Armut

Tour durch Delhi: Wenn Straßenkinder zu Stadtführern werden

Kinder sitzen im Unterricht in einer Unterkunft für Straßenkinder in Neu-Delhi.

Kinder sitzen im Unterricht in einer Unterkunft für Straßenkinder in Neu-Delhi.

Von dpa

In den engen Gassen von Paharganj vermischen sich die Gerüche von Garküchen, Räucherstäbchen und verrottendem Müll. Über den Gebäuden hängt ein dichtes Geflecht von Stromleitungen. In der sommerlichen Regenzeit läuft das Wasser oft nur langsam ab, die Menschen waten teils durch Pfützen und Schlamm. Das quirlige Viertel im Zentrum der indischen Hauptstadt Neu-Delhi ist zugleich bekannt für seine vielen billigen Hotels und Hostels sowie ein buntes Markttreiben mit Straßenständen, günstigen Souvenirshops und Restaurants.

Zahlreiche Kinder und Jugendliche arbeiten hier auf den Straßen oder leben allein oder mit Freunden und Familie in der Umgebung des Neuen Bahnhofs Neu-Delhi, erzählen die 18-jährige Shivani und der 24-jährige Jafar. Beide arbeiten für den Salaam Baalak Trust und führen Touristen durch Paharganj. „Sozialarbeiter des Trust kommen hier jeden Tag in der Absicht, Kinder zu retten“, sagt Jafar.

Blick auf eine Straße im Neu-Delhi-Viertel Paharganj, wo mehrere Organisationen zum Schutz von Straßenkindern angesiedelt sind.
Blick auf eine Straße im Neu-Delhi-Viertel Paharganj, wo mehrere Organisationen zum Schutz von Straßenkindern angesiedelt sind.
Blick auf eine Straße im Neu-Delhi-Viertel Paharganj, wo mehrere Organisationen zum Schutz von Straßenkindern angesiedelt sind.
Die zwei Jugendlichen Shavani (l) und Jafar sind für die Organisation Salaam Baalak Trust in Neu-Delhi als Stadtführer tätig.
Die zwei Jugendlichen Shavani (l) und Jafar sind für die Organisation Salaam Baalak Trust in Neu-Delhi als Stadtführer tätig.
Die zwei Jugendlichen Shavani (l) und Jafar sind für die Organisation Salaam Baalak Trust in Neu-Delhi als Stadtführer tätig.

„Für diese Kinder gibt es oft keine andere Wahl als zu arbeiten. Sie sammeln Lumpen, arbeiten in kleinen Restaurants, putzen Schuhe oder reinigen Autoscheiben“, erzählt Shivani. Eltern oder Kinder müssten häufig erst überzeugt werden, in das Programm aufgenommen zu werden. Das gelinge nicht immer, denn die Kinder seien oft eine wichtige Einnahmequelle der Familien.

„Verborgen und unsichtbar“

Die New Delhi Train Station ist einer der wichtigsten Fernbahnhöfe der Stadt. Viele Kinder, die von zu Hause weglaufen oder von ihren Familien getrennt werden, kommen dort erstmals in Delhi an und übernachten auf Bahnsteigen oder in der Nähe. Andere reisen mit ihren Familien aus Bundesstaaten wie Assam, Bihar oder Uttar Pradesh an - in der Hoffnung auf ein besseres Auskommen.

Wie viele Straßenkinder es in Indien gibt, ist unbekannt. Oft wird eine schon einige Jahre alte Schätzung der staatlichen Kommission für den Schutz von Kinderrechten genannt, wonach etwa 1,5 bis 2 Millionen Kinder auf der Straße leben könnten. Andere gehen von deutlich höheren Zahlen aus, weil viele Kinder keine Ausweisdokumente besitzen oder in die Fänge krimineller Banden geraten. „Gangs am Bahnhof oder an den Bushaltestellen warten auf die Kinder“, sagt Jafar. Laut der Hilfsorganisation Leher werden Straßenkinder in Indien oft als „verborgen“ oder „unsichtbar“ beschrieben.

