Briefe ohne Ende
Eine gebürtige Straubingerin forscht mit Briefen an den Weihnachtsmann

Sandra Reimann, Privat
Briefe aus aller Welt, geordnet nach Ländern, im Hauptpostamt im Santa Claus Village in Rovaniemi in Nordfinnland (links); Prof. Dr. Sandra Reimann in der eisigen Landschaft Finnlands (rechts).
Einmal einen Brief an den Weihnachtsmann schreiben. Wer erinnert sich nicht gerne an seine eigene Kindheit in der Vorweihnachtszeit zurück. Alles schien so aufregend und magisch, man selbst war voller Vorfreude auf Heiligabend. Dazu gehörte auch für viele einen Wunschzettel oder Brief an das Christkind, den Nikolaus oder den Weihnachtsmann zu schreiben - je nach Region. Auch heute noch schicken Kinder - und Erwachsene - Briefe an den Mann in roter Kleidung und mit weißem Vollbart. Denn den gibt es „wirklich“, im Santa Claus Village im finnischen Rovaniemi, direkt am Polarkreis. JJährlich gehen hier mehrere Tausend Briefe ein. Die gebürtige Straubingerin Prof. Dr. Sandra Reimann ist seit fast sieben Jahren in Finnland an der Universität von Oulu, der Kulturhauptstadt Europas 2026, und hat viele dieser Briefe als Forschungsprojekt untersucht.
Was können Briefe groß aussagen? Eine ganze Menge, findet Reimann: „Sie sind ein ungemein wichtiges Zeugnis der Alltagskultur.“ Mit dem Thema Kommunikation beschäftigt sich die Germanistin schon seit vielen Jahren. Erst bei ihrer Arbeit als Hörfunkjournalistin, später in ihrer gesamten wissenschaftlichen Karriere.
Forschungsfragen stellen sich ganz viele bei dem Projekt zu den Weihnachtsmannbriefen. Man kann sich aus allen möglichen Disziplinen heraus mit den Briefen befassen, je nachdem, welchen Punkt man betrachtet: Bilder, Stil, Briefform oder die kulturellen Hintergründe der Absender. Aber auch die Veränderung der Kommunikation im Laufe der Jahrzehnte: Welche Wünsche äußern die Kinder? Wie formulieren sie diese? Werden Höflichkeitsformen genutzt? Stellt man dem Weihnachtsmann selbst Fragen? Kommuniziert man eigene Emotionen?
Jährlich Briefe aus 200 Ländern
Die Forschungsobjekte werden Reimann sicher nicht ausgehen. Jedes Jahr erhält der Weihnachtsmann in Rovaniemi circa 500.000 Briefe. Knapp 250.000 sind aktuell in der Zweigstelle des Nationalarchivs in Oulu aufbewahrt. Mitarbeiterin Riitta Mattila aus dem Hauptpostamt im Santa Claus Village ist hier eine der helfenden Hände. Sie wählt Briefe aus, die aufbewahrt werden. Überrascht hat Reimann allerdings, wie die Auswahl der Briefe, die aufgehoben werden, getroffen wird. Unabhängig vom Inhalt werden zunächst möglichst viele verschiedene Exemplare einsortiert. Das sind handgeschriebene Briefe, am Computer getippte, welche mit Bildern, Glitzerumschlag oder Stickern. Die Archiv-Arbeit kennt Reimann schon durch ihre Tätigkeit mit einer riesigen Sammlung an Hörfunkwerbung und anderen Werbematerialien, mit denen sie sich viele Jahre an der Universität Regensburg beschäftigt hat und dazu auch weiterhin forscht.
Die Masse an Briefen ist groß: Aus knapp 200 verschiedenen Ländern landen jährlich Briefe im Norden Finnlands. „Es gibt viel zu sortieren“, sagt Reimann. 8.000 Exemplare liegen aktuell aus dem deutschsprachigen Raum - Deutschland, Österreich und Schweiz - im Archiv.
Interessant sind die Briefe auch für das Thema Künstliche Intelligenz (KI). Denn 200 Länder weisen auch viele verschiedene Sprachen auf. Aktuell besteht Reimanns Forschungsteam aus drei Pesonen: Sie selbst ist germanistische Sprachwissenschaftlerin, eine Kollegin ist Kunstpädagogin und interessiert an den Bildern und Zeichnungen, ein weiterer Kollege ist Allgemeiner Sprachwissenschaftler und beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Sprachen. Es ist dennoch nicht leicht, jeden handgeschriebenen Brief der jeweiligen Sprache zuzuordnen. „Auch aus Deutschland kommen Briefe in anderen Sprachen“, sagt Reimann. Daher ist es im digitalen Zeitalter spannend, wie weit KI schon ist, Handschriften zweifelsfrei zu identifizieren, „denn jede Schrift ist anders“.
Angefangen hat die „Briefschreib-Kultur“ in Rovaniemi schon vereinzelt in den 1920er-Jahren. Spätestens ab den 1950er-Jahren schrieben dann Kinder häufiger nach Nordfinnland und in den 1980er-Jahren wurde das Santa Claus Village erbaut und der Postverkehr an den Weihnachtsmann institutionalisiert.
Auch in Zeiten der Digitalisierung, die spätestens in den 2000er-Jahren losging, werden noch zahlreiche Briefe per Hand geschrieben. „Trotz digitaler Möglichkeiten erlebt der Weihnachtsmannbrief eine bemerkenswerte Kontinuität, fast gegen den Trend des allgemeinen Rückgangs der Briefkultur“, kann Reimann festhalten. Einer der Gründe: Viele Kinder bauen so eine emotionalere Bindung zum „Weihnachtsmann“ auf, denn für sie hat es auch „etwas Zauberhaftes und Magisches“. Auch das führt zu Forschungsfragen von Reimann: Wie kommuniziert man Emotionen? Wie werden sie verschriftlicht? Sind sie positiv oder negativ?
Auch viele immaterielle Wünsche
„Viele sehen im Weihnachtsmann eine Vertrauensfigur. Sie fragen ihn nach seinem Alltag, machen sich Sorgen um seine Arbeit oder hoffen, dass er genug Unterstützung bekommt.“ Ihm werden auch Sorgen und Nöte anvertraut. So entsteht oft eine bemerkenswert hohe Anzahl an Briefen, die keine materiellen Wünsche beinhalten, wie das Ende von Kriegen - eine Hoffnung, die sich über viele Jahrzehnte durchzieht und wieder ganz aktuell ist - oder dass man nicht mehr gemobbt werden möchte.
Natürlich nicht alle, aber manchmal bekommen Kinder sogar auch Antwortschreiben vom Weihnachtsmann, was die Bindung nochmal verstärkt. Auch auf Deutsch wurde geantwortet; aktuell schreibt der Weihnachtsmann wegen des Aufwands nur noch auf Englisch und Finnisch. Auch überraschend viele Erwachsene schreiben laut Reimann Briefe nach Nordfinnland und verarbeiten so ihre Sorgen, Nöte und Wünsche.
Für die soziale, sprachliche und emotionale Entwicklung sieht Reimann im Verfassen solcher Briefe nur Vorteile. „Ich finde es grundsätzlich gut, wenn Kinder schreiben. Dass sie sich vor allem auch Gedanken während des Verfassens machen beziehungsweise an wen sie schreiben, was der Grund dafür ist, welche Form sie verwenden (Briefstruktur oder Liste, wie beim Wunschzettel) und wie lange der Text werden soll.“ Und vor allem auch: „Dass man Empathie zum Ausdruck bringen kann.“ Das zeigt sich etwa darin, wenn Kinder im Brief einen Dialog beginnen („Lieber Weihnachtsmann, wie geht es dir?“). Reimann spricht in diesem Zusammenhang von der „Fähigkeit zur Versprachlichung“, also ob man seine Gefühle schriftlich festhalten kann und eine Ausdrucksmöglichkeit entwickelt.
Ausstellung im Kulturhauptstadtjahr Oulu26
Oulu ist 2026 Europäische Kulturhauptstadt. Sandra Reimann hat sich für diese besondere Zeit auch etwas einfallen lassen. Vom 26. Oktober bis 15. November 2026 wird sie mit ihrem Team eine Ausstellung in der Zentralbibliothek von Oulu zeigen. In „tollen Räumlichkeiten“ soll sich alles rund um das Thema Weihnachtsbriefe drehen, eventuell sogar mit dem Original-Weihnachtsmann aus Rovaniemi. Auch eine Vernissage ist in Planung. „Es wäre schön, wenn mich da ein paar Straubinger besuchen würden.“
Sie selbst hat zwar Wunschzettel und Briefe geschrieben, aber nie nach Finnland oder an andere Weihnachtspostämter geschickt. Auch wenn viele andere Kinder auch nie Briefe abgeschickt haben, an Material für ihre Forschungsarbeit wird es Reimann nie mangeln. Dem Team bleibt eine einjährige Verschnaufpause, bis wieder knapp eine halbe Million neuer Briefe in Rovaniemi ankommen wird.
Zur Person:
Prof. Dr. Sandra Reimann ist gebürtige Straubingerin und besuchte das Anton-Bruckner-Gymnasium. Sie ist ausgebildete Hörfunkjournalistin und arbeitete unter anderem bei Radio AWN (heute Maximal Radio) und dem Bayerischen Rundfunk. „Journalistik war immer meine Leidenschaft“, sagt sie, dann hat aber auch die Wissenschaft sie in ihren Bann gezogen.
Sie studierte an der Katholischen Universität Eichstätt erst Journalistik, später an der Universität Regensburg Lehramt für Germanistik und Sozialkunde sowie parallel im Magisterstudiengang Germanistik, Politikwissenschaft und Soziologie.
Bis Februar 2019 war sie an der Universität Regensburg tätig. Ihre Dissertation schrieb sie über Kommunikationsstrategien mehrmedialer Werbung. In ihrer Habilitationsarbeit untersuchte sie die Kommunikation von Laien am Beispiel von Selbsthilfe im Internet.
Seit März 2019 ist sie Professorin für Germanistik an der Universität Oulu in Finnland. Auch hier forscht sie zu verschiedenen Facetten von Kommunikation.
Ihr Forschungs- und Lehrschwerpunkt ist dort die Internationale Wirtschaftskommunikation. Aber auch andere gesellschaftlich relevante Gebrauchstextsorten, wie die Briefe an den Weihnachtsmann, gehören dazu.















