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S wie September, Schwermut und Sternschwammerl

Von Redaktion idowa

September. Es herbstelt. Man räumt schweren Herzens den Bikini in den Schrank, war's doch erst gestern, als man ihn erstand - oder? Seufz. Dann schaut man zum grau-blauen Wolkenhimmel hinauf, es nieselt, ein kühler Wind weht, man riecht schon das gefallene Laub - und Schwammerl! Hurra!

Schwammerl suchen die Menschen seit ... ja, immer schon. Früher gehörte das zur lebensnotwendigen Nahrungssuche, heute ist es eine der beliebtesten Familiensportarten überhaupt. Wobei traditionell der Vater die fürchterlich frühe Weckzeit, das Schritttempo, das mehr oder minder geheime Fleckerl und die aufzuklaubenden Sorten bestimmt - letzteres freilich nach bestem Wissen und Gewissen. Ich bin schwammerlsuchsüchtig. Das hat damit zu tun, dass ich schon im Kängurubeutel beim Suchen dabei war, als meine hochschwangere Mama mit meinem Papa durch den Wald gerumpelt ist. Freilich bestimmte der Papa die Weckzeit, das Tempo ...

Übrigens hätte bis 1828 Schwammerl suchen nicht nur gebückte Menschen in Wald und Wiesen (Achtung: nicht Wies'n, obwohl die auch im September aus dem Boden schießt und die Menschen beugt) bedeuten können, sondern auch das Auffindenmögen von Franz Schubert. "Schwammerl" war sein Spitzname. Weswegen Rudolf Hans Bartsch seinen 1911 verfassten Roman, der Schuberts Leben frei zum Vorbild nahm, "Schwammerl" nannte. Allerdings sagt man in unseren Breitengraden sowieso "in die Schwammerln gehen", also keine Verwechslungsgefahr.

Seit 1994 bestimmt die Deutsche Gesellschaft für Mykologie e.V. den "Pilz des Jahres". Der erste war die Eichenrotkappe, und heuer ist es die Schleiereule. Für mich allerdings, gibt es nur einen Schwammerl. Denn als ich neulich nach einem Ausflug unverhofft ein Pfund (!) Steinpilze (!) durch Schwabing geradelt habe, war die Juchzerei groß und ich neu verliebt. In den Erdstern. Ja, das sind diese anmutigen kleinen Sternchen, Gattung Geastrales, die so lustig stäuben, wenn man sie andupft.

Wer nun in den Wald stiefeln und Schwammerln habhaft werden mag, muss wichtige Gebräuche beachten:

Erlaubt ist:
- Die Eltern um sechs Uhr mit "Hallali, die Sau ist tot!" wecken. Freilich muss man dann do tun, als ob der Vater die Weckzeit bestimmt hätte
.
- Für Unerfahrene ein Buch mitnehmen, in dem ganz klar "essbar" und "giftig" bebildert und erklärt ist.

- Sich selbst und seinen Fund über den Schell'nkönig loben.

- Fotos vom Fund machen und allen zeigen.

- Jemanden, der ein Pfund Steinpilze gefunden hat, aushorchen wollen. Achtung: Die Toleranzgrenze liegt bei Ausgefragten meist sehr niedrig.

- Die erbeuteteten Schwammerl streicheln und an ihnen riechen.

Verboten ist:
- Niemals, wirklich niemals erzählen, wo man den Rüssel in den Boden gesteckt und Schwammerl gefunden hat. Man brummt etwas daher von wegen "... ing" oder "...ofen" und "... da hinten halt irgendwo, du weißt schon, in dem kleinen Wald"

- Plärren. Weil es das nicht braucht, dass der ganze Wald weiß, wo man was gefunden hat. Schließlich haben der Wald und die wenigen Viecherl ein Recht auf Ruhe.

- Den anderen Schwammerlsuchern reinreden. Man sieht gar nicht, grüßt knapp, wen man kennt und geht gleich ein paar Meter vom Suchflecken weg, Denn: siehe Punkt eins.

- Reißen: Schwammerl schneidet man ab. Auf gar keinen Fall den Schwammerl abreißen! Was wir sehen, sind die Fruchtkörper.

- Löcher zu bedecken und alle Schwammerl mitnehmen.

- Sternschwammerl zerstampfen. Man dupft!

- Schwammerl, die man nicht kennt oder die giftig sind, umtreten. Es würde uns auch nicht gefallen, wenn uns ein überdimensionaler Fuß auf den Boden gatscht, bloß weil dem Fußbesitzer unsere Hüte nicht gefallen.

- Müll ist kein natürlicher Bestandteil des Waldes. Er gehört dahin, wo er herkam, nämlich in menschlich Behausungen.

Also raus mit euch und Hallali! In der Schweiz muss man übrigens nach "Schwämmli" oder "Schwümm" suchen und in Niederösterreich sollte man "Schwammerl" nicht direkt und laut in niederösterreichische Gesichter sagen. Dort bedeutet "Schwammerl" nämlich auch Depp.

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