Erfahrung nichts wert?

Hausgemachter Mangel: Weshalb Ärzte wie Edgar Villegas wieder abreisen

Bayern sucht verzweifelt nach Ärzten - und weist sie trotzdem ab. Ausländische Fachärzte müssen wieder abreisen, weil ihre Erfahrung hier plötzlich nichts wert ist. Einer von ihnen ist Edgar Villegas.

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Nach kurzer Zeit trennen sich die Wege von Facharzt Edgar Villegas (l.) und Chefarzt Hans-Christian Gelberg wieder. Dabei würden die beiden gerne zusammenarbeiten.

Nach kurzer Zeit trennen sich die Wege von Facharzt Edgar Villegas (l.) und Chefarzt Hans-Christian Gelberg wieder. Dabei würden die beiden gerne zusammenarbeiten.

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Im Video erzählt Redakteur Felix Stahl von der Kötztinger Zeitung, wie die Geschichte hinter diesem Türchen entstanden ist.

Überfüllte Wartezimmer, monatelanges Warten auf Operationstermine: In Bayern fehlen Fachärzte. Edgar Villegas zog von Mexiko in den Bayerischen Wald, um diese Lücke zu schließen. Nun packt der Orthopäde seine Koffer - weil der Freistaat seine Facharztanerkennung blockiert.

„Deutschland ist ein schönes Land“, sagt Edgar Villegas. Für ihn ist einer der letzten Tage in der Bundesrepublik angebrochen - obwohl er eigentlich bleiben wollte. Anfang 2025 kam der Facharzt nach Bad Kötzting, um hier ein neues Leben zu beginnen.

Villegas, seit 2017 Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, habe in seiner Heimat über 300 Kinder mit schweren Deformitäten behandelt. „Unser Chefarzt Hans-Christian Gelberg war schwer beeindruckt, als er die Unterlagen begutachtete“, erzählt Raphael Nguyen, Geschäftsführer des Mittelbayerischen Rehabilitationszentrums in Bad Kötzting.

Bis man einen Termin bei einem Facharzt bekommt, können Monate vergehen.

Bis man einen Termin bei einem Facharzt bekommt, können Monate vergehen.

Eigentlich sollte Villegas Monate nach seiner Ankunft im weißen Kittel durch die Klinik gehen. Hier die Patienten betreuen. Stattdessen sitzt er im Anzug am Tisch und plant seine Heimreise.

Villegas’ Fall steht exemplarisch für Ärzte aus Drittstaaten, die in Deutschland Fuß fassen wollen. Arthur Depner von der gemeinnützigen Organisation „Tür an Tür“ begleitet sie seit über zehn Jahren bei der Anerkennung und kennt viele Fälle, in denen Erfahrung und Qualifikation nicht anerkannt werden. Die bürokratischen Hürden führen zu Frust, Demotivation und teilweise zu einem Abbruch der Karriere in Deutschland, sagt er. Dass ausgerechnet ein Land mit Fachärztemangel hochqualifizierte Kräfte ausbremst, sorgt bei ihm immer wieder für Kopfschütteln.

Beide Seiten investieren eine Menge Geld und Zeit

Laut dem Versorgungsbericht 2024 der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns fehlen in Ostbayern in vielen Bereichen Fachärzte. Während in den Landkreisen Cham und Dingolfing-Landau besonders wenig Kinderärzte zur Verfügung stehen, mangelt es im Landkreis Deggendorf an Hausärzten. Auffällig niedrig sind auch die Werte im Landkreis Regen: Dort sind Hautärzte eine echte Rarität. „Mit Programmen wie ‚Specialized!‘ können Fachärzte gezielt aus Drittstaaten für diesen Zweck angeworben werden“, erklärt Depner. In Bayern erreichen die Hürden dagegen ein Ausmaß, das viele Fachkräfte abschrecken wird.

Das Bayerische Gesundheitsministerium äußerte sich auf Nachfrage nur so weit: „Das StMGP ist an den Verfahren zur Anerkennung ausländischer Facharzttitel nicht beteiligt.“ Von der Staatsregierung in München scheint also keine Korrektur angedacht zu sein.

Für Edgar Villegas startet das Projekt Deutschland im Jahr 2022: Da beginnt er, die Sprache zu lernen. „Ich wollte mich in Deutschland beruflich weiterentwickeln und Sicherheit für meine Familie gewährleisten“, sagt er.

