Terrorismus
Blumen, Trauer und Rufe nach Zusammenhalt nach CSD-Anschlag

Christoph Soeder/dpa
Nach dem Anschlag am Rande des CSD in Berlin trauern viele Menschen, unter anderem vor dem Brandenburger Tor.
Zwischen gepflegten Gärten in Berlin-Spandau soll der Zugriff erfolgen, hier hat die Polizei den mutmaßlichen Täter des Anschlags am Rande des Christopher Street Days ausfindig gemacht. Dann wurde es dramatisch, das legen zumindest Angaben der Polizei nahe: Der Tatverdächtige lief mit einer Stichwaffe auf Polizisten zu, das SEK schoss auf den Mann. Anwohner erzählten von bis zu neun Schüssen.
Der Mann starb laut Polizei noch am Einsatzort, trotz sofort eingeleiteter Reanimationsmaßnahmen durch die Feuerwehr. Abdul B. war keine 24 Stunden nach seinem brutalen Angriff mit einem Todesopfer und 29 Verletzten ebenfalls tot.
Der Anschlag am Samstagabend hielt Berlin seitdem in Atem und dürfte auch in der neuen Woche noch in allen Köpfen bleiben. Hunderttausende geschminkte, glitzernde Menschen feierten den ganzen Samstag beim Christopher Street Day (CSD) auf den Berliner Straßen. Mehr als 80 Trucks mit Musik fuhren Richtung Tiergarten zur großen Abschlussparty am Brandenburger Tor.
Die Straßen waren am Samstagabend noch überfüllt, als gegen 22.00 Uhr immer mehr Sirenen von Rettungswagen und Polizeiautos rund um die Feiermeile aufheulten. Von allen Seiten fuhren Dutzende Einsatzwagen mit Blaulicht zum südlichen Rand des großen Parks.
Ein Mann fuhr auf dem dunklen Weg im Park zahlreiche Menschen an, die vom CSD kamen. Danach krachte er mit seinem weißen Van gegen einen Baum, stieg aus und floh. Den Ermittlern zufolge ging er mutmaßlich auch mit einer Machete auf Passanten los. 29 erlitten bei dem Anschlag teils schwere Verletzungen. Eine Frau starb.
Dutzende Sanitäter und Notärzte der Berliner Feuerwehr versorgten mitten in der Nacht Verletzte auf der Straße unmittelbar am Park. Menschen wurden in Rettungswagen geschoben und zu Krankenhäusern gefahren. In einem schnell aufgebauten Zelt sprachen Seelsorger mit Zeugen der Tat, die unter Schock standen. Die Polizei sperrte den gesamten Park ab und suchte mit Wärmebildkameras aus der Luft nach dem Täter. Aber vergeblich, er entkam in der Dunkelheit.
Schnell identifizierte das Landeskriminalamt einen Verdächtigen: Der 21-jährige Abdul B. wurde nach Angaben des Bundesinnenministeriums in der Vergangenheit durch ein „hohes Maß an Straftaten“ auffällig. Laut der Berliner Generalstaatsanwaltschaft soll er 2025 versucht haben, sich im Ausland der Terrormiliz Islamischer Staat anzuschließen. 2025 wurde er demnach im Libanon zu einer Haftstrafe verurteilt, im Mai in Deutschland zu einer Bewährungsstrafe.
Offensichtlich versteckte sich Abdul B. nach dem Anschlag zumindest zeitweise in einer Kleingartenanlage in Spandau. Bereits seit dem Nachmittag seien auffällig viele Polizisten unterwegs gewesen, erzählten einige Gartenpächterinnen vor Ort den vielen angereisten Reportern. Sie habe gerade den Müll herausbringen wollen, sagte eine Frau, da habe ein Polizist sie gebeten, lieber im Haus zu bleiben.
Ihrer Erinnerung nach begann der Zugriff gegen 18.00 Uhr. „Wir konnten uns erst keinen Reim darauf machen, dass das mit dem Attentat von gestern Abend zusammenhängt. Eigentlich geht es ja in der Kleingartenkolonie friedlich zu“, sagte sie.
In Berlin-Mitte stand neben der Suche nach dem Tatverdächtigen am Sonntag vor allem der gesellschaftliche Zusammenhalt im Mittelpunkt. Ob bei einem Gedenken am Brandenburger Tor oder einer Andacht in der Marienkirche, überall lautete die Botschaft: Wir lassen uns nicht unterkriegen.
„Diese Taten haben nur einen Zweck: Sie wollen unsere Gesellschaft spalten, sie wollen uns das Wichtigste nehmen, was wir haben, nämlich unsere Offenheit und unsere Freiheit“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kurz vor dem Gedenk-Gottesdienst in Berlin. „Ich möchte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des CSD hier in Berlin und in ganz Deutschland zurufen: Lassen sie sich, lassen wir uns nicht einschüchtern.“ Merz besuchte nach der Andacht den Tatort und legte dort mit weiteren Spitzenpolitikern weiße Blumen nieder.
„Gestern war ein Angriff auf uns alle, auf alle unsere Eventitäten, auf unsere Existenzen, auf unsere Gemeinschaft und unsere Demokratie. Und wir lassen uns davon nicht unterkriegen“, hieß es in einem der Redebeiträge auf einer Bühne am Brandenburger Tor. Menschen legten auch dort Blumen nieder, zündeten Kerzen an und lagen sich in den Armen, andere hielten Regenbogenflaggen und Plakate und Banner hoch, darauf stand etwa „Hass ist tödlich“ oder „Ein Angriff auf eine ist ein Angriff auf uns alle“.
Am Tatort standen auch am Sonntag immer wieder Menschen aufgewühlt an den rot-weißen Flatterbändern der Absperrung. Vielen kamen die Tränen, während sie sprachen. Auf einem großen Plakat auf dem Boden schrieben Menschen mit Stiften ihre Gefühle auf.
Ein Radfahrer hielt und schaute zu dem Ort zwischen den Bäumen, an dem das demolierte Auto stand. „Bitte nicht ansprechen“, sagte er. Auch er hatte sofort Tränen in den Augen. „Da spürt man wieder den ganzen Hass der islamistischen Welt auf den Westen.“ Ein anderer Mann sagte: „Plötzlich ist das wieder ganz nah.“ Er meinte die Erinnerung an den islamistischen Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt von fast zehn Jahren.
Ein weiterer Passant sagte, das Schlimme sei, dass die AfD jetzt wieder dazu gewinne. Eine Berlinerin, die nicht weit entfernt wohnt, sprach nur von „Wut“. „Und das wird nicht das letzte Mal sein leider“, meinte sie.
Der Vorsitzende eines queeren Chores sagte: „Jetzt erst recht. Man darf sich nicht einschüchtern lassen. Sonst erreichen diese Menschen ihr Ziel. Wir dürfen uns nicht den Mut nehmen lassen.“ Immer mehr Blumen standen und lagen vor den Bäumen. Auf einem kleinen Plakat war zu lesen: „Liebe siegt.“














