Altes Handwerk

Ein Leben weben: Max Lex aus Schlondorf und das „oide Graffl“

Im alten Haus von Max Lex steht der Webstuhl seines Großvaters. Der hat damit Flachs zu Leinen gewebt. Sein Leben lang. Nach dem Krieg war Schluss mit dem Handwerk.

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Max Lex steht in seinem alten Haus, wo der Webstuhl auf bessere Zeiten wartet.

Max Lex steht in seinem alten Haus, wo der Webstuhl auf bessere Zeiten wartet.

Der Wurm ist fleißig gewesen in den vergangenen 51 Jahren. Holzmehl rieselt aus den Löchern, die den Webstuhl an vielen Stellen zieren. „Do is er früher auch gestanden“, sagt Max Lex und deutet mit seiner Krücke auf das Gerät. In der Ecke der Wohnküche befindet sich ein fast komplett zusammengebauter Webstuhl. Dort hat der Großvater viele Jahre Leinen gewebt. Ein halb fertiges Stück Stoff ist eingehängt, als ob der Weber nur kurz Pause machen würde. Aber der Mäusekot darauf, erzählt eine andere Geschichte.

„Ich hob den wieder do zambaut“, sagt der 85-jährige Lex. „Aber mit den Tretern da unten. Des geht mir ned’ recht ein.“ Dirk-Jan Terlouw hört zu und nickt. Er hätte großes Interesse daran, den alten Webstuhl zu erhalten. „1843 Jos. Fischer“ steht auf einem dem oberen Balken eingebrannt, dahinter die Jahreszahl „1896“. Terlouw hat dieses Frühjahr Lein angebaut und ist nun auf der Suche nach den alten Maschinen. So sind er und Lex zusammengekommen. Der 85-Jährige steht ein wenig hilflos in dem alten Haus, das die Familie 1975 verlassen hat. Eine riesige Linde wirft ihren Schatten schützend übers Dach. Die Zeit ist hier stehen geblieben. Die Menschen sind ausgezogen, die Mäuse haben Quartier in den alten Strohmatratzen bezogen, auf der Vorhangstange brütete ein Rotschwanzpärchen. „Ich hab da drüben neu gebaut“, fügt Lex an und deutet durch die alten Scheiben auf sein Eigenheim. Eine Entscheidung, die in der Familie nicht unumstritten war. Die Mutter hat sogar schon neue Fenster bestellt. „Die sind da, aber dann ist da nix draus geworden“, fügt er an und lächelt nachsichtig. „G’stritt’n hama sogar.“

So sieht das versponnene Garn aus.
So sieht das versponnene Garn aus.
So sieht das versponnene Garn aus.
1843 ist wohl das Baujahr des Handwerksgerätes.
1843 ist wohl das Baujahr des Handwerksgerätes.
1843 ist wohl das Baujahr des Handwerksgerätes.
Der letzte Weber hat sein Werkstück nie vollendet.
Der letzte Weber hat sein Werkstück nie vollendet.
Der letzte Weber hat sein Werkstück nie vollendet.
Ein Brechel bricht die holzigen Teile des Flachses.
Ein Brechel bricht die holzigen Teile des Flachses.
Ein Brechel bricht die holzigen Teile des Flachses.
Ein Spinnrad beherbergte früher jede Wohnstube. Textilien wurden meist selbst fabriziert.
Ein Spinnrad beherbergte früher jede Wohnstube. Textilien wurden meist selbst fabriziert.
Ein Spinnrad beherbergte früher jede Wohnstube. Textilien wurden meist selbst fabriziert.

Mutter, Großeltern, Kind

Vieles ist im Leben von Lex anders gekommen, als es hätte sein sollen. Den ersten bösen Haken schlug es gleich zu Beginn, als „der Vater mit dem Flieger über der Krim“ abgeschossen wurde, erzählt Lex. Da waren urplötzlich nur noch die Großeltern auf dem Hof und die Mutter. „Weil es da noch keine Ferