa für den Führerschein, den er so dringend machen möchte. Momentan fährt er mit dem Fahrrad, seine alte Stelle als Maler hat er per Zug und mit Hilfe eines Arbeitskollegen erreicht.
„In meiner Heimat bin ich Motorrad und Auto gefahren“, sagt er. „Ich brauche Geld für die Miete, für Essen, wie soll ich sparen?“, fragt er sich, auf seiner Couch in seinem Einzimmer-Appartement sitzend, die auch sein Bett ist. Ein Schrank steht noch im Raum, ein Fernseher und ein großer Teppich. Das ist alles. Die Wände hat er selbst gestrichen, eine in Türkis mit perfekten geometrischen Elementen, „ich bin ja Maler“, sagt er und lächelt bescheiden. „Es war so viel Stress früher in Deutschland für mich. Jetzt ist es ruhig“, sagt er. „Wie mein Raum. Ich lese Zeitung, ich lese mal ein Buch“, sagt er. Er lebt ein ruhiges Leben. In Straubing. Und hier möchte Ali Reza Amiri bleiben, in der Stadt, die längst sein Zuhause, seine Heimat geworden ist.
Und vielleicht steht ja an Weihnachten, das er auch als Moslem feiert, denn „ich lebe in Deutschland, also feiere ich auch Weihnachten“, als „Surprise“, als Überraschung, seine Mariam vor der Tür. Das hat sie schon einmal gemacht, ein gutes Jahr ist das her. „Sie hat angerufen, gefragt, Ali, wie geht es dir, was machst du“, erzählt er, „ich habe gesagt, nichts, ich bin daheim, schaue Fußball.“ Zehn Minuten später klopft es an der Tür. Er öffnet. Und seine Frau steht da. Er hat sie ungläubig gefragt, „was machst du hier?“. „Surprise“, hat sie gesagt. Überraschung. Und dann hat Ali Mariam ganz lange in den Arm genommen.