In seiner Heimat gewinnt unterdessen das organisierte Verbrechen immer mehr an Einfluss. Laut dem deutschen Außenministerium wurden im Jahr 2022 in Mexiko rund 33.000 Menschen getötet, mehr als 110.000 Menschen gelten als vermisst. Deutschland hingegen ist das Land der Orthopädie. Die Namen deutscher Spezialisten oder Implantate sind in Mexiko geläufig, erzählt Villegas.

Durch das Projekt „Specialized!“ der Bundesagentur für Arbeit kam Villegas mit Nguyen in Kontakt. „Wir hatten davor schon gute Erfahrungen mit mexikanischen Ärzten gemacht“, erzählt der Klinik-Geschäftsführer.

Das Online-Vorstellungsgespräch verläuft harmonisch. Villegas will nach Bad Kötzting und das Rehazentrum will den erfahrenen Facharzt. Dafür waren beide Seiten bereit, einiges an Zeit und Geld zu investieren. „Wir haben einen fünfstelligen Betrag gezahlt“, sagt Nguyen. Im Februar 2025 zieht Villegas mit seiner Frau - auch eine Fachärztin - und den Kindern aus Mexiko in den Bayerwald.

Angekommen in Deutschland macht der Arzt eine Fachsprachenprüfung. Diese ermöglicht es ihm, zwei Jahre lang als Mediziner unter Aufsicht eines Chef- oder Oberarztes zu arbeiten. Die nächste Hürde sollte die Kenntnisprüfung sein, die Villegas benötigt, um als Facharzt arbeiten zu können. So weit sollte es aber gar nicht kommen.

Sechs Monate nach Antragstellung sollte die Prüfung laut Weiterbildungsordnung spätestens erfolgen. „Das sind aktuell eher 18 Monate“, sagt Nguyen. Auf ähnliche Ergebnisse kam auch das Förderprogramm IQ (Integration durch Qualifizierung). Bei einer Befragung der Zulassungsstellen landete Bayern auf dem letzten Platz - nirgendwo anders ist die Wartezeit in Deutschland länger. Für die Kenntnisprüfung ist die Regierung von Oberbayern zuständig. Diese verweist auf Nachfrage auf die Universitäten mit einer medizinischen Fakultät. Von der Universität Regensburg erhielt unsere Redaktion bis Redaktionsschluss dazu keine Antwort.

Für Edgar Villegas spielt das sowieso keine Rolle mehr. Vor einigen Wochen erfährt er zufällig, dass die Kenntnisprüfung für ihn und andere Fachärzte aus Drittstaaten zur Sackgasse werden kann. Villegas recherchiert, sucht mit der Klinikleitung nach Lösungen - vergeblich. „Meine 14-jährige Erfahrung in der Orthopädie ist wie gelöscht. Sie wird nicht anerkannt“, sagt Villegas. Damit werde er Uniabsolventen, die kaum Berufserfahrung haben, gleichgestellt. Er müsste die sechsjährige Weiterbildung erneut machen. „Das macht niemand“, betont Nguyen.

Nicht alle Bundesländer machen es wie Bayern

Und so liegt für Villegas der Traum, in Europa zu arbeiten, vorerst begraben. Der langwierige Prozess nagt an dem jungen Familienvater. „Die finanzielle Situation ist für mich nicht leicht. Dass ich den ganzen Prozess in einem anderen Land noch mal von vorne starte, sehe ich gerade nicht“, sagt er.

Arthur Depner von der gemeinnützigen Organisation „Tür an Tür“ kennt solche Fälle. Er kritisiert die lautlose Umsetzung der neuen Verwaltungspraxis. Sie habe von einem auf den anderen Tag neue Fakten geschaffen, die nicht explizit kommuniziert wurden. Aber warum kann Villegas seine Facharztweiterbildung in Bayern nicht anerkennen lassen?

Im Dezember 2024 hat die Bayerische Landesärztekammer (BLÄK) ihr Verfahren geändert. Sie stützt sich dabei auf einen Passus in der Weiterbildungsordnung (WBO) und die Rechtsauffassung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs, teilt deren Sprecher mit.

Kern des Problems: Für die fachärztliche Weiterbildung ist eine Approbation zwingend notwendig. Diese erhält man normalerweise nach dem Medizinstudium. Da ein südamerikanisches Medizinstudium jedoch nicht automatisch als gleichwertig gilt, gibt es zwei Möglichkeiten zur Approbation: die Gleichwertigkeit des Abschlusses prüfen zu lassen oder die Befähigung durch eine Kenntnisprüfung nachzuweisen.

