Zum Doppeljubiläum

Wie Neutraubling vom Flugplatz zum Wirtschaftsstandort wurde

Die neue Heimat der Vertriebenen auf den Ruinen des Flugplatzes und Episoden, über die man heute lachen kann: Ein Streifzug mit Volkskundlerin Elisabeth Fendl und anderen Referenten durch Neutraublings Geschichte.

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Volkskundlerin Elisabeth Fendl und Archivarin Petra Aichinger (von links).

Volkskundlerin Elisabeth Fendl und Archivarin Petra Aichinger (von links).

Die Gründungsurkunde von Neutraubling ist für Elisabeth Fendl kein Pergament. „Sie ist ein Koffer. Eine Einwohnerliste“, sagte die aus Neutraubling stammende Volkskundlerin. Sie hielt mit Archivarin Petra Aichinger anlässlich des Festaktes zum Doppeljubiläum 75 Jahre Gemeindegründung und 40 Jahre Stadterhebung, einen Vortrag über die Entwicklung von Neutraubling. So bauten die Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Ruinen des Flugplatzes eine neue Heimat.

Nach 75 Jahren wurde aus der Gemeinde mit 1.297 Einwohnern bei der Gemeindegründung eine Stadt mit inzwischen über 15.000 Einwohnern, dem bedeutendsten Wirtschaftsstandort im Landkreis Regensburg. Dabei zeigte Aichinger Aufnahmen von früher - mit Kommentaren von Zeitzeugen.

So ging man zur Gründerzeit mit Blindgängern im Boden um.
So ging man zur Gründerzeit mit Blindgängern im Boden um.
So ging man zur Gründerzeit mit Blindgängern im Boden um.
Pfarrer Anton Böhm im Blaumann.
Pfarrer Anton Böhm im Blaumann.
Pfarrer Anton Böhm im Blaumann.
Eine Luftaufnahme von Neutraubling aus den Anfangsjahren. Der See ist deutlich im Mittelpunkt der Siedlungen. Fotos: Stadtarchiv/ Wenzel Neumann
Eine Luftaufnahme von Neutraubling aus den Anfangsjahren. Der See ist deutlich im Mittelpunkt der Siedlungen. Fotos: Stadtarchiv/ Wenzel Neumann
Eine Luftaufnahme von Neutraubling aus den Anfangsjahren. Der See ist deutlich im Mittelpunkt der Siedlungen. Fotos: Stadtarchiv/ Wenzel Neumann
Die Bauarbeiter vor der künftigen Pfarrkirche.
Die Bauarbeiter vor der künftigen Pfarrkirche.
Die Bauarbeiter vor der künftigen Pfarrkirche.
Kinder holen Hausbau-Material.
Kinder holen Hausbau-Material.
Kinder holen Hausbau-Material.

Viele Neutraublinger-Erzählungen beginnen laut Fendl mit Schilderungen aus der alten Heimat, mit dem, was man daheim zurückgelassen hat, was man mitnehmen wollte, und was schließlich gerettet werden konnte. Dem ärmlichen materiellen Fluchtgepäck werde häufig das so genannte unsichtbare Gepäck an die Seite, häufig auch gegenüber, gestellt. Oft tragen diese kontrastiven Darstellungen belehrenden Charakter. Die Einheimischen, die nach dem ersten Eindruck urteilten und die Heimatvertriebene mit Schimpfnamen wie „Rucksackdeutscher“ oder „50-kg-Zigeuner“ belegten, wurden Lügen gestraft. Das Wichtigste, was man habe retten können, sei die Erinnerung, wird argumentiert, die Erfahrung auch und das Zupacken können.

Das Einleben von Männern und Frauen in der neuen Heimat verlief sehr unterschiedlich. Während die Männer häufiger und schon früher Kontakte nach außen, zu den Einheimischen knüpften, hatten sich die meisten Frauen in einem „heimatlichen Netz“ außerhalb der alten Heimat eingerichtet. Sie fühlten sich vor allem in und durch dieses Netz aufgehoben und nach einer Zeit neu beheimatet.

Improvisation dominierte die Nachkriegsjahre

Die ersten Nachkriegsjahre waren gekennzeichnet von einer, alle Lebensbereiche einschließenden, durch Not erzwungenen Improvisation. Lebensmittel, Heizmaterial und Baustoffe für die Instandsetzung der bezogenen Notunterkünfte hatte man zu „organisieren“. Dabei war eine Vielzahl der das Alltagsleben vor dem Krieg bestimmenden Regeln, Normen und Gesetze außer Kraft gesetzt. Man war „auf Selbsthilfe und Illegalität angewiesen“, nachdem auch der zum Leben notwendige Grundbedarf legal nicht mehr gewährleistet werden konnte. Diese Zeiten „partieller Anarchie“ lieferten reichlich Stoff für häufig in der Form von Schwänken, ein von der klassischen Erzählforschung den Männern zugeordnetes Genre, präsentierte Erzählungen vom Schwarzschlachten, vom Kohlenklau und vom Nachernten der umliegenden Felder.

