Treffpunkte

Wo Zugehörigkeit für Landshuter Jugendliche nach Diesel riecht

Weil die Innenstadt zu teuer und das Zuhause zu eng ist, suchen sich junge Landshuter eigene Treffpunkte. So auch an einer Tankstelle, denn hier definieren nur sie, wer sie sind.

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Mittig in der Gruppe an der 24-Stunden-Tanke in Altdorf sitzt ein Mann auf einem Campingstuhl. Die Besucher weilen hier oft viele Stunden - auch bis tief in die Nacht „weil sonst nichts los ist“. 

Mittig in der Gruppe an der 24-Stunden-Tanke in Altdorf sitzt ein Mann auf einem Campingstuhl. Die Besucher weilen hier oft viele Stunden - auch bis tief in die Nacht „weil sonst nichts los ist“. 

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Im Video erzählt Matthias Keck aus der Landshuter Landkreisredaktion, wie die Geschichte hinter diesem Türchen entstanden ist.

Früher im McDonald's, dann am CCL: Wo sich die Landshuter Jugend trifft, wird sie zum Problem. Zumindest laut Anwohnerbeschwerden. Diese kamen auch in Altdorf: Raplines rasseln aus Handylautsprechern, Motoren gluckern, Reifen quietschen. Draußen, oberhalb des Stadtrands, auf dem Vorplatz einer Tankstelle. Etwa 40 Jugendliche drängen sich hier in den Stunden vor Mitternacht um ihre Autos. Wie funktioniert so ein alternativer Treffpunkt?

Zwei junge Damen im Auto ziehen Lippenstift nach. Nur selten sitzen hier die Frauen hinter dem Steuer der Autos. Ein Check im Spiegel, dann gegenseitiges Zunicken: Passt. Erst jetzt fahren sie aus dem Schatten der parkenden LKWs auf den ausgeleuchteten Platz, fast wie hinein in Scheinwerferlicht. Hier gilt: Sehen und Gesehenwerden.

Um einen Alutisch sitzen eine Frau und drei Männer. Gel glänzt vom Haaransatz bis in die Spitzen - und unter einem Jackenärmel glänzt Silber. Die Uhr rutscht beim Griff ans Bier hervor. Sie chillen hier, weil „sonst nichts los ist“ in Landshut, sagt einer, der sich bei knappen zehn Grad in einer dunklen Pufferjacke vergräbt. Sein Kumpel erzählt: „Wir kommen hierher auf entspannt, hier ist es eigentlich wie im Café. Es gibt so Leute, die bisschen rumprahlen, aber wir chillen. Wir trinken, reden bisschen.“

Tankstellen gehören zur Jugendkultur - weltweit

Kein neues Phänomen, sagt die Tankwartin: „Eigentlich ist das hier schon immer ein Treffpunkt, aber nicht so extrem.“ Mit dem Sprit der Zapfsäulen verdient sie wenig. Es sind die Vapes, Durstlöscher, Biertragerl, Kippen, „und vor allem die Stullen, mit denen machen wir richtig Umsatz“, sagt die Angestellte.

Das, was sich an diesem Abend zwischen Dieseldunst und unaufhörlichem Kassenfiepen abspielt, ist Teil der Jugendkultur. Nicht nur hier in Altdorf, sondern weltweit sind Tankstellen Orte des Zusammenkommens. Davon berichten Romane, Dokus und Zeitungsartikel. Auch der Bundesverband freier Tankstellen betont die Funktion dieser Orte als soziale Treffpunkte, die „den ländlichen Raum bereichern“.

Der Umsatz an der Tankstelle entsteht vor allem durch Stullen, Getränke und Tabak. Mit dem Sprit aus den Zapfsäulen verdient die Tankwartin nur wenig, sagt sie.

Der Umsatz an der Tankstelle entsteht vor allem durch Stullen, Getränke und Tabak. Mit dem Sprit aus den Zapfsäulen verdient die Tankwartin nur wenig, sagt sie.

