Literaturnobelpreis

„Poesie-Guru“: Die nobelpreisgekrönte Kanadierin Anne Carson

Dichterin, Übersetzerin, Philologin: Die Kanadierin Anne Carson hat sich ihre eigene Welt erschaffen, wird von Fans verehrt und mit Auszeichnungen überhäuft - jetzt sogar mit dem Nobelpreis.

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Anne Carson - hier 2019 in New York - ist die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin. (Archivbild)

Anne Carson - hier 2019 in New York - ist die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin. (Archivbild)

Von dpa

Als Kind verehrte Anne Carson den Dichter Oscar Wilde. Sie habe genauso sein wollen wie der irische Autor aus dem 19. Jahrhundert - belesen, elegant und witzig, erzählte die Kanadierin einmal der „New York Times“. Also studierte sie Latein und Altgriechisch und wurde so gut darin, dass sie inzwischen lehrt und übersetzt. Außerdem wurde die Kanadierin Schriftstellerin und Dichterin und auch darin so herausragend, dass sie Dutzende Preise bekam - jetzt sogar die größte aller literarischen Auszeichnungen, den Literaturnobelpreis.

Geboren wurde Carson am 21. Juni 1950 als jüngstes von zwei Kindern in Toronto. Ihr Vater arbeitete bei verschiedenen Banken, ihre Mutter war Hausfrau, die Familie zog oft um und lebte in vielen kleineren Städten in der kanadischen Provinz Ontario. Die Faszination für Latein und Altgriechisch begann schon in der Schule, an der Universität setzte Carson ihre Studien darin fort. An der Universität von Toronto habilitierte sie schließlich. Altgriechisch sei für sie die „beste Sprache“, sagt Carson. „Es ist einfach sehr spezifisch. Einfach eine andere Erfahrung.“

Bücher von Anne Carson im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann.

Bücher von Anne Carson im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann.

1986 erschien ihr erstes Werk „Eros the Bittersweet“

Carson begann Altgriechisch zu übersetzen und zu lehren, an vielen verschiedenen Universitäten, unter anderem in Ann Arbor im US-Bundesstaat Michigan und in New York. Nebenbei schrieb sie und brachte 1986 ihr erstes Buch heraus. „Eros the Bittersweet“ ist eine Mischung aus Roman, Poesie und altphilologischer Abhandlung und machte gleich deutlich, dass sich Carson nicht in die klassischen Kategorien der Literatur einordnen lässt. „Wenn Prosa ein Haus ist, dann ist die Poesie ein brennender Mann, der da relativ schnell durchrennt“, sagte sie einmal dem britischen „Guardian“.

Mehr als ein Dutzend weitere Bücher hat Carson veröffentlicht - alle genauso ungewöhnlich, aber mit jedem neuen Buch erschrieb sich die Kanadierin neue enthusiastische Fans. „Autobiography of Red“ wird von vielen als ihr Meisterwerk gefeiert, auf Deutsch kam das Buch 2019 zusammen mit dem Nachfolger „Red Doc“ als „Rot. Zwei Romane in Versen“ beim Verlag S. Fischer heraus.

Carson wurde schon als „Poesie-Guru“ gefeiert

Auch Kritiker feiern Carson schon lange. Der „Guardian“ bezeichnete sie einmal als „Poesie-Guru“. Die „New York Times“ bejubelte vor einigen Jahren in einem großen Porträt ihre „unergründliche Brillanz“.

„Sie gibt einem den Eindruck - auf ihren Seiten, bei Lesungen - als wäre sie jemand aus einer anderen Welt, entweder außerirdisch oder antik, für den die modernen irdischen Kategorien zu künstlich und einfach sind, um so etwas wie die echte Wahrheit zu beinhalten, die sie kommunizieren will“, schrieb die Zeitung. Carsons Werke hätten sich in Richtungen bewegt, „in die das menschliche Gehirn sich niemals auf natürliche Art und Weise bewegt“.

Und das sei auch genau ihr Ansinnen, sagt Carson: „Ich möchte die Gehirne der Menschen bewegen und das ist nicht etwas, was sie natürlich von selbst machen. Wir haben eine Art Schwerfälligkeit, sitzen, hören zu. Aber es ist sehr wichtig, in das Gehirn zu kommen und es irgendwohin zu bewegen, wo es noch nie war.“

Für diese Arbeit wurde die Kanadierin unter anderem schon mit dem Guggenheim Fellowship, dem MacArthur Fellowship, dem Pen-Preis für Dichtung und der Ehrendoktorwürde der University of Toronto ausgezeichnet. Nun folgt der prestigeträchtige Literaturnobelpreis, den die 76-Jährige in diesem Jahr für ihr „kühnes und erfinderisches“ Werk erhält, wie die Schwedische Akademie in Stockholm bekanntgab.

„Mache alles, um Langeweile zu vermeiden“

Seit einigen Jahren unterstützt Carsons Partner Robert Currie sie bei ihrer Arbeit. Gemeinsam bringen sie auch Performances auf die Bühne. „Meine Arbeit war mir langweilig geworden“, sagte Carson. „Und er hat dann gesagt: "Na gut, dann ergänzen wir Tänzer." Und das haben wir gemacht.“ Langeweile sei sowieso ihr größter Feind. „Ich mache alles, um Langeweile zu vermeiden. Das ist meine Lebensaufgabe.“

Mit ihren 76 Jahren ist Carson anerkannte Expertin für Latein und Altgriechisch sowie preisgekrönte Schriftstellerin und Dichterin - aber der in ihrer Kindheit verehrte Oscar Wilde bleibt das Vorbild. „Ich habe nie aufgehört, so sein zu wollen wie er. Wer könnte das aufhören? Das Ziel ist unerreicht, bis jetzt.“

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