Tennis
Mit Selbstironie und Schlägerwurf: Zverevs Titeltraum lebt
Weit nach Mitternacht stand Alexander Zverev erleichtert in den Katakomben des Arthur Ashe Stadiums und freute sich über den ersten souveränen Auftritt bei den US Open. Den Gedanken an den vermeintlich leichten Weg zum zweiten Grand-Slam-Titel wies der French-Open-Sieger nach dem Achtelfinaleinzug aber weit von sich.
„Hier sind immer noch sehr, sehr gute Spieler dabei“, betonte der 29-Jährige nach dem klaren 6:2, 7:6 (7:2), 6:2 über den Chilenen Alejandro Tabilo. „Hier haben wir (Carlos) Alcaraz im Draw, hier haben wir einen sehr starken Ben Shelton im Draw, andere Spieler haben besser gespielt als ich in den letzten Wochen.“
Schlägerwurf an die Wand
Bei Zverev selbst zeigte die Formkurve nach zwei holprigen Fünf-Satz-Krimis nun zumindest nach oben. Besonders im ersten und dritten Satz präsentierte sich der Hamburger deutlich verbessert und überstand auch Frustmomente. Anfang des dritten Durchgangs warf Zverev seinen Schläger wütend an die Wand hinter der Grundlinie - durfte aber nach 2:25 Stunden Spielzeit um 1.09 Uhr jubeln.
Für die ersten beiden Siege beim Grand-Slam-Turnier in New York hatte Zverev insgesamt noch neuneinhalb Stunden gebraucht. Nun sparte der 29-Jährige wertvolle Energie für das Achtelfinale gegen den an Nummer 21 gesetzten Italiener Luciano Darderi.
„Mein Coach war ziemlich klug: Er hat mir erklärt, dass ein Best-of-Five-Match nicht bedeutet, dass man auch fünf Sätze spielen muss“, scherzte Zverev im Interview mit Andrea Petkovic auf dem Platz voller Selbstironie. „Das wusste ich bis heute nicht.“
Chance auf Titel wächst: Weitere Top-Konkurrenten raus
Die Chance auf den zweiten Grand-Slam-Titel wird für den Sieger von Roland Garros dabei auch aufgrund der schwächelnden Konkurrenz immer größer. Am Samstag verabschiedeten sich sein amerikanischer Angstgegner Taylor Fritz und French-Open-Finalgegner Flavio Cobolli aus Italien als nächste Titelanwärter aus dem Turnier. Zuvor waren auch der an Nummer drei gesetzte Félix Auger-Aliassime aus Kanada und Novak Djokovic früh gescheitert. Zudem fehlt Jannik Sinner als Weltranglistenerster verletzt.
Als bestplatzierter möglicher Gegner auf dem angestrebten Weg ins Finale ist der Weltranglisten-15. Learner Tien aus den USA verblieben. Eine Situation, die frappierend an die French Open und Zverevs ersten Grand-Slam-Triumph erinnert. Von einer Parallele wollte er aber nichts wissen: „In Paris war es wirklich so, dass ich die Turniere vorher gegen niemanden verloren habe außer gegen Jannik Sinner und dann war er plötzlich raus.“ Auf die von ihm genannten Alcaraz und Shelton kann er nun allerdings frühestens im Finale treffen.
Rasanter Start für Zverev
Für Zverev war es der 16. Erfolg über einen Linkshänder in Serie. Wenige Stunden vor dem Spiel hatte er sich auch mit seinem Bruder Mischa, der ihm im Training als Linkshänder Aufschläge servierte, vorbereitet.
Da die Amerikanerin Iva Jovic für ihren Drei-Satz-Sieg über Alexandra Eala von den Philippinen zuvor mehr als drei Stunden gebraucht hatte, betrat Zverev erst um 22.35 Uhr den Platz. Die nächste lange Nachtschicht drohte. Seine beiden bisherigen Siege in diesem Turnier hatte er um 1.55 Uhr und 2.15 Uhr beendet.
Doch Zverev legte rasant los. Schon nach einer guten Viertelstunde und zwei Breaks hieß es 3:0, in nur 38 Minuten sicherte er sich den ersten Satz. Dabei machte der 1,98 Meter große Spieler kaum Fehler und konnte sich zudem auf seinen starken Aufschlag verlassen. Wenn er das erste Service ins Feld brachte, gewann er jeden Punkt.
„Der erste und der dritte Satz waren Welten anders als die letzten Tage“, analysierte Zverev seinen Auftritt. „Im zweiten habe ich etwas die Konzentration verloren.“
Chilenische Fans feuern vergeblich an
Sein Gegner Tabilo wirkte im größten Tennisstadion der Welt zunächst komplett überfordert. Der Weltranglisten-28. kam kaum ins Spiel, kassierte auch im zweiten Satz das schnelle Break zum 1:2. Einige Fans versuchten, von den oberen Tribünenrängen mit „Chi-Chi-Chi-Le-Le-Le, Viva Chile“-Rufen für Stimmung zu sorgen.
Lange war die Partie jedoch zu einseitig, um große Atmosphäre zu schaffen. Erst gegen Ende des zweiten Durchgangs fing Zverev an zu schwächeln, erlaubte sich einen Doppelfehler und gab direkt seinen Aufschlag ab. Es ging hin und her, Zverev wehrte zwei Satzbälle ab. Im Tie-Break unterliefen Außenseiter Tabilo zu viele Fehler und er lag mit 0:2-Sätzen hinten.
Genervt von eigenen Fehlern leistete sich Zverev in der Anfangsphase des dritten Durchgangs den Schlägerwurf als Aussetzer. Der Sieg geriet jedoch nie in Gefahr - spätestens nach dem Break zum 4:2 war die Gegenwehr Tabilos gebrochen. Als einziger männlicher Tennisspieler dieses Jahr stand Zverev damit bei jedem der vier Grand-Slam-Turniere mindestens im Achtelfinale - das Ziel in New York ist jedoch ein anderes.











