Frühjahrsvollversammlung

Bischöfe suchen Dickhäuter mit Spagat-Künsten

Die Deutsche Bischofskonferenz wählt in Würzburg einen neuen Vorsitzenden (Archivbild).

Die Deutsche Bischofskonferenz wählt in Würzburg einen neuen Vorsitzenden (Archivbild).

Von dpa

Es passiert nicht oft, aber kürzlich war der christliche Glaube Thema eines ganzen Hollywood-Thrillers. Titel: „Heretic“. Darin zwingt Hugh Grant in der Rolle des diabolischen Mr. Reed zwei junge Missionarinnen, durch eine von zwei Türen zu gehen. Auf der einen Tür steht „Belief“ (Glaube), auf der anderen „Disbelief“ (Unglaube). In Deutschland wählen immer mehr Menschen die zweite Tür.

Nach einer Studie des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster ist der Glaube an einen personalisierten Gott und ein Jenseits für immer weniger Menschen plausibel. Die beiden großen Kirchen in Deutschland verlieren jedes Jahr durch Austritte und Todesfälle zusammen rund eine Million Mitglieder. „In weniger als zehn Jahren wird das Gesicht der katholischen Kirche völlig anders aussehen als heute“, sagt der Kirchenrechtler Thomas Schüller der Deutschen Presse-Agentur. „Sie wird eine Minderheitenkirche.“ Vor diesem Hintergrund hält die Deutsche Bischofskonferenz ab Montag in Würzburg ihre diesjährige Frühjahrsvollversammlung ab. Am Dienstagvormittag will sie dort einen neuen Vorsitzenden wählen.

Nach Auffassung des Kirchenrechtlers Thomas Schüller wird die katholische Kirche in Deutschland bald nur noch eine Minderheitenkirche sein (Archivbild).
Nach Auffassung des Kirchenrechtlers Thomas Schüller wird die katholische Kirche in Deutschland bald nur noch eine Minderheitenkirche sein (Archivbild).
Nach Auffassung des Kirchenrechtlers Thomas Schüller wird die katholische Kirche in Deutschland bald nur noch eine Minderheitenkirche sein (Archivbild).
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, gibt seinen Posten ab (Archivbild).
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, gibt seinen Posten ab (Archivbild).
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, gibt seinen Posten ab (Archivbild).

Derjenige, der den Job die letzten sechs Jahre gemacht hat, Georg Bätzing aus Limburg, war vielen zu reform- und meinungsfreudig. Er hat sich entschlossen, nicht noch einmal anzutreten. Offizielle Nachfolge-Kandidaten gibt es nicht, die Wahl gilt als offen. Oberhirten, die immer wieder mal genannt werden, sind: Udo Bentz aus Paderborn, Peter Kohlgraf aus Mainz, Franz-Josef Overbeck aus Essen, Heiner Wilmer aus Hildesheim und Michael Gerber aus Fulda. Gerber erholt sich noch von einer Krebserkrankung, vorher war er Favorit.

Frauen kommen für die Position nicht in Betracht, weil sie in der katholischen Kirche keinerlei Weiheämter - Bischof, Priester, Diakon - wahrnehmen dürfen. Begründung: Jesus war ein Mann, hat nur Männer zu Aposteln berufen, und die Kirche hat es immer schon so gehandhabt.

Echte Macht hat der Chef-Bischof nicht. „Vom Kirchenrecht her ist der Vorsitzende eigentlich nur der Moderator der für sich jeweils souveränen Bischöfe“, erläutert der Theologe Daniel Bogner. „Gesellschaft und Politik erwarten aber eine Persönlichkeit mit klarem Profil.“ Der Vorsitzende müsse die katholische Kirche in Deutschland „sichtbar und greifbar“ machen.

Angesichts ihres Mitgliederschwunds findet die Kirche in der deutschen Öffentlichkeit immer weniger statt. Bätzing hat in seiner sechsjährigen Amtszeit immerhin einen Reformprozess organisiert, der durchaus Schlagzeilen machte, den Synodalen Weg. Auslöser dafür war das Bekanntwerden tausendfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester. Bätzings größte Leistung ist für viele, dass er die Bischöfe dazu gebracht hat, in einer einstimmig angenommenen, sehr deutlich formulierten Erklärung vor einem neuen Rechtsextremismus in Deutschland zu warnen.

Mit seinem Reformeifer brachte der 64-jährige Bätzing sowohl konservative Mitbrüder wie Kardinal Rainer Maria Woelki aus Köln und Stefan Oster aus Passau gegen sich auf als auch die Zentralverwaltung der katholischen Weltkirche in Rom, die Kurie. „Er ist nie warm geworden mit Rom und Rom nicht mit ihm“, analysiert Kirchenrechtler Schüller. Am Ende war eine Mehrheit für seine Wiederwahl wohl nicht sicher.

Die Aufgabe des neuen Vorsitzenden bestehe nun in der Moderation der uneinigen Bischöfe und dem Aufbau eines vertrauensvollen Verhältnisses zu Papst Leo XIV. und dem Vatikan, sagt Schüller. „Der neue Vorsitzende sollte die wesentlichen Sprachen beherrschen, vor allem Italienisch, und eine dicke Haut haben, wenn er Kritik abbekommt, die eigentlich auf Andere abzielt.“ Die katholische Amtskirche ist schon oft als Schlangengrube beschrieben worden.

Prof. Bogner sieht es ähnlich: „Der Vorsitzende muss stets in zwei Richtungen kommunizieren: Rom möchte, dass die deutsche Kirche sich als Teil der einen Weltkirche versteht. In Deutschland hingegen erwarten viele ein zügigeres Reformtempo, als es im weltweiten Katholizismus möglich ist.“ Gefragt ist also ein fast unmöglicher Spagat: Rom muss den Eindruck bekommen, dass auch die deutsche Kirche gut katholisch ist. Und in Deutschland muss sich die Kirche in eine pluralistische Gesellschaft einfügen, in der Religion Privatsache und die katholische Sexualmoral praktisch irrelevant ist.

Bätzings Nachfolger müsse also viel Fingerspitzengefühl für politische Zusammenhänge mitbringen, sagt Bogner, aber auch das intellektuelle Format haben, das die Kirche für ihre Debattenfähigkeit dringend benötige: „Vor allem darf sich der Neue nicht in Grabenkämpfe und Polarisierungsschlachten verwickeln lassen, um das Amt erfolgreich ausüben zu können.“

Dieser Artikel ist Teil eines automatisierten Angebots der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Er wird von der idowa-Redaktion nicht bearbeitet oder geprüft.

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