"Karls Leberkas"
In diesem Landshuter Imbiss trifft sich nachts fast jeder

Christine Vinçon
Wirklich mondän geht es bei "Karls Leberkas" nur an der Wand zu: Unter dem Bild eines riesigen Hummers bringen Ferdi (vorne) und Daniel die Leberkassemmel an den Kunden. Sie machen den Job schon seit eineinhalb Jahren - mittlerweile läuft die Arbeit völlig automatisch.
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Im Video erzählt Laura Mies aus der Redaktion Stadt Landshut wie die Geschichte hinter diesem Türchen entstanden ist.
Wie weit gehen die Grenzen der Gastronomie? Mental, menschlich, moralisch? Tobi Götz hat sie in Indien gefunden, als Superreiche auf dem Kreuzfahrtschiff "MS Europa" Butterpäckchen als Geste der Großzügigkeit zu bettelnden indischen Kindern in das verschmutzte Meereswasser fallenließen und er ihnen als Bedienung dabei zusah. Jetzt ist er froh, wenn er sein Essen höchstens mal nachts zwischen Betrunkenen hin und herfliegen sieht. Vor den Türen seines Imbiss' "Karls Leberkas" - in dem er jetzt wieder "ehrliche" Menschen bedient.
Freitagabend, 23 Uhr, letztes Dultwochenende. Die Lichter in Götz' Imbiss brennen schon, die Tür steht einen Spalt breit auf. "Wo ist die Liebe?", ruft ein Zwei-Meter-Mann in Lederhosen, während er sich durch die Tür quetscht. Er hält ein rotes Plüschherz zwischen den Armen, so groß, dass es sich zwischen ihn und die Türe keilt. "Ey, die Liebe ist immer im Herzen", sagt Christian, ein Mitarbeiter und Tobis "bester Mann". Er ist ausnahmslos freundlich zur Kundschaft. "Aber wart' bitte noch kurz draußen, wir machen gleich auf."

LZ Archiv/ Peter Litvai
Vor fünf Jahren haben Tobias Götz (links) und Josef Gusel "Karls Leberkas" gegründet. Mittlerweile ist Josef nicht mehr dabei, er lebt jetzt in Afrika.
Eine Pilgerstätte für hungrige Nachtschwärmer
Beim "Karl" geht die Wärmetheke erst dann an, wenn sie in den anderen Restaurants der Innenstadt gerade ausgeschaltet wird. Der Imbiss ist Pilgerstätte für die Nachtschwärmer dieser Stadt, denn sonst hat so spät fast niemand mehr geöffnet, um den Hunger nach dem Bierdurst zu stillen. Nur einen Dönerladen am Narrenbrunnen gibt es noch - der schließt aber schon um ein Uhr. Den Umsatz durch die leberkashungrigen Dultbesucher lässt sich Tobi an diesem Freitag nicht entgehen, da wird der Stecker der Theke auch mal erst um halb fünf gezogen, normalerweise ist um drei Uhr morgens Schluss.
Erste Bestellung: 10,60 Euro, einmal "Die Pizza", einmal "Der Klassische". "No Diggity" von Blackstreet tönt aus einem Lautsprecher auf dem Getränkekühlschrank, als die erste Laugensemmel halbiert wird. Daniel, schlank und ganz in Schwarz, schmiert und belegt. Ferdi, breit trainiert in lässigem grauen Shirt, tütet die Semmeln ein und verkauft. Wie ein perfekt eingespieltes Duo handeln sie ihre Ware an die treue Kundschaft weiter. Nach etwa 60 Sekunden ist die Bestellung fertig. Der Plüschherz-Kunde schnappt sich "Die Pizza", lehnt sich vor zum Reinbeißen und schaukelt kurz zurück, bevor er der Semmel innig huldigt: "Um die Uhrzeit gibt's echt nichts Besseres."
Die Klientel an diesem Abend ist speziell: Nur ein Bruchteil ist nüchtern und in Zivil, der Rest mindestens angetrunken und in Tracht unterwegs. Wer Hochdeutsch spricht, hat bei den Burschen in Lederhosen schon verloren: "Die preißlt wiad Sau, Oida. Die gfoid ma ned", sagt ein Kunde, während er ein Weißbierglas, halbvoll mit Aperol, zu den Lippen führt.
Obwohl Inhaber Tobi schon auf Luxus-Kreuzfahrtschiffen gekellnert und in der Schweiz ein Hotel geführt hat, ist ihm diese Kundschaft die liebste: "Die Leute sind hier natürlich auch mal betrunken, aber die sind einfach ehrlicher, an denen ist man näher dran."
Mittlerweile ist es kurz nach Mitternacht, der Laden ist so voll, dass man die Hip-Hop Musik im Hintergrund kaum mehr hört. Tobi und Christian stehen nun auch hinter der Theke als Verstärkung. Seit fünf Jahren gibt es den "Karl", benannt nach Tobis Großvater. Gegründet hat er ihn mit seinem langjährigen Freund Josef Gusel, der mittlerweile in Afrika lebt. Zwar unterstützt er das Karl-Team nun nicht mehr, doch ohne ihn wäre der Laden, der für so viele Landshuter so wichtig ist, nie entstanden, sagt Tobi.

Christine Vinçon
Neben Lederhosen- und Dirndlträgern zieht es auch zivile Kundschaft am letzten Dultwochenende zum "Karl". Denn auch für sie gibt es um die Uhrzeit sonst nichts mehr zum Essen.
Die Schlange wird Stunde um Stunde länger
Stammkunde Fluffy sitzt auf dem grauen Sofa im Eck neben der Tür und wartet auf eine ruhige Minute, um von seinem Freund Christian eine Semmel geschenkt zu bekommen. Vergebens - je länger die Nacht, desto länger die Schlange. Enttäuscht und hungrig nippt er an seinem Bier, sieht eine fingerdicke Leberkasscheibe nach der anderen über die Theke wandern. Eine andere Imbiss-Bekannte ist da schon flinker: Zum zweiten Mal an dem Abend stürmt eine junge Dame in Tracht hinein, quetscht sich hinter die Theke, greift sich eine Laugensemmel aus dem Korb und verschwindet schon wieder. "Danke Jungs, Küsschen!" "Dieser Laden ist eine Institution, das hier ist Heimat", sagt Fluffy - für ihn und die Dame zumindest ganz sicher.
"Karls" Beliebtheit liegt nicht daran, dass die Leute nachts nur Lust auf seinen Leberkas hätten, das weiß auch der Betreiber: "Gäbe es eine Alternative in der Stadt, würden die Leute auch woanders hingehen", sagt Tobi. Doch die gibt es nicht - und so kommt hier im Imbiss von Donnerstag- bis Samstagnacht eine Klientel zusammen, die sich so beim Weggehen wahrscheinlich selten begegnen würde: Die Damen mit Luxushandtasche zum Dirndl, vor ihnen eine Gruppe Abiturienten in weiten Jeans, die nicht nur Hunger, sondern auch eine Marihuana-Duftwolke mitbringen.
So "rustikal" wie zur Dult gehe es selten zu, sagt Tobi. Die bekifften Kunden seien da eine willkommene Abwechslung: "Seit der Gras-Legalisierung haben wir eine neue Gruppe an Gästen dazugewonnen. Die sind super, einfach tiefenentspannt. Die freuen sich des Lebens, wenn sie ihr Essen bekommen haben und schweben dann friedlich wieder hinaus." Manchmal müsse man nur ein paarmal öfter erklären, welches Angebot es denn jetzt genau gebe.
Doch selbst solche Kunden stressen die Mitarbeiter nicht, obwohl gerade Höchstbetrieb herrscht. Auch der Betrunkene, der mangels Gleichgewicht die Theke fast umhaut und einen Bilderrahmen auf den Boden schmeißt, wird beim Überreichen der Semmel angelächelt. Die Jungs hinter der Theke sind immer freundlich, haben eine Engelsgeduld.
Dani greift zur Semmel, - zack, halbiert - sticht vor sich in die Leberkas-Vitrine, schneidet eine Scheibe ab und wirft sie zwischen die Semmelhälften. Zig Mal pro Stunde. Auch Ferdi dürfte die Tastenkombinationen der eierschalenfarbenen Kasse vor sich mittlerweile blind eintippen können.
Viele Tasten gibt es nicht: Sieben Sorten Leberkas plus eine vegetarische Alternative, den Kaspressknödel. Am beliebtesten ist bei den Kunden dieses Wochenendes die "KasKas-Kaspress-Kasbrezn-Semmel"- Breznsemmel, Leberkas mit Käsefüllung, eine Scheibe Käse, geröstete Zwiebeln, ein Kaspressknödel. Mit dem "KKK" habe man schon den ein oder anderen betrunkenen Kunden wieder nüchtern bekommen, sagt Tobi.
"Meistens sind die Leute bei uns sogar entspannter"
Am vergangenen Samstag erreichte die Redaktion folgende Polizeimeldung: "Ein 21-Jähriger wollte bei einem Streit dazwischengehen und wurde durch einen unbekannten Täter mit der Faust in die Weichteile geschlagen. Im Anschluss warf der Schläger dem Geschädigten noch eine mitgeführte Leberkässemmel ins Gesicht." Tatort? "Karls Leberkas".
Die Kundschaft vom "Karl" sei trotzdem größtenteils entspannt. In den fünf Jahren, in denen der Laden nun offen hat, hätte nur zwei-, dreimal die Polizei anrücken müssen. "Unschöne Erlebnisse mit den Betrunkenen haben wir selten. Meistens sind die Leute bei uns sogar entspannter. Die treffen sich bei uns eben auch nachts, fernab von Arbeit", sagt Tobi. Doch selbst fliegende Leberkassemmeln seien Tobi lieber, als das Luxusschiff.









