Jeden Tag am Weinen

Kämpfer im Kinderwagen: Der zweijährige Leo aus Wörth hat Blutkrebs

Der zweijährige Leonardo Russo aus Wörth an der Isar hat Blutkrebs - das Leben seiner Familie steht Kopf. Um die finanzielle Last zu bewältigen, haben die Russos einen Spendenaufruf gestartet.

Artikel vorlesen
Im Krankenhauscafé genießt Leonardo Russo Käsekuchen - ganz so, als wäre er gar nicht im Krankenhaus.

Im Krankenhauscafé genießt Leonardo Russo Käsekuchen - ganz so, als wäre er gar nicht im Krankenhaus.

Marco Russo hat seinem zweijährigen Sohn das Haar abrasiert. Der kleine Leonardo hat Blutkrebs. Noch vor wenigen Monaten staunte der Bub vor jedem Traktor am Wegesrand und brachte jeden mit seinem Lächeln zum Strahlen. Nun liegt er im Bett Zuhause in Wörth an der Isar. Laufen oder stehen kann Leo nicht mehr: Die Cortison-Therapie hat seine Muskeln zu sehr geschwächt. Das Kind kämpft um sein Leben, doch er ist nicht allein: Seine ganze Familie hat dem Krebs den Krieg erklärt. Um die finanzielle Last zu bewältigen, haben die Russos einen Spendenaufruf gestartet.

Es ist ein Mittwoch, als der Vater unsere Redaktion besucht. In seiner Hand: Arztberichte und Behandlungspläne - der Beweis, dass sein Sohn krank ist. Ein Besuch bei der Familie daheim? Geht nicht. Leos Immunsystem sei viel zu schwach, erklärt Russo. Sogar Oma und Opa dürfen das Haus nicht betreten.

Die Familie Russo im Krankenhaus.
Die Familie Russo im Krankenhaus.
Die Familie Russo im Krankenhaus.
Marco Russo hat seinem Sohn das Haar abrasiert.
Marco Russo hat seinem Sohn das Haar abrasiert.
Marco Russo hat seinem Sohn das Haar abrasiert.
Begegnungen hinter einer Glastür.
Begegnungen hinter einer Glastür.
Begegnungen hinter einer Glastür.
Leo darf nur mit desinfizierten Autos spielen.
Leo darf nur mit desinfizierten Autos spielen.
Leo darf nur mit desinfizierten Autos spielen.

Die Stimme des 35-jährigen Russo zittert. Seine Augen sind feucht, als stünde er kurz davor, in Tränen auszubrechen. Doch er spricht weiter: Er will und muss die Öffentlichkeit erreichen, um auf die Spendenaktion aufmerksam zu machen.

Das Geld geht aus. Die fast täglichen Fahrten nach Regensburg ins Krankenhaus sind teuer. Mutter Giuliana Russo-Molinari weiß nicht, wie ihre berufliche Zukunft aussieht, denn sie muss nun ihren Sohn pflegen. Der Vater hat sich für die Pflege von Leo freistellen lassen. Er kehrt bald in die Arbeit zurück, zu denselben Kollegen und Verpflichtungen. Doch für beide ist nichts mehr wie früher. Sie wissen nicht, was die Zukunft noch bringt, wie lange der Kampf noch dauert und wie viel Geld sie dafür noch brauchen werden.

Der Schrecken kam leise. Drei Tage lang hatte der Zweijährige Fieber. „Das ist in seinem Alter normal, schon wegen der Zähne“, erklärt der 35-jährige Vater. Doch als die Temperatur von 38,5 Grad auch am vierten Tag nicht sank, brachten die Eltern Leo zum Arzt. Der Verdacht folgte: Leukämie. An diesem Tag, am 26. März, kehrte der Junge nicht mehr nach Hause zurück.

Der Rettungswagen brachte Leo von Landshut nach Regensburg. Kurz darauf die traurige Gewissheit: Der Junge hat Blutkrebs. Er blieb direkt für 15 Tage stationär im Krankenhaus.

„Wir waren jeden Tag am Weinen“

„Die Welt ist zusammengebrochen“, erinnert sich Marco Russo. Die ersten Tage nach der Diagnose beschreibt er als „Katastrophe“. „Wir waren jeden Tag am Weinen, jeden Tag emotional kaputt.“ Schlaflose Nächte, quälende Ungewissheit und eine Frage, die nicht loslässt: Überlebt der Kleine das?

