Kugelkirta
„Tanzen is unser Freud!“ - traditionsreicher Kirtaausklang
Seit mehreren Jahrzehnten veranstaltet die Volkstumsgruppe Dingolfing den Tanznachmittag an jenem Wochenende, an dem die Sieger der Schützenwettbewerbe ausgezeichnet werden. Auf diese Tradition der Schützen geht nach Angaben der Veranstalter der Name Kugelkirtatanz zurück. Die Veranstaltung ist längst über Niederbayern hinaus bekannt.
Für den Vorsitzenden der Volkstumsgruppe Dingolfing, Josef Kronbeck, ist das Tanzen nicht nur zu einer lebenslangen Leidenschaft, sondern auch zu einer Familienangelegenheit geworden. Bei einem klassischen Tanzkurs lernte er seine spätere Frau Ruth kennen. Im Jahr 1963 entstand aus einem kleinen Kreis von Sängern und Musikanten eine Gruppe, die sich im Laufe der Zeit zu einem großen Sing- und Tanzkreis entwickelte. „In den 60er- und 70er-Jahren haben wir im ganzen Landkreis Volkstanzkurse gemacht. Alles, was heute hier stattfindet, ist durch die Volkstanzpflege, vor allem in Niederbayern, so vielfältig entstanden“, erzählt Kronbeck.
Im Rhythmus der Tradition
Seit den 1980er-Jahren findet der Kugelkirtatanz in der Stadthalle Dingolfing statt, die 1983 eröffnet wurde. Heute kommen ganze Familien, in denen das Tanzen von Generation zu Generation weitergegeben wird. Jeder Tanz hat seine eigene Folge von Figuren, und früher spielten solche Tänze eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben.
Auch heute hat die Veranstaltung nichts von ihrer Festlichkeit verloren. In diesem Jahr spielt bereits zum neunten Mal die Aichacher Bauernmusi unter der Leitung von Ludwig Mittelhammer auf. Die 1931 gegründete Kapelle tritt bei Volkstanzveranstaltungen auf. Zu ihrem Repertoire gehört bäuerliche Tanzmusik des 19. Jahrhunderts.
„Tanzen is unser Freud!“, verkündet Kronbeck bei seiner kurzen Begrüßung, und der Nachmittag beginnt mit einer Polonaise. Zahlreiche Tänzer strömen auf die Tanzfläche. Was von außen wie ein unbeschwerter Tanz aussehen mag, folgt in Wirklichkeit seiner eigenen Logik, seinem eigenen Rhythmus und festen Abläufen. Dabei brauchen nicht nur die Tanzenden besondere Kenntnisse, sondern auch die Musiker. Laut Ruth Kronbeck würden viele Kapellen gerne beim Kugelkirtatanz aufspielen, kennen aber die entsprechenden Musikstücke nicht.
Schon erklingt im Saal eine schwungvolle Polka, und neue Paare beginnen sich zu drehen - so, wie es auch vor mehr als hundert Jahren hätte sein können. Josef Kronbeck erzählt, dass viele traditionelle bayerische Tänze Stück für Stück rekonstruiert wurden: Anhand von Beschreibungen in Archiven und Erzählungen von Menschen, die diese Tänze selbst noch gelernt hatten. Besonders interessant sind die Tänze, an denen der ganze Saal teilnehmen kann. So wird die Française zu einem der Höhepunkte des Nachmittags. Ihre Tradition geht auf die Bälle des 19. Jahrhunderts zurück, bei denen sich Damen und Herren gegenüberstanden und nach den Ansagen des Tanzmeisters die Figuren wechselten. „Kette fahren! Zurück! Rechts und links!“, ruft Josef Kronbeck von der Bühne, und die Tanzenden bewegen sich im Takt wie ein wogendes Meer. Früher bot ein solcher Tanz auch Gelegenheit, angenehme Bekanntschaften zu schließen.
Heute kommen zum Kugelkirtatanz nicht nur einzelne Paare, sondern ganze Tanzgruppen aus Niederbayern, darunter auch aus Passau. Für sie ist die Veranstaltung zugleich eine Gelegenheit, Kontakte zu pflegen und das Publikum zu eigenen Veranstaltungen einzuladen.
Lucia und Max gehören heute zu den jüngsten Tänzern. Beide sind Anfang zwanzig. Lucia ist in einer Familie aufgewachsen, in der die traditionellen bayerischen Tänze immer Teil der Familiengeschichte waren.
Damit die Kette nicht reißt
Ihre Eltern lernten sich beim Tanzen kennen. Alle ihre Geschwister tanzten, und jedes Jahr kommt ihre ganze Großfamilie zum Kugelkirtatanz nach Dingolfing. Lucia scherzt, dass es für sie wohl schon der 21. Kugelkirtatanz in 21 Lebensjahren sei. Auch ihren Freund Max hat sie für den bayerischen Volkstanz begeistert. Im vergangenen Jahr tanzte er hier zum ersten Mal mit. Dennoch sagen beide, dass Volkstanz unter jungen Menschen weniger verbreitet ist, vor allem in größeren Städten. „Ich glaube, es ist schwer reinzukommen, wenn man nicht durch die Familie damit aufwächst. Sonst hat man einfach keine Kontaktpunkte“, sagt Lucia. Max ergänzt, dass viele junge Leute gar nicht wissen, dass es den bayerischen Volkstanz gibt. Und wenn doch, halten sie ihn für etwas Altmodisches.
Dabei schauen beide immer wieder bei anderen Tänzern ab, wie die Figuren gehen. Volkstänze lassen sich aber durchaus erlernen, besonders in guter Gesellschaft. „Es macht einfach Spaß. Und es wäre schade, wenn solche Tänze aussterben und niemand mehr weiß: Was tanze ich jetzt dazu?“, sagt Lucia.
Für Max ist der Tanznachmittag auch eine schöne Gelegenheit, als Familie zusammenzukommen. „Ich finde, es ist eine sehr schöne Art, auch für Familien zusammenzukommen. Ich merke das hier mit der Familie meiner Freundin. Da sind wirklich super viele Leute: Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins treffen sich aus ganz Niederbayern zum Tanzen“, erzählt er.
Der Kugelkirtatanz geht weiter, und unter den Gästen sind bunte Scharen von Kindern zu sehen. Das lässt hoffen, dass die Volkstanztradition ebenso fortbesteht wie der Wechsel der Figuren im Tanz.
