Brennpunkt Bahnhof

Bereits in den 1980er und 1990er Jahren siedelten sich mehrere Organisationen in Paharganj an, um Kinder möglichst direkt nach ihrer Ankunft zu erreichen. Die NGOs schließen nach eigener Darstellung Versorgungslücken, die Behörden arbeiten mit ihnen zusammen und kontrollieren zugleich ihre Arbeit.

Der Salaam Baalak Trust betreibt in mehreren indischen Großstädten getrennte Schutzunterkünfte für Jungen und Mädchen, bietet medizinische Versorgung und Unterricht für Kinder in Straßensituationen an. „Für uns ist es wichtig, ihnen einen sicheren Ort zu bieten - genau das ist unsere Mission“, sagt Mayurami Kakati, die das „City Walk“-Programm leitet.

Ungewöhnliche Stadtführung

Die Stadtführungen finanzieren die Projekte mit und sollen Besuchern die Lebenswirklichkeit von Straßenkindern näherbringen. Sie werden von jungen Erwachsenen geleitet, die selbst auf der Straße gelebt oder in Armut aufgewachsen sind. Auch Jafar und Shivani profitierten früher von den Angeboten des Trust.

Leben im Slum

Shivani lebt noch heute in einer Art Slum im Stadtteil Raghuvir Nagar, wie sie erzählt. Als sie 13 Jahre alt war, überredeten Sozialarbeiter ihre Eltern, ihr und ihrer Schwester eine Schulausbildung zu ermöglichen. Heute studiert sie an der Delhi-Universität. „Mein Vater meinte zuerst, Bildung für Mädchen ist nicht nötig“, sagt sie in fließendem Englisch. Ihre Mutter habe sie unterstützt und ihr Vater sei schließlich ebenfalls überzeugt worden.

Jafar wohnt in einer informellen Siedlung in Seelampur. Dort bekam er als Kind Kontakt mit Lehrern in einem mobilen Schulbus. Später halfen Sozialarbeiter ihm beim Wechsel auf eine reguläre Schule. Heute hat er einen Bachelor-Abschluss in Politikwissenschaft und arbeitet seit zwei Jahren als Tourführer. „Ich will meine Kommunikationsfähigkeiten verbessern und etwas zurückgeben.“

„Manchmal wollen die Eltern ihre Kinder nicht zurück“

In einer Kurzzeit-Unterkunft für Jungen in Paharganj leben aktuell mehr als 20 Kinder. Der Trust versucht, in Zusammenarbeit mit den Behörden ihre Familien ausfindig zu machen, um sie mit ihren Kindern wieder zu vereinen. Das könne häufig Wochen oder Monate dauern, sagt Sozialarbeiter Sonu. „Manchmal helfen schon eine Postleitzahl, Bilder oder Erinnerungen an den Wohnort.“ Manche Eltern weigerten sich jedoch, ihre Kinder zurückzunehmen.

Nächte auf dem Bahnsteig

Auch der 14-jährige Abhishek lebt vorübergehend in der Unterkunft. Er kam vor einigen Wochen mit Freunden aus Assam nach Delhi, verbrachte mehrere Nächte auf Bahnsteigen und wurde schließlich von Sozialarbeitern angesprochen. Heute erhält er Unterkunft, Verpflegung und Unterricht. „Er kann jetzt schon ein wenig auf Hindi schreiben“, sagt seine Lehrerin Kavita Bhatt. Etwa 40 Prozent der Kinder, die kämen, könnten weder lesen noch schreiben.

Inzwischen hat der Trust Kontakt zu Abhisheks Großeltern in Assam aufgenommen, mit denen er zusammen lebt. Die Organisation will seine Rückkehr organisieren. Aus seiner Tasche holt der Junge einen winzigen Zettel mit einer Telefonnummer. Er habe bereits mit seinem Bruder telefoniert und freue sich darauf, wieder nach Hause fahren zu können.

Dieser Artikel ist Teil eines automatisierten Angebots der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Er wird von der idowa-Redaktion nicht bearbeitet oder geprüft.

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