Branche im Wandel
Immer mehr ostbayerische Zulieferer stecken in der Krise
Die Krise der deutschen Autoindustrie trifft zunehmend auch die Zulieferer in Ostbayern. Der Wandel vom Verbrennungsmotor hin zur Elektromobilität erfordert hohe Investitionen, doch die erhofften Erträge bleiben bislang aus. Gleichzeitig sorgt die Absatzkrise in der Branche für wachsenden Druck. Immer mehr Unternehmen in Niederbayern und der Oberpfalz setzen drastische Sparmaßnahmen um, streichen Stellen oder schließen Standorte. Die Liste betroffener Firmen wird immer länger.
Ostbayerische Autozulieferer
Continental
Continental, Automobilzulieferer und Reifenhersteller mit Hauptsitz in Hannover, hat bereits Mitte 2023 ein umfassendes Sparprogramm angekündigt, das den Abbau von weltweit rund 7.150 Stellen in der kriselnden Autozuliefersparte vorsieht. Das Programm zielt darauf ab, ab 2025 jährliche Kosteneinsparungen von 400 Millionen Euro zu realisieren. Die Maßnahmen betreffen sowohl Verwaltungsbereiche als auch Forschung und Entwicklung. Bereits im Oktober 2019 kündigte das Unternehmen an, bis 2024 seinen Standort in Roding (Landkreis Cham) mit 540 Beschäftigten zu schließen. Im Dezember 2024 hat das Unternehmen mitgeteilt, sich von seiner schwächelnden Zulieferer-Sparte trennen zu wollen. Nun sollen auch am Standort Regensburg, an dem etwa 5.000 Mitarbeiter beschäftigt sind, bis Ende 2025 rund 350 Stellen gestrichen werden. Das Unternehmen plant, den Stellenabbau so sozialverträglich wie möglich zu gestalten.
Deltec
Deltec hat im Dezember 2024 Insolvenz angemeldet. Das mittelständische Unternehmen mit Hauptsitz in Furth im Wald (Landkreis Cham) fertigt seit 1999 elektronische Baugruppen. Das Unternehmen beschäftigt rund 350 Mitarbeiter und ist in verschiedenen Branchen tätig: Automotive, Industrie, Medizin und Erneuerbare Energien. Der Automotive-Bereich machte bisher den größten Teil der Produktion aus. In diesem Sektor fertigt Deltec unter anderem Komponenten für Infotainment, Lichttechnik, E-Mobility, Sensorik, Komfortelektronik, Fahrassistenzsysteme und Motorsteuerung. Laut eigenen Angaben des Unternehmens sind diese Produkte bei nahezu allen europäischen Fahrzeugherstellern im Einsatz. In einer Pressemitteilung von Anfang Dezember äußert sich Insolvenzverwalter Jochen Wagner über die Hintergründe, die das Unternehmen ins Wanken gebracht hat. Man habe nicht schnell genug auf die rückläufige Entwicklung des Geschäftsbetriebs reagieren können - insbesondere wegen der allgemeinen Entwicklung im Automobilsektor und weiterer Industriebranchen sowie der zunehmenden Verlagerung von Umsätzen in Niedriglohnländer. Aus der öffentlichen Bekanntmachung des Amtsgerichts Regensburg vom 31. Januar geht nun hervor, dass das Insolvenzverfahren gegen das Unternehmen eröffnet wurde. Offen bleibt, ob ein geeigneter Käufer für Deltec gefunden wird und wie es mit den Arbeitsplätzen der rund 350 Mitarbeiter weitergeht.