Während die Mutter mit Leo im Krankenhaus blieb, pendelte seine vierjährige Schwester Letizia täglich mit dem Papa von Wörth nach Regensburg, bis sie schließlich für knapp eineinhalb Wochen eine Wohnung in Kliniknähe mieteten. Von dort aus wechselten sich die Eltern ab: Der Vater übernahm die Betreuung tagsüber, während die Mutter die Nächte bei Leo verbrachte.

Die Schwester verstand nicht, was mit ihren Eltern geschah und warum Leo nicht mehr da war. Im Krankenhaus spielte sie mit ihm nicht - Kinder haben in dieser Abteilung keinen Zutritt. 

Als Leo schließlich nach Hause durfte, war die Vierjährige überfordert. „Warum weint Leonardo?“ oder „Warum muss er wieder zum Arzt?“, fragte sie ihre Eltern ständig. Ihr Bruder war nicht mehr wie früher. Kein Spielen, kein Lachen - nur Tränen, weil die Gelenke wehtun. Chemotherapie in Form von Saft, sieben Tage die Woche von seinen Eltern verabreicht, Schmerzmittel und Cortison daheim - ergänzt durch zusätzliche Chemo-Infusionen im Krankenhaus - wurden zum Alltag des Kleinkindes.

Mit einem Stück Kuchen vergisst man den Alltag

Das Zuhause in Wörth ist komplett von der Außenwelt abgeschirmt. Verwandte dürfen nicht mehr vorbeischauen: Das Risiko einer Infektion ist zu hoch. Gemeinsames Essen in einem Restaurant oder Einkaufen ist tabu. Wenn Leo oder seine Schwester ein neues Spielzeug bekommen, muss es gründlich desinfiziert werden. Fällt etwas zu Boden, wird es entsorgt oder mit Antiseptika gereinigt. Der Alltag ist ein Kreislauf aus Bangen daheim und Spritzen im Krankenhaus.

Der Opa lässt Spielzeugautos vor der Tür stehen und geht wieder. In der Klinik finden Begegnungen mit Oma und Opa hinter einer Glastür statt: Geschenke sehen, aber sich nicht berühren dürfen. Dennoch versucht die Familie, die Fahrten in die Klinik in kleine Ausfluge zu verwandeln. Im Café vor Ort genoss Leo kürzlich Käsekuchen. Ein Foto, das Marco Russo vorzeigt, hält diesen Moment fest: Leo sitzt im Kinderwagen am Tisch, neben ihm eine Infusionsstation, die doppelt so groß ist, wie er selbst. Er achtet nicht auf den Katheter, sondern öffnet den Mund für ein großes Stück Kuchen - als wäre er gar nicht im Krankenhaus.

Was am Anfang für die Russos ein Schock war, ist nun Alltag. „Man gewöhnt sich langsam daran“, sagt der Vater. Er hat gelernt, darüber zu sprechen. Während des Gesprächs mit unserer Redaktion ruft er seine Frau per Video-Call an. Die 32-Jährige zeigt ihren Sohn: Er liegt im Bett und lächelt. Daneben sitzt seine Schwester. Trotz allem versucht sie, mit ihm zu spielen. Leo nimmt mittlerweile kein Cortison, deshalb wurden die Schmerzen erträglicher - und die Tränen seltener. „Solange ich sehe, dass er lächelt, geht es mir gut“, sagt die Mutter.

Wenn alles gut läuft, könnte Leo bis Ende des Jahres gesund werden, erzählt der Vater. „Wir sind in sehr guter Behandlung bei den Ärzten, sie machen uns große Hoffnung.“ Doch trotz der positiven Signale bleibt die Ungewissheit ein ständiger Begleiter: „Es kann auch zwei oder drei Jahre dauern“, erfuhr Russo aus Gesprächen mit anderen Betroffenen.

So kann man helfen

Damit sich die Familie in dieser Zeit zumindest um die finanziellen Folgen keine Sorgen machen muss, startete Marco Russo eine private Spendenaktion. Spenden sind über gofund.me/26e936e83 möglich.

Themen des Artikels folgen

Alle Artikel zu gefolgten Themen und Autoren finden Sie bei mein idowa

Finden, was Sie suchen: Sie können sich Artikel von idowa in der Google-Suche nun bevorzugt anzeigen lassen. Mehr Informationen zur kostenlosen Google-Funktion finden Sie auf unserer Infoseite.

1 Kommentar


Neueste zuerst Älteste zuerst Beliebteste zuerst
alle Leser-Kommentare anzeigen
Leser-Kommentare ausblenden