Ende im Nationalteam
„Habe damit abgeschlossen“: Straubing Tigers Marcel Brandt im Interview

Imago/Eibner
47 Scorer-Punkte in 57 Spielen - als Verteidiger. Straubings Marcel Brandt hat eine herausragende, wenn nicht sogar seine beste Tigers-Saison überhaupt hinter sich. Für die anstehende WM der Deutschen Eishockey Nationalmannschaft in Zürich hat Bundestrainer Harold Kreis dennoch keine Verwendung für Brandt, der daraus Konsequenzen zieht.
Seit seiner Rückkehr nach Straubing im Jahr 2018 ist Marcel Brandt (33) eine absolute Konstante in der Defensive der Tigers. Mit 47 Scorer-Punkten aus 57 Spielen blickt der schussgewaltige Brandt auf die offensiv zweitbeste DEL-Saison seiner Karriere zurück. 16 Tore in der Hauptrunde machten ihn einmal mehr zum torgefährlichsten deutschen Verteidiger der gesamten Liga.
Wieso das Kapitel Nationalmannschaft für ihn dennoch beendet ist und wo er die Gründe für das Viertelfinal-Aus gegen die Eisbären Berlin sieht, erklärt der Straubinger Publikumsliebling im Interview mit unserer Redaktion - in der für ihn typischen, angenehm offenen Art.
Herr Brandt, direkt nach dem Viertelfinal-Aus gegen Berlin waren Sie im Interview bei MagentaSport verständlicherweise unfassbar enttäuscht, dass es für Ihr Team wieder nicht gereicht hat, die Eisbären in den Playoffs auszuschalten. Wie viel Enttäuschung ist noch da, eine Woche später?
Marcel Brandt: „Ich habe schon einiges verdaut. Aber natürlich ist die Enttäuschung groß, wieder in Berlin ausgeschieden zu sein. Ich habe zunächst wenige Worte dafür gehabt, wieso, weshalb und warum es wieder nicht funktioniert hat. Schuld war auf jeden Fall nicht das sechste und letzte Spiel in Berlin, das wir 5:6 verloren haben. Wir haben die Serie im Zeitraum von Spiel zwei bis vier verloren.“
Was lief in diesen drei Partien für Berlin besser als für die Tigers?
Brandt: „Wenn du deine Tore nicht machst - und die Chancen dafür waren ja da - funktioniert es nicht. Selbst Berlins Trainer hat gesagt, dass bei ihnen alle Pucks richtig gesprungen sind und sie Scheibenglück hatten. Und wir hatten einfach gar keines.“
Den Eisbären ist es meist gut gelungen, die in der Hauptrunde noch so torgefährliche Tigers-Defensive nicht zum Abschluss kommen zu lassen. Sehen Sie das ähnlich?
Brandt: „Natürlich sind Playoffs anders als die Hauptrunde. Da wird beim Gegner geschaut, dass die einzelnen Spieler aus dem Spiel genommen werden. Und das haben die Eisbären am Ende des Tages vielleicht schlauer angestellt als wir, besonders in den engen Spielen. Im ersten Spiel zu Hause haben wir gleich ein Feuerwerk abgebrannt. Dann hat sich im zweiten Spiel in Berlin das Gefühl eingeschlichen, dass wir die Hosen voll haben...“
Völlig unnötig eigentlich, nach dem klaren Sieg in Spiel eins…
Brandt: „Ja, komplett unnötig. Wenn Du Berlin 5:1 weghaust, musst Du mit breiter Brust ins zweite Spiel gehen und sagen: ‚Hey, wir sind da und ihr müsst erst mal 110 Prozent geben, damit ihr gewinnt. Aber dieses Gefühl war irgendwie nicht da. Das war auch in Spiel drei und in Spiel vier so. Wir haben vorne die Durchschlagskraft nicht zustande gebracht.“
Zu Tyler Ronning: „Haben ihn eigentlich sehr gut aus dem Spiel genommen.“
Und dann waren es Spiele, in denen Ihr Team eigentlich immer einem Rückstand hinterhergelaufen ist, anstatt mit einer Führung im Rücken zu spielen - was es natürlich auch schwieriger macht.
Brandt: „Wenn Du jedes Spiel hinterherläufst und irgendwie versuchen musst, die Tore zu erzwingen, ist das nicht gut für den Kopf. Dann verkrampft man zeigt nur 80 bis 85 Prozent von dem, was man kann. Damit gewinnst Du in den Playoffs gar nichts.“
Letzte Frage zu Berlin: Was macht es aus Verteidigersicht so schwierig, gegen jemanden wie Ty Ronning (Schlüsselspieler bei Berlin, Anm. d. Red.) zu spielen?