Weil das erste Verfahren langwierig ist und oft nicht zum gewünschten Ergebnis führt, entscheiden sich die meisten Ärzte gleich für die Kenntnisprüfung. Damit bestätigen sie aus Sicht der Landesärztekammer aber, dass ihre Grundausbildung nicht gleichwertig ist und versperren sich somit den Weg zur Anerkennung des Facharzttitels. „Diese Logik ist höchst problematisch“, sagt Depner. „Da müsste man ja auch das Abitur oder das Grundschulzeugnis überprüfen, um zu schauen, ob überhaupt ein Hochschulzugang nach deutschem Verständnis vorlag, bevor das Medizinstudium aufgenommen wurde. Wo hört man da auf?“

Das gleiche Problem habe es vor einigen Jahren auch mit technischen Berufen gegeben. Da habe Bayern aber schnell eingelenkt und das Verfahren geändert.

Andere Bundesländer hingegen - wie Baden-Württemberg, Hessen oder Nordrhein-Westfalen - erkennen Fachärzte über die Kenntnisprüfung an. „In Thüringen gab es ein Urteil des Verwaltungsgerichts. In dessen Folge wurde der Halbsatz mit der Gleichwertigkeit der vorangegangenen Grundausbildung aus der Weiterbildungsordnung gestrichen“, sagt Depner. In Bayern wird das Vorhaben dagegen verschärft.

„Bei den Behörden gibt es das Schreckgespenst des Anerkennungstourismus, das es zu verhindern gilt“, sagt Depner. Die uneinheitliche Handhabung der Facharztanerkennung in den Ländern befördert das aber geradezu. Weil andere Bundesländer die Anerkennung ermöglichen, kann der Prüfling das Bundesland wechseln, die Prüfung ablegen und als anerkannter Facharzt nach Bayern zurückkehren. Dieses Vorgehen habe selbst die Bayerische Landesärztekammer Ärzten schon empfohlen. „Es kann nicht sein, dass jedes Bundesland seine eigene Regelung schafft“, sagt Depner. „Der Bund sollte hier auf eine einheitliche Handhabung drängen.“ Letztlich sei die aktuelle Situation auch ein Standortnachteil für Bayern. „Wenn wir weiter so auftreten, kriegen wir keine Fachkräfte mehr. Es gibt genügend Alternativen in der EU“, mahnt Nguyen. Bald werde sich die neue Regelung herumsprechen, die ausländischen Ärzte seien untereinander gut vernetzt. „Wir suchen händeringend nach Fachkräften und wenn wir dann jemanden haben, schicken wir ihn wieder weg“, sagt Nguyen.

Neue Ausbildungsregelung schreckt Bewerber ab

„Villegas wäre für uns ein Geschenk in jeglicher Hinsicht. Ich verstehe es einfach nicht“, drückt Chefarzt Hans-Christian Gelberg seinen Unmut aus. Das Mittelbayerische Rehabilitationszentrum sei auf ausländische Ärzte angewiesen, nur rund 20 Prozent der Assistenzärzte kommen aus Deutschland.

Auch weil immer weniger deutsche Mediziner ihre Fachausbildung an kleinen Kliniken durchlaufen. Ein Grund dafür liegt in der neuen Weiterbildungsordnung: Werden an einer Klinik nicht alle für die Weiterbildung erforderlichen Kompetenzen angeboten, wird die Befugnis eingeschränkt.

„Dadurch kann ich nur noch sechs statt zwölf Monate ausbilden“, sagt Chefarzt Gelberg. Dabei habe sich in der Ausbildung im Vergleich zu vorher praktisch nichts geändert. Junge Ärzte bevorzugen deshalb größere Standorte wie Unikliniken: Dort können sie länger ausgebildet werden und müssen den Arbeitsplatz seltener wechseln.

Für Ostbayern bedeutet das: Kein Nachwuchs aus dem Inland, keine Fachkräfte aus dem Ausland - und Patienten bleiben oft monatelang ohne Behandlung.

Villegas’ Traum, in Deutschland zu arbeiten, ist vorerst geplatzt. Solange sich die Bürokratie hierzulande nicht bewegt, bleiben Kliniken und die Menschen, die auf sie angewiesen sind, auf der Strecke.

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