Trainingscamp
Fußballprofi, aber kein Vertrag – und jetzt?
Eines Tages in vollen Stadien zu spielen, Geld und Ruhm ernten: Der Traum vom Profi-Fußballer kann schnell zum Albtraum werden. Peter Neururer coacht eine Trainingsgruppe vertragsloser Fußballer und spricht über das Leben eines Kickers ohne Arbeitspapier.
Es ist wohl der Traum eines jeden Fußballers: eines Tages in vollen Stadien spielen, Geld und Ruhm ernten. Dass das Geschäft jedoch auch Schattenseiten birgt, zeigt eine Vereinigung vertragsloser Fußballer, die jedes Jahr in der Sommervorbereitung ein Trainingscamp ansetzt, um Spieler ohne Arbeitspapier fit zu halten. Trainiert wird die Gruppe von einem sehr erfahrenen Bundesligatrainer.
Der Traum vom Fußballprofi - nur wenige Spieler können ihn sich erfüllen. Dass in der "Scheinwelt Profifußball" nicht immer alles glatt läuft, zeigt ein Trainingscamp der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV). Seit 2003 treffen sich in der Sportschule Wedau in Duisburg jährlich von Juli bis September Fußballprofis zur Sommervorbereitung - Spieler, die aktuell keinen Vertrag und Arbeitgeber haben. Sie können dort wohnen und werden versorgt. Jährlich melden sich bis zu 50 Spieler, doch nicht alle Spieler, die sich angemeldet haben, können auch angenommen werden. Vorrecht haben dann diejenigen, die sich zuerst angemeldet haben, schon länger VDV-Mitglieder sind oder über eine höhere fußballerische Klasse verfügen und so eher zu vermitteln sind.Die VDV ist vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) als Gewerkschaft der Spieler anerkannt.
Dieses Trainingscamp, in dem sich die Fußballer fit halten, vorbereiten und für einen neuen Verein empfehlen können, wird von einem sehr erfahrenen ehemaligen Bundesligatrainer geleitet: Peter Neururer, der unter anderem den FC Schalke 04, den 1. FC Köln und den VfL Bochum coachte, trainiert die Gruppe unter Profi-Bedingungen - viermal pro Woche, oft zweimal täglich. Wenn Vereine in der Vorbereitung noch einen Spieler benötigen, melden sie sich bei ihm. Die Spieler sind ablösefrei, die Vereine müssten also nichts zahlen, um sie für ihren Kader zu bekommen. "Die Erfolgsquote liegt bei 80 Prozent", sagt er.
"Meine Aufgabe besteht darin, bis zum 31. August möglichst viele Spieler bei den Vereinen unterzubringen. Als ich gefragt wurde, habe ich sofort angenommen. Ich hatte nichts anderes zu tun und es ist immer schön, einer Institution wie der VDV zu helfen", sagte Neururer über seine Beweggründe. Der Trainer hat sich über die Jahre ein großes Netzwerk aufgebaut. Er kann die Spieler aus dem Trainingscamp den Vereinen empfehlen, oder eben nicht.
Training unter "totalen Top-Bedingungen"
Im Allgemeinen sind alle Spieler willkommen, die ohne Vertrag sind und sich fit halten wollen. Immer in der Sommerpause findet das Trainingscamp statt. "Die Spieler im Training sind breit gemischt. Einzig Max Meyer ist nicht vorbeigekommen", sagt er mit einem Schmunzeln und fügt hinzu: "Hier wird unter totalen Top-Bedingungen trainiert und gegen gute Gegner getestet." Es stehen Leistungsdiagnostik, Trainingslager und Testspiele an. Unterstützt wird Neururer von Co-Trainern, Ärzten, Sportwissenschaftlern und Physiotherapeuten - professionell versteht sich.
Die Spieler befinden sich vor allem auch psychisch in einer schwierigen Situation, denn sie haben immer im Hinterkopf, dass sie ihre Familien ernähren müssen. "Das ist für die Spieler eine schwierige Situation. Ich versuche dabei, ihnen eine Hilfestellung zu geben", sagt Neururer. 20 Prozent der Teilnehmer finden auch nach dem Trainingscamp keinen Verein und müssen über einen Plan B nachdenken: "Sollte es dennoch nicht klappen mit einem Verein, versucht der VDV eine andere Einkommensquelle für die Person zu finden. Immer wieder kommen Spieler bei Oberligisten in einer Rolle unter, sodass ein wenig Geld in die Kassen kommt", so der 63-Jährige.
Wieso er sich mit 63 Jahren diesen Job noch antut? "Es macht mir einfach Spaß, diesen Leuten zu helfen. Es ist sicher kein Bewerbungsschreiben für einen Job im Profifußball, denn ich denke nach 619 Spielen als Trainer in der ersten und zweiten Liga brauche ich das nicht mehr", sagt er. Als Trainer einer Profimannschaft würde es ihm dennoch besser gefallen, fügte er hinzu.
Die "Scheinwelt" des Profifußballs
Nur wenige, die sich den Traum "Profifußballer" ermöglichen, können dann auch das gesamte Leben mit dem verdienten Geld auskommen. Oftmals verdienen die Akteure nur knapp 15 Jahre ihr Geld mit dem Fußball - nicht jeder kann sich dies so einteilen, dass es für immer reicht. Vor allem Dritt- oder Regionalligaspieler, die nicht so viel verdienen, kommen immer wieder in finanzielle Probleme. "Wenn man keinen Vertrag hat, ist das bestimmt trotzdem hilfreich fürs Leben. Man kommt einmal von der Scheinwelt weg, das große Geld damit zu machen", sagt Neururer. Ein Großteil der professionellen Fußballer frage sich eher, wie man die Miete bezahlen, oder seine Familie ernähren soll - einige plagen Existenzängste. Das sei der wahre Fußball, so der Coach.
Doch wieso steht ein Profi überhaupt auf einmal ohne Vertrag da? Nach dem Auslaufen der Vertragslaufzeit kann viel passieren: "Da gibt es zum einen überzogene Forderungen auf einer der beiden Seiten und Verletzungen. Oder man ist mit dem Trainer nicht klargekommen, wurde komplett falsch beraten. Oft passiert es auch, dass die zweite Mannschaft abgemeldet wird, der Spieler aber (noch) nicht das Zeug für das erste Team hat. Dies ist von Fall zu Fall unterschiedlich", erklärt Neururer. Im schlechtesten Fall haben die Spieler eine Vereinswohnung bekommen, die sie nach Ende der Vertragslaufzeit wieder abgeben müssen und dann ohne Heim da stehen.
In dieser Sommervorbereitung war laut transfermarkt.de mit dem 32-jährigen Enis Alushi ein ehemaliger kosovarischer Nationalspieler und Ex-Zweitligaspieler im Camp. Für den 1. FC Nürnberg, St. Pauli, den 1. FC Kaiserslautern, den 1. FC Köln und weitere Mannschaften sammelte er insgesamt 172 Zweitligaspiele und zehn Partien im DFB-Pokal. Ein weiterer berühmter Teilnehmer ist Valdet Rama, der sogar schon 15 Bundesliaspiele auf dem Buckel hat und bei Real Valladolid in der ersten spanischen Liga spielte. Beide Spieler standen in der Vorbereitung ohne Vertrag da - das Camp sorgte für keinen Erfolg, denn beide sind noch ohne Verein.
Die Spieler danken Neururer für seine Arbeit, wissen um den großen Dienst, den er ihnen leistet. "Ich erhalte öfters Dankesschreiben und Anrufe. Das ist der Lohn für meine Arbeit", freut sich der Trainer.