Brandt: Er war natürlich wieder Top-Scorer gegen uns, aber man muss ehrlicherweise auch fragen: Wie oft hast du ihn wirklich gesehen? Wir haben ihn eigentlich sehr gut aus dem Spiel genommen. Aber er war dann eben genau in den Situationen da, in denen sie ihn gebraucht haben.“
„Natürlich dauert es eine Zeit, bis die Niederlage aus dem Kopf ist.“
Dennoch liegt hinter dem Team eine herausragende DEL-Hauptrunde mit Straubinger Punkterekord, dem dritten Platz, der längsten Siegesserie. Und dann enden die Playoffs in sechs Spielen. Da ist es schwierig, stolz auf das Erreichte zu sein. Wie lange braucht man dafür, dass man diese Schritte der Straubinger Mannschaft zu würdigen weiß? Dass man sich inzwischen konstant in die Top Sechs der DEL spielt, ist für Straubing doch immer noch eine geile Sache…
Brandt: „Für unsere Organisation, für unseren Standort, ist die Tatsache, in den vergangenen Jahren immer in den Top Sechs zu sein, immer im Viertelfinale, dazu Halbfinale, Champions League und die Spengler-Cup-Einladung, riesig. Darauf muss man extrem stolz sein. Aber natürlich dauert es eine Zeit, bis die Niederlage in den Playoffs aus dem Kopf ist. Ein, zwei Wochen lang kommen immer wieder Gedanken: Wieso, weshalb und warum ist das wieder passiert? Das ist ein ständiges Auf und Ab...“
Um die Entwicklung auf konstant hohem Niveau zu halten, ist es besonders wichtig, dass der Stamm der Mannschaft weitestgehend beisammen bleibt. Das gelingt den Tigers inzwischen seit Jahren …
Brandt: „Ja, es ist extrem wichtig, dass der Grundkader beieinanderbleibt. Natürlich kannst du Leute wie Ty Ronning oder andere außerordentliche Einzelspieler haben, die als Import hierher kommen. Aber ich glaube, am Ende des Tages macht immer der Grundkader den Unterschied über Erfolg oder Misserfolg. Und da ist Straubing sehr gut aufgestellt. Schon über die letzten Jahre hinweg - und ich glaube, dass das auch so weitergeht.“
Wenn wir in die Zukunft blicken und das Berlin-Trauma außen vor lassen: Was ist in den Playoffs vielleicht der kleine Ticken, den Ihr Team noch mehr braucht?
Brandt: „Ich glaube, wir hatten neben der mangelnden Chancenverwertung in manchen Situationen nicht den Mut, das nötige dreckige Eishockey zu spielen. Wir haben auch hart gespielt, auch Checks gefahren. Aber in den entscheidenden Situationen vor dem Tor war es zu wenig. Du musst einfach in den Playoffs, wenn es mal nicht übers Spielerische läuft, viel mehr dreckige Tore schießen. Das haben wir nicht getan. So ein Tor wie von Mannheim in der Overtime von Spiel zwei gegen München... das wäre uns nie passiert. Nie! Wir hatten dieses Glück nicht. Solche Sachen sind einfach abgegangen. Aber dafür muss man in den entscheidenden Situationen vor dem Tor noch härter und dreckiger arbeiten. Ja, das habe ich mir schon gewünscht, dass wir vielleicht in Zukunft den einen oder anderen mehr vorne rumlaufen haben, der einfach mal ein paar Gegenspieler ärgert.“
Ist dafür vielleicht auch eine Änderung im offensiven Bereich des Kaders nötig?
Brandt: „Das wäre natürlich wünschenswert. Wenn man da Leute vorne drin hat, die die Verteidiger dann auch so unter Druck setzen wie die Eisbären uns, schafft man es auch, dass der Gegner vielleicht mehr Fehler im Aufbauspiel macht. Das wäre ein Vorteil für uns. So etwas fehlte uns schon ein bisschen. Wade Allison hat uns dieses Element für die letzten Spiele auch wieder mitgebracht. So eine Spielweise wäre wünschenswert.“
Zur Nationalelf: „Das ist für mich einfach ein No-Go.“
Themenwechsel: Sie stehen erneut nicht im Kader der deutschen Nationalmannschaft für die WM-Vorbereitung 2026. Bei der Saisonabschlussfeier der Tigers am Samstag haben Sie auf der Bühne mit sehr deutlichen Worten geschildert, wie der jüngste Austausch mit Bundestrainer Harold Kreis verlief. Die Geschichte ist gefühlt eine nie endenden Thematik, oder?
Brandt: „Sie ist beendet. Von beiden Seiten her ist das jetzt gegessen. Der Punkt ist für mich einfach: Wenn Aussagen kommen von einem Nationaltrainer wie: ‚Du hast mich die letzten drei Jahre nicht interessiert, ich habe dich nicht beobachtet oder generell geschaut, was du machst.’ Dann ist das für mich Aussage genug. Das ist einfach ein No-Go. Dennoch habe ich von mir aus gesagt: Trotz allem, was passiert ist und obwohl ich in der Zeit keinen Anruf erhalten habe, bin ich bereit, zur WM zu fahren und meinen schon geplanten Urlaub zu verlegen. Und wenn es dann nur heißt, den brauchst Du nicht verschieben, ist auch das Aussage genug.“
Wie schwierig ist das, wenn man als einer der besten Verteidiger der Liga keine Chance hat, das eigene Land bei einem Turnier zu vertreten?
Brandt: „Natürlich ist das schwierig. Man würde liebend gerne spielen. Die Gerüchte, die immer kursierten, dass ich keine Lust habe auf die ganze Sache und irgendwas anderes vorschiebe - das stimmt alles überhaupt nicht. Ich war immer offen, ich habe immer gewartet auf einen Anruf... und der ist nie gekommen.“
„Mir ist am Ende des Tages auch ein Stein vom Herzen gefallen.“
Insgesamt geht es ja um einen langen Zeitraum, in dem Sie in der Deutschen Eishockey Liga Top-Leistungen gebracht haben - und in der nie ein Anruf kam…
Brandt: „So eine Aussage wie ‚Ich habe dich nicht beobachtet oder ich habe nicht geschaut nach dir’, kann ich nicht nachvollziehen. Anscheinend hat sich der Bundestrainer ja zum Beispiel mit Kai Wissmann vor Olympia öfters unterhalten, wie es ihm geht. Dann muss man eben andere Spieler auch beobachten, wie es Ihnen geht. Aber es ist, wie es ist. Mir ist am Ende des Tages auch ein Stein vom Herzen gefallen. Jetzt ist es vorbei und das ist okay so.“