In einer der Erzählungen heißt es: „Es war eine Ruine, wie ganz Neutraubling. Das Dach auf der späteren Schule war ja überhaupt nicht vorhanden. Das war mit Blechteilen abgedeckt, sodass bei Regenwetter das Wasser auch in den Räumen reingetropft hat. In der jetzigen Aula hab ich mir ein Zimmer eingerichtet. ,Zimmer‘ ist zu den heutigen Vorstellungen ja vollkommen übertrieben. Das einzige Bett, das in dem Zimmer drinnen war, war meine Behausung. Da hab ich geschlafen. Nachts konnte ich die Sterne zählen. Wenn´s geregnet hat, hab ich das Bett in eine Ecke gestellt, wo es nicht hingeregnet hat.“ Geprägt waren die ersten Jahre auch von teilweiser Illegalität. „Es gab nichts; also haben wir es halt selbst gemacht.“

Arbeiten zwischen Baracken und Ruinen

Wenn wir heute durch Neutraubling gehen, sehen wir asphaltierte Straßen, Geschäfte, Schulen, Betriebe, eine gut funktionierende Infrastruktur. Der Aufbau dessen begann nicht abstrakt, sondern in kleinen Werkstätten, in Baracken, in umfunktionierten Räumen zwischen Ruinen, selbstgefertigten Gegenständen und in Schuhen mit Holzsohlen.

Ein Hammer. Kein Symbol, ein Werkzeug. Und doch steht er laut Aichinger für den wirtschaftlichen Neuanfang dieser Stadt. Für einen Neuanfang brauche es in erster Linie das von Fendl erwähnte unsichtbare Gepäck: Können, Erfahrung, einen starken Willen und etwas Mut. Ob es nun ein Fabrikant mit seiner Familie war, der in Aussig Hunderte Arbeiter beschäftigt hatte, oder jemand anderes, der mit seinen Fähigkeiten ein neues Zuhause erschuf.

Ein weiterer Bericht beschreibt die Kindheit: „Mit einem Kilo Brot in der Woche bin ich raus. Und die Kathi, der hab ich es auch vorgeschnitten. Sie hat dann oft gefragt: ,Mama, darf ich heut nicht mehr essen?‘ Dann hab ich von meinem Brot noch abgeschnitten und hab es ihr gegeben und ich bin so los und hab Kartoffel geklaut auf dem Feld. Da mal eine, dort eine…und hab es Zuhause gekocht. So haben wir uns über Wasser gehalten, dass wir nicht verhungern.“

Und ein damaliger Lehrling meinte: „Die Werkstatt war im Schlangenbau unten, im Keller. Wir mussten alles runterschleppen, beziehunsgweise raufschleppen. Zur damaligen Zeit haben wir nichts zum Essen gehabt. Da waren wir halt sehr schlecht beinand. War nicht die schönste Zeit und die stärksten waren wir auch nicht.“

Viele der befragten Männer schildern die Zeit des Aufbaus als Zeit der Abenteuer. Dabei stellen zum Beispiel die Munitionsfunde auf dem ehemaligen Wehrmachtsflughafen ein häufiges Thema dar. Heil überstandene damals gefährliche Situationen wurden im Erzählen zu „Episoden“ abgewertet, über die man heute lachen kann: „Und Munition, da haben wir ja gar nicht mehr hingeschaut“, lautet der Kommentar von einem der ersten Neutraublinger Landwirte.

„Und einmal auch wieder, da hab ich schon einen Bulldog gehabt, zum Kartoffelfeld, hab ich geeggt und denk ich ‚Na, will denn das Kartoffelkraut nicht raus aus den Eggen hinten?’ no, und wieder eingesetzt und wieder geht’s nicht raus, dann bin ich halt doch aufgestanden und hab runtergeschaut, dann hab ich halt so einen Apparat drinnen gehabt, hinten zwischen den Eggenzähnen, nicht, mei“, erzählt der Zeitzeuge.

Aus Bomben werden „Apparate“ und Abenteuer

Wenn, wie hier, Bomben als „Apparate“ bezeichnet werden, sind sie bereits zur Staffage einer Abenteuererzählung geworden, hieß es von den Referentinnen. Sie sollen dann nicht von den Gräueln des Kriegs erzählen, sondern das Bild einer abenteuerlichen Pionierzeit. Solche fast ausschließlich von Männern dargebotene Geschichten seien deshalb in hohem Maße solidarisierend, auch wenn sie als Erlebnisse einzelner erzählt werden.

Angst wurde im Zusammenhang mit den Munitionsfunden nie thematisiert, das Erzählen galt - wie Forscher das in ihren Gesprächen mit ehemaligen Wehrmachtssoldaten festgestellt haben - „den Gefahren, nicht der Angst“. Bei den Frauen galt immer auch die Angst.

„Erzählen bewahrt nicht nur Erinnerung. Es stiftet Gemeinschaft und schafft Identität eines Ortes mit kurzer Historie“, sagte Fendl am Ende ihres Vortrags. „Im Jubiläumsjahr feiern wir deshalb nicht nur ein Datum. Wir feiern Menschen und ihre erzählten Geschichten.“ Für ihren Vortrag überreichte Bürgermeister Harald Stadler den beiden Referentinnen je einen Blumenstrauß.

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