Furth im Wald
Der unverzichtbare Unsichtbare

Melanie Haimerl
Schaltzentrale des koordinierten Ablaufs: Maier und Winklmüller verfolgen jede Szene, geben über Funk Anweisungen.
Es ist 17.52 Uhr. Heinz Winklmüller kommt mit einem Lächeln in den Bereich hinter der Drachenstich-Bühne und sperrt ein kleines Holzhäuschen auf - in Spielscharkreisen auch als Prosecco-Haisl bekannt. Er geht hinein, wirft einen Blick in seine Werkzeugkiste und holt sich einen Schlüssel. "Heute lieg' ich gut in der Zeit", sagt Winklmüller. In dieser Drachenstichsaison muss sich Heinz Winklmüller nicht schminken lassen, er muss sich nicht umziehen und keinen Text lernen, denn er hat nach zehn Jahren seine Rolle auf der Bühne gegen den Part des Inspizienten getauscht. Er tritt damit in die Fußstapfen von Gerd Maier. Seine Arbeit wird von Außenstehenden kaum wahrgenommen, denn Winklmüller ist verantwortlich für Dinge, die der Drachenstichbesucher eigentlich als selbstverständlich ansieht. Doch ein Blick hinter die Kulissen zeigt: Es gibt viel zu tun - sehr viel.
"Dirigent" hinter der Bühne
"Ich muss alle Fenster und Eingänge aufsperren, die Bühne spielbereit machen, schauen, dass alles an seinem Platz liegt, teilweise die Requisiten bereitstellen, das Spiel verfolgen, per Funk Anweisungen geben ...", die Aufzählung von Heinz Winklmüller würde Minuten füllen. Während er von seiner Arbeit erzählt, schließt er gerade die Türe auf, hinter der sich der Torwagen versteckt. Er schiebt ihn raus und macht die Tür hinter sich wieder zu. Noch herrscht Ruhe auf den Tribünen. Winklmüller arbeitet, ohne dass es jemand merkt. "Ich will, dass auf der Bühne alles passt, bis die ersten Gäste kommen." Er geht zurück hinter die Bühne. Dort sichert er den Torwagen mit zwei großen Eisenstangen. "Dieser Bereich muss auch während des Stücks immer frei bleiben."
In der Zwischenzeit kommt Gerd Maier. "Ohne ihn wäre ich total aufgeschmissen gewesen", gesteht Winklmüller. Maier greift seinem Nachfolger im ersten Jahr noch unter die Arme, gibt ihm Tipps, die auf seiner langjährigen Erfahrung beruhen. Sie sind ein eingespieltes Team. Es bleibt kurz Zeit für ein paar "Hudala" aus der Vergangenheit, für einen Rückblick über markante Ereignisse.
"Weißt noch, als ich den Bürgermeister verratscht hab", sagt Maier und muss lachen. Maier hat das Stichwort nicht gegeben, folglich wurde das Tor nicht geöffnet und der Chamerauer kam nicht auf die Bühne. Ein Beweis dafür, wie wichtig die Arbeit des Inspizienten ist. In Erinnerung wird Maier auch immer die Evakuierung beim großen Unwetter vor zwei Jahren bleiben: "Das Wichtigste war, einen Unterstand für die Leute zu suchen." Alles andere war an diesem Abend nebensächlich.
Maier zählt weiter auf: Einmal wurde eine Generalprobe abgesagt, ein anderes Mal ist vier Wochen vor der Premiere der Schwarze Ritter krankheitsbedingt ausgefallen. Vorfälle, die unvorhersehbar sind, aber bei denen alle an einem Strang ziehen ... Beide gehen ins "Prosecco-Haisl" zurück. Winklmüller deutet auf zwei Becher. "Die hab ich heute noch frisch gespritzt." Deswegen riecht es an diesem Tag im Häuschen etwas nach Lack. "Aber ich hab den zweiten Becher nicht mehr gefunden." Wenn im Stück mit Geschirr geworfen wird - und das ist nicht selten -, geht er nach der Aufführung auf die Bühne und sammelt wieder alles ein. Doch der Becher bleibt verschwunden. Diesbezüglich arbeitet Winklmüller eng mit Manfred Gruber zusammen, der für die Requisiten verantwortlich ist.
Gutes Netzwerk
Bei seinem Gang über die Bühne entdeckt Winklmüller etwas, das noch vor der Aufführung repariert werden muss. An einer Strebe ist der Stoff verrutscht und die Eisenstange blitzt durch. Er holt einen starken Draht und gemeinsam mit Gerd Maier wickelt er das Tuch wieder um die Stange. Fertig. Ansonsten ist an diesem Tag nichts kaputt. Winklmüller war bereits am Vormittag rund eineinhalb Stunden da und hat alles in Ordnung gebracht.
Inzwischen ist es fast 19 Uhr. Winklmüller geht ins Büro der Drachenstich-Organisationsleitung. Lisa Kager empfängt ihn mit einem Lächeln. "Die Zusammenarbeit funktioniert super", sagt sie. Und auch Winklmüller weiß die kurzen Wege zwischen Inspizient und Organisation sehr zu schätzen. "Das erleichtert die Arbeit." Winklmüller braucht den Schlüssel zum Schul-stadl. Dort treffen sich die Rosserer vor der Aufführung. Der Inspizient sperrt den Stadl auf und nimmt die Getränkebestellung entgegen. Der Inspizient sorgt hier jeden Tag für Nachschub.
Auf dem Weg zurück zur Bühne sucht Winklmüller vor allem auch den persönlichen Kontakt, schenkt jedem ein kleines Lächeln und auch für eine kleine Prise Schnupftabak ist immer Zeit. Winklmüller bleibt stehen und hört sich die Anliegen an. "Was ist denn nun genau unser Stichwort", fragt einer der Rosserer. Er hatte das Gefühl, dass die Kutsche letztes Mal einen Tick zu spät losgestürmt ist. "Bei 'Schau an', kurz danach", erklärt Winklmüller.
Die Arena immer im Blick
Inzwischen herrscht hinter der Bühne reges Treiben, die Tribünen füllen sich. Gemeinsam mit Maier geht er checklistenartig noch einmal alles durch: Die Fahnen sind da, die Becher sind da, der FC hat die Bühne vorbereitet, alles ist an seinem Platz. Dann geht's los.
Winklmüller setzt sich auf seinen Platz im "Prosecco-Haisl". Alles erinnert an ein Dirigentenpult. Darauf sind jedoch keine Noten, sondern das Textheft, die Stichworte sind farbig hervorgehoben. Winklmüllers Blick ist konzentriert auf den Monitor gerichtet, der das Bühnenbild zeigt. Über Funk gibt er Anweisung, Tore öffnen und schließen sich.
Inzwischen kümmert sich Gerd Maier draußen um den Ablauf. Zusammen mit der Feuerwehr löscht er die brennenden Fackeln, dann holt er die nächste und bereitet sie vor. Damit Winklmüller mit der ganzen Situation vertraut wird, greift ihm Maier auch während des Stücks noch unter die Arme. "Nächstes Jahr mach ich es dann ohne ihn", sagt Winklmüller. Doch nervös ist er deswegen nicht. Er weiß, er ist nicht alleine. "Es sind viele Zahnräder, die ineinandergreifen: FC, Bauhof, Funker, Rosserer und Feuerwehr - jeder weiß, was zu tun ist." Auch der gute Draht zu allen Gruppierungen und Darstellern ist für Winklmüller sehr positiv.
Nach der Aufführung hat er in der Regel noch eine halbe Stunde zu tun. Er muss die Requisiten für die nächste Vorstellung herrichten, gegebenenfalls schon Reparaturen veranlassen, aufräumen und die Bühne kontrollieren. Seine Arbeit endet, wie sie begonnen hat: Er schließt das "Prosecco-Haisl", dreht den Schlüssel im Schloss ...