In Landshut hat sich das noch nicht ausgebreitet. Manche Tankstellen bleiben für Jugendliche Zwischenstopp statt Sammelstelle, für Minuten statt Stunden. Rückblick auf denselben Abend, kurz vor Sonnenuntergang. Zwei Mädchen marschieren aus einer anderen Altdorfer Tanke, im Süden der Marktgemeinde. Kapuzen oben, ihre Limodosen zischen - ihre Worte noch lauter: „Und ich war so zu ihm: Ja, danke für gar nichts!“ Sie verschwinden. Ähnlich die Jungsgruppe, die nach wenigen Minuten mit Zwei-Liter-Eistee, Vierer-Tragerl Bier und Gummibärli im weißen Minivan davonbrettert.

Circa eine Stunde danach, Halt in Landshut zur Abenddämmerung. Ein Mitarbeiter der Tankstelle an der Kreuzung Luitpoldstraße/Rennweg wischt Asche und Brösel von den Außentischen. Bis zur Pandemie ging es hier abends noch richtig zu, erinnert sich der Tankwart. Dann beschränkte der Betreiber zwischenzeitlich den Alkoholverkauf und baute die Tankstelle um - weniger Platz. Corona vertrieb die Jugendlichen endgültig. Und sie kamen nicht wieder.

Mehrere einstige Jugendtreffpunkte sind in Landshut verschwunden. Der McDonald’s in der Altstadt zum Beispiel, der 2020 zugesperrt hat. Solch ein Wegfall besorgt den Jugendpfleger der Stadt, Eike Brenner: „Wenn ich kein Angebot hab, kann es sein, dass man aus Langeweile irgendwie Unsinn macht. Wenn ich ein Angebot habe, kann ich es annehmen - dann hat man zumindest die Auswahl“, sagt der studierte Sozialarbeiter.

Darum sucht er Lösungen: Er hat in der Vergangenheit beispielsweise mit Kindern und Jugendlichen einen in die Jahre gekommenen Streetballplatz an der Weilerstraße (Landshut-Wolfgang) besichtigt. Dieser Treffpunkt ist dann nach den Wünschen der Zielgruppe umgestaltet worden. Mit Erfolg. „Das ist ja genau das Schöne, dass es Jugendliche gibt, die wirklich nicht so den riesigen Anspruch haben, aber bei denen es einfach darum geht, ernst genommen zu werden. Es gibt auch keinen Stress momentan mit dem Ortsteil.“

Kunde: „Ham de nix Besseres zum doa?“

Anders an der menschengefüllten Tankstelle in Altdorf. Irgendjemand steigt auf dem Parkplatz des Supermarkts nebenan aufs Bremspedal, bis die Lichter vom Antiblockiersystem blinken. „Ham de nix Besseres zum doa?“, fragt ein Kunde im Inneren der Tankstelle die Tankwartin hinter der Kasse. „Na, wahrscheinlich ned.“ Die Antwort klingt unaufgeregt. Im Gespräch kein böses Wort über die Jugendlichen - nur Schulterzucken, ein vages Lächeln.

Die Tankwartin stört sich nicht - aber die Anwohner tun das. Tatsächlich übertreiben einige Jugendliche, starten von der Tankstelle aus, kurz vor Abfahrt der Bundesstraße 299 auf die Autobahn, illegale Straßenrennen (wir berichteten) - lebensgefährlich für andere, lebensgefährlich für sich. Die Rennen sind Einzelfälle, doch das Motorenheulen Usus. Bewohner aus den umliegenden Siedlungen haben sich deshalb schon mehrmals bei der Polizei über den Lärm vom Tankstellenvorplatz beschwert. Passen die vermeintlich „Herumlungernden“ nicht in das Konzept der Vorstadtsiedlung?

Marius Otto, Professor für sozialräumliche soziale Arbeit an der Hochschule Landshut, nennt diese Wortwahl „ein klassisches Beispiel für eine verzerrte Zuschreibung“. Er führt aus: „Niemand sagt, ältere Menschen ‚lungern herum‘, wenn sie auf einer Parkbank sitzen - bei Jugendlichen ist das anders. Dass sie überhaupt da sind, reicht oft schon für Kritik. Gesellschaftlich wird da mit zweierlei Maß gemessen: Nach einer Dult oder einem Fußballspiel gelten dieselben Verhaltensweisen bei Erwachsenen plötzlich als akzeptabel. In einem anderen Kontext - etwa bei migrantischen Jugendlichen am Bahnhof - werden sie sofort problematisiert.“ Es geht also nicht nur um Verhalten, sondern auch um Deutung. Und wer bestimmt, was „angemessen“ ist? Oft hängt das von Alter, Aussehen und Tageszeit ab. „Und da sind wir als Gesellschaft nicht immer fair.“

In Altdorf sind die Jugendlichen meist unter sich. Da deutet kein Erwachsener, wer sie sind. Sie definieren das selbst. Über ihre Kleidung, ihr Auftreten, die Autos, mit denen sie aus der ganzen Region kommen. Ungefähr zu gleichen Teilen: Dingolfinger, Vilsbiburger, Rottenburger, Landshuter Kennzeichen. Hier parfümieren sie sich vor dem Aussteigen ein. Hier treten sie mit teuren Turnschuhen aufs Gaspedal.

Aber der Raum ist begrenzt - wer nicht mitten reinpasst, weicht aus. Ein getrennter Mädchentreff hat sich oberhalb der Tankstelle gebildet, vor der Bäckerei, die seit Stunden geschlossen ist. Also gehen die jungen Frauen aufs Tankstellenklo. Warum sie hier sind und zu dieser Uhrzeit, am Wochenende, und nicht in der Innenstadt? „Ja, das ist schon langweilig, aber es gibt ja sonst auch nichts Cooles hier. Wir spielen oben auf der Bank meistens irgendwelche Handyspiele. Von da oben gibt’s dann wenigstens was zu sehen“, sagt eine. Weggehen in der Stadt sei außerdem zu teuer. Und Daheimsein keine Option.

Schlechte Voraussetzungen ziehen raus von daheim

Hochschulprofessor Marius Otto kennt das Bild: „Viele Jugendliche gehen nicht nach Hause, weil Zuhause kein Zufluchtsort ist“, sagt er. Alternative Treffpunkte sind laut ihm „Manifestation sozialer Ungleichheit“. Damit meint er: „Welche Jugendlichen oder Kinder haben welche Startvoraussetzungen? Mit wem müssen sie sich zu Hause Platz teilen? Haben sie ein gutes Umfeld zu Hause?“ Sind diese Voraussetzungen schlecht, zieht es die Jugendlichen raus von daheim - in die Stadt, vors CCL und an Orte wie die Tankstelle in Altdorf.

Doch da zieht es sie auch hin, wenn Geld keine Rolle zu spielen scheint. Ein BMW M5 rollt auf - fünf Teenager steigen aus. Sie wirken kaum volljährig, das Prunkobjekt hat der Fahrer wohl nicht selbst finanziert. Zielstrebig laufen sie zur Tankwartin, deren Schicht sich dem Ende neigt. Jeder holt sich einen Durstlöscher. Dann gehen sie weiter über das Gelände, erst zu einer Gruppe, in deren Mitte jemand auf einem Campingstuhl sitzt, danach weiter Richtung Motorendröhnen. Auf den Supermarktparkplatz, wo Tempolimits nur theoretisch gelten.

Das Blinken einer Lichthupe fällt auf die Gesichter einiger Anwesender. Kurz darauf wird klar, warum: Blaulicht nähert sich. Die Jungs mit Durstlöscher kehren sicherheitshalber vom Raser-Parkplatz zurück - lässig, als wär nichts gewesen. Wer so auftritt, ist nicht zum ersten Mal hier. An diesem Treffpunkt gelten Regeln - nur eben die eigenen.

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