Abhängigkeit

Warum Nikotin-Zahnstocher ein gefährlicher Trend sind

Ein neuer Trend sorgt auf TikTok und Co. für Aufsehen: junge Menschen mit Zahnstochern. Dabei handelt es sich aber nicht um gewöhnliche Holzspießchen: Sie sind in Nikotin getränkt.

Nikotin-Zahnstocher lassen sich rein optisch nicht von gewöhnlichen Zahnstochern unterscheiden.

Nikotin-Zahnstocher lassen sich rein optisch nicht von gewöhnlichen Zahnstochern unterscheiden.

Wie der Trend entstand

Mai 2025, eine Digitalmesse in Hamburg. Ryan Reynolds sitzt in einem Sessel auf einer Bühne, als ein junger Start-up-Gründer ihm einen aromatisierten Zahnstocher zum Ausprobieren gibt. Der bekannte US-Schauspieler steckt ihn sofort in den Mund – und wirkt begeistert. In diesem Moment beginnt ein Trend um aromatisierte Zahnstocher, die zum Beispiel nach Minze oder einer Frucht schmecken. Durch einen Auftritt desselben Start-ups in der Fernsehserie „Die Höhle der Löwen“ wird der Hype noch größer. Das Unternehmen erhält dort eine Viertelmillion Euro von den Investoren.

Noch handelt es sich um schlichte Zahnstocher mit Geschmack. Bis die Tabakindustrie auf die Idee kommt, sie in Nikotin zu tränken. Das soll Rauchern dabei helfen, mit Zigaretten aufzuhören. Doch schnell häufen sich auf TikTok Clips, die Jugendliche mit den Nikotin-Zahnstochern zeigen. Statt Menschen dabei zu helfen, mit dem Rauchen aufzuhören, sind sie jetzt ein Einstiegs-Suchtmittel für junge Menschen.

Ist der Trend bei uns in der Region angekommen?

Anton Emerdinger arbeitet beim Betreuungsverein 1:1 in Straubing. Er besucht Schulklassen im Raum Straubing, Dingolfing, Landau an der Isar und Passau, um über die Entstehung von Süchten aufzuklären. So hat der Pädagoge einen guten Überblick, was bei jungen Menschen angesagt ist. Er sagt: Aktuell haben Lehrer in der Region ihr Augenmerk noch auf Snus (Nikotinbeutel, die man in den Mund legt) und Vapes (E-Zigaretten). Von Nikotin-Zahnstochern hätten Lehrer und Schüler zwar schon gehört – von einem Trend könne man hier aber noch nicht sprechen. Doch Anton Emerdinger geht davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis der Hype zu uns kommt.

Anton Emerdinger arbeitet als Referent in der Prävention beim Betreuungsverein 1:1 in Straubing.

Anton Emerdinger arbeitet als Referent in der Prävention beim Betreuungsverein 1:1 in Straubing.

Die Taktik der Tabakindustrie

Die Tabak- und Nikotinindustrie musste in den vergangenen Jahrzehnten durch Anti-Raucher-Kampagnen finanzielle Einbußen machen. „Deshalb ist sie immer auf der Suche nach neuen Produkten, um die Leute wieder abhängiger zu machen und wieder mehr Geld zu verdienen“, erklärt der Suchtexperte Anton Emerdinger. Snus, Vapes, Zahnstocher – alles Versuche, um neue Kunden zu gewinnen. Dabei sprechen vor allem junge Menschen auf die bunten Verpackungen und Geschmäcker von E-Zigaretten oder Nikotin-Zahnstochern an. Das Gefährliche an diesen neuen Nikotinprodukten: Sie stinken nicht wie gewöhnliche Zigaretten und hinterlassen erstmal keinen Dreck. „Deshalb kann man sie auch leicht in der Schule benutzen“, sagt der Fachmann. „Dann hat man das Ding halt in der Hosentasche. Und guckt der Lehrer mal kurz weg, greift man nach dem Zahnstocher.“

In Deutschland verboten

Nikotin-Zahnstocher sind in Deutschland nicht erhältlich. Doch wer will, findet einen Weg: Konsumenten bestellen sie einfach online aus dem Ausland. So gelangen sie auch an Schulen. Das Problem dort: Rein optisch können Lehrer nicht erkennen, ob es ein gewöhnlicher Zahnstocher ist oder einer mit Nikotin. Als sich im Dezember 2025 an einer Münchner Realschule plötzlich immer mehr Schüler mit den hölzernen Stäbchen zeigten, zog der Schulleiter die Notbremse. Und erließ als Erster in Bayern ein Zahnstocher-Verbot an einer Schule. Er erklärte: „Suchtmittel haben hier nichts zu suchen, das gilt auch für Nikotin-Zahnstocher.“ Ob weitere Schulen nachziehen werden, wird sich zeigen. Der Suchtexperte Anton Emerdinger ist für generelles Verbot an Schulen, sollte sich der Trend weiter ausbreiten.

Die gesundheitlichen Gefahren

Nikotin-Zahnstocher sind gewöhnliche Holz-Zahnstocher, die in einer Lösung aus hochkonzentriertem Nikotin und Aromen getränkt werden. Während beim Rauchen einer Zigarette zwischen einem und drei Milligramm Nikotin in den Körper gelangen, stecken in einem Zahnstocher zwischen zwei und sechs Milligramm des Nervengifts. Der Suchtexperte Anton Emerdinger erklärt: „Wie viel davon letztlich im Körper ankommt, hängt davon ab, wie intensiv von allen Seiten gekaut wird.“

Bei den Zahnstochern gelangt das Nikotin über die Mundschleimhaut in den Blutkreislauf. Dadurch wird im Gegensatz zu Zigaretten zwar die Lunge geschont und auch die Mundschleimhaut nicht so sehr strapaziert wie bei Snus – doch die Gefahren durch das Nikotin bleiben. Neben einer Abhängigkeit kann es zu Herzrasen, Kreislaufproblemen und Übelkeit kommen.

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