Dräxlmaier
Im Dezember 2024 hat die Dräxlmaier-Gruppe mit Hauptsitz in Vilsbiburg (Landkreis Landshut) „Personalanpassungen“ bestätigt. Betroffen seien mehr als 500 Stellen an den Standorten Vilsbiburg und Landau an der Isar. Laut Rudolf Lang, Vorsitzender des Betriebsrats, sollen hinter den „Personalanpassungen“ Abfindungszahlungen stecken, die am Standort Vilsbiburg rund 350 Mitarbeiter in der Verwaltung betreffen. Am Produktionsstandort Landau seien rund 200 Beschäftigte betroffen. Die Kündigungsmaßnahmen sollen im Laufe des ersten Quartals 2025 umgesetzt sein. Nach eigenen Angaben beschäftigt das Unternehmen mehr als 70.000 Mitarbeiter an rund 60 Standorten. Die Gruppe ist ein global tätiger Automobilzulieferer, der Bordnetzsysteme, Batteriesysteme, Elektrik- und Elektronik-Komponenten sowie Interieur herstellt. Das Unternehmen beliefert Kunden wie Audi, BMW, Mercedes-Benz und Porsche. Grund für die Personalanpassungen seien in erster Linie die ausbleibende Nachfrage nach E-Autos, „geopolitische Krisen“ sowie Hemmnisse wie Schutzzölle.
Flabeg
Im August 2024 hat das Unternehmen Flabeg Automotive Germany mit Sitz in Furth im Wald (Landkreis Cham) zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren Insolvenz angemeldet. Das Unternehmen ist in der Glasbearbeitung und -veredelung tätig, insbesondere für die Automobilindustrie, und beschäftigt rund 190 Mitarbeiter. Zu den Produkten zählen vor allem Außen- und Innenspiegelgläser sowie Abdeckgläser für Displays. Als Hauptgrund für die erneute Insolvenz wird der anhaltende Umbruch in der Automobilbranche genannt, der zu Auftragsrückgängen führte. Das Amtsgericht Regensburg eröffnete das Insolvenzverfahren am 1. Oktober 2024. Laut Insolvenzverwalter Volker Böhm seien die Gespräche mit potenziellen Investoren voll im Gange, so der Stand im Januar 2025.
Grammer
Grammer hat im Juni 2024 mitgeteilt, rund 200 Stellen streichen zu wollen. Das Unternehmen mit Sitz in Ursensollen (Landkreis Amberg-Sulzbach) produziert Kopfstützen, Armlehnen und Mittelkonsolen für Autos sowie Sitze für Busse, Bahnen, Lastwagen, Traktoren und Baumaschinen. Weltweit hat Grammer rund 14.000 Mitarbeiter, davon etwa 2.000 in Amberg und Umgebung. Als Gründe für den Stellenabbau nennt das Unternehmen die schwache gesamtwirtschaftliche Entwicklung und die Krise in der Automobilindustrie, die zu einem Umsatzrückgang führten. Betroffen von den Kündigungen sei hauptsächlich die Zentrale in Ursensollen (Landkreis Amberg-Sulzbach). Der Stellenabbau erfolge laut Betriebsrat in zwei Wellen. Bislang wurden 100 Arbeitsplätze abgebaut, eine zweite Kündigungswelle stehe Stand Januar 2025 noch aus. Vom Unternehmen und Betriebsrat soll es aber keine Pläne geben, weitere Stellen zu streichen. Im Werk in Haselmühl (Landkreis Amberg-Sulzbach) seien jedoch mehrere Abteilungen in Kurzarbeit, heißt es vom Betriebsrat im Januar 2025. Die Kurzarbeit sei bis höchstens 30. September vereinbart. Aktuell setzt Grammer Maßnahmen zur finanziellen Stabilisierung um, darunter die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland und den Verkauf defizitärer Geschäftseinheiten. Es bleibt abzuwarten, wie sich diese Schritte auf die zukünftige Geschäftsentwicklung auswirken werden.
Infineon
Infineon, mit Hauptsitz in Neubiberg bei München, ist ein führender deutscher Chiphersteller, der sich auf Halbleiterlösungen für verschiedene Branchen spezialisiert hat. Das Unternehmen beschäftigt weltweit etwa 58.600 Mitarbeiter und ist an über 155 Standorten in 31 Ländern vertreten. Im August 2024 kündigte das Unternehmen an, insgesamt 1.400 Jobs abzubauen und weitere 1.400 Arbeitsplätze in Billiglohnländer zu verlagern. Am Standort Regensburg seien 500 Arbeitsplätze betroffen. Der Betriebsrat zeigte sich überrascht, da das Unternehmen wirtschaftlich gut aufgestellt sei. Die Maßnahme soll durch natürliche Fluktuation, freiwillige Aufhebungsverträge und Altersteilzeit erfolgen, ohne betriebsbedingte Kündigungen. Trotz dieser Umstrukturierungen bleibt das Werk in Regensburg ein zentraler Bestandteil der Unternehmensstrategie, mit Fokus auf Innovation und die Entwicklung zukunftsweisender Technologien.
Magna
Im Oktober 2024 informierte der kanadisch-österreichische Automobilzulieferer Magna über die geplante Schließung seines Werks in Neumarkt in der Oberpfalz bis Ende 2026, wodurch 110 Arbeitsplätze betroffen sind. Am Standort Neumarkt werden seit 2002 Kraftstofftanks für Hersteller wie Audi und Porsche produziert. Als Hauptgrund für die Schließung nennt das Unternehmen die sinkende Nachfrage nach Benzin- und Dieseltanks im Zuge der Mobilitätswende. Die restliche Produktion soll in ein Werk nach Österreich verlagert werden. Magna hat angekündigt, mit der Arbeitnehmervertretung in Verhandlungen über einen Interessenausgleich und Sozialplan zu treten.
Schaeffler
Der Automobil- und Industriezulieferer Schaeffler hat im November 2024 angekündigt, europaweit 4.700 Stellen abzubauen, davon 2.800 in Deutschland. Weltweit beschäftigt das Unternehmen mit Hauptsitz in Herzogenaurach (Mittelfranken) 120.000 Menschen. Betroffen vom Personalabbau seien zehn Standorte in Deutschland und fünf weitere in Europa. Am Standort Regensburg, der durch die Fusion mit dem Antriebshersteller Vitesco Teil des Schaeffler-Konzerns wurde, sollen über 700 Stellen gestrichen werden. Als Hauptgrund für den Stellenabbau nennt das Unternehmen die anhaltende Transformation in der Automobilzulieferindustrie. Die Maßnahmen sollen in den Jahren 2025 bis 2027 umgesetzt werden, um ab 2029 jährliche Einsparungen von 290 Millionen Euro zu erzielen. Die ausführlichen Zahlen sowie die Prognose für 2025 will Schaeffler am 5. März vorlegen.
SK Technology
SK Technology hat im Oktober 2024 mitgeteilt, Kurzarbeit als Vorsichtsmaßnahme bei der Arbeitsagentur angemeldet zu haben. Kurzarbeiten muss bei SK laut aktuellem Stand aber niemand. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Roding (Landkreis Cham) beschäftigt 329 Mitarbeiter und fertigt seit 1988 Präzisionsteile als Prototypen und in Serie für Branchen wie die Automobilindustrie, Luft- und Raumfahrt und Medizintechnik. Juniorchef Benedikt Kulzer nannte als Grund für die Maßnahme die schwächelnde Nachfrage in der Automobilbranche. Das Unternehmen verlege sich daher zunehmend auf andere Segmente. In der Medizin-, der Luft- und Raumfahrttechnik und im Bereich der Halbleiter sei die Auftragslage noch weitgehend stabil. Was aber auch da zu spüren sei: Je weniger Aufträge von den Autoherstellern kommen, desto mehr Zulieferer drängen in die verbleibenden Nischen. Der Wettbewerb werde damit härter.
Webasto
Webasto hat im März 2024 einen Stellenabbau im zweistelligen Prozentbereich angekündigt. Die Gruppe mit Hauptsitz im oberbayerischen Stockdorf bei München stellt Schiebe- und Panoramadächer her. Weitere Geschäftsfelder befassen sich mit Batterielösungen, dem Thermomanagement für elektrische Nutzfahrzeuge sowie verschiedenen Heiz- und Kühlsystemen. Das Unternehmen beschäftigt rund 16.600 Mitarbeiter an 50 Standorten weltweit. Trotz des angekündigten Sparprogramms von 2024 konnte Webasto bisher ohne betriebsbedingte Entlassungen auskommen. Das Werk in Schierling (Landkreis Regensburg) wurde seit 2019 schrittweise zum Batteriekompetenzzentrum ausgebaut, wobei rund 200 Mitarbeiter für Batteriefertigungsprozesse umgeschult wurden. Bis 2027 plant das Unternehmen, mehr als 90 Millionen Euro in den weiteren Ausbau des Werks zu investieren. Auch das Werk in Hengersberg (Landkreis Deggendorf) ist mit 400 Mitarbeitern ein wichtiger Produktions- und Entwicklungsstandort. Fokus ist hier die mechanische Produktion von Cabrioverdecken für Kunden wie Ferrari, McLaren, Audi und Aston Martin. Im Januar 2025 ernannte Webasto den Restrukturierungsexperten Johann Stohner zum Chief Restructuring Officer, um die finanzielle und operative Neuausrichtung des Unternehmens voranzutreiben. Diese Maßnahme wurde laut Pressemittteilung aufgrund der sich verschlechternden konjunkturellen Rahmenbedingungen und der anhaltenden Krise in der Automobilbranche ergriffen.
Wethje Carbon Composites
Der Zulieferer Wethje Carbon Composites legt seine komplette Automotive-Sparte still. Das bestätigte am 29. Januar 2025 eine Sprecherin der Gewerkschaft IG BCE. Das Unternehmen mit Standorten in Pleinting (Landkreis Passau) und Hengersberg (Landkreis Deggendorf) beschäftigt rund 300 Mitarbeiter. Das Werk Hengersberg ist seit 1979 spezialisiert auf den Werkzeugbau, den Formenbau sowie die Fertigung von komplexen Carbon-Komponenten in der Einzelfertigung. In Pleinting hingegen findet seit 2002 die Automobile-Serienproduktion statt. Das Unternehmen beliefert Hersteller wie BMW, Mercedes-Benz und Porsche. Hohe Kosten und die digitale Transformation der Automobilindustrie nennt die betriebsbetreuende Gewerkschaftssekretärin Vera Drazan als Gründe für die Teilbetriebsstilllegung. Erste Entlassungen seien für Herbst 2025 geplant, weitere folgen bis 2026. Wie viele Mitarbeiter vom Stellenabbau betroffen sind, ist bislang unklar. Nach ersten Gewerkschaftsangaben bleibt nur die Zulieferproduktion für die Flugzeugindustrie bestehen. Was das konkret für die beiden Standorte bedeutet, bleibt offen.
ZF
Der Automobilzulieferer ZF steht vor erheblichen Herausforderungen. Im Juli 2024 kündigte das Unternehmen mit Hauptsitz in Friedrichshafen am Bodensee an, bis zu 14.000 Stellen in Deutschland abbauen zu wollen. Mehrere tausend Stellen seien bereits gestrichen worden. Auch die Schließung von Standorten sei nicht ausgeschlossen. Das Unternehmen ist an mehr als 160 Produktionsstandorten in 31 Ländern vertreten und beschäftigt weltweit rund 169.000 Mitarbeiter. ZF entwickelt und produziert unter anderem Antriebs- und Fahrwerktechnik für Pkw und Nutzfahrzeuge sowie Komponenten für die aktive und passive Sicherheitstechnik. Die angekündigten Umstrukturierungen seien eine Reaktion auf den drastischen Rückgang der Automobilproduktion weltweit. Zusätzlich stehen enorme Investitionen in die Digitalisierung und Elektromobilität an, um die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens langfristig zu sichern. Der geplante Stellenabbau könnte auch ostbayerische Standorte treffen. ZF hat Werke in Auerbach (Landkreis Amberg-Sulzbach), Passau und Thyrnau (Landkreis Passau). Die genauen Auswirkungen auf die ostbayerischen Standorte sind Stand Februar 2025 aber noch unklar.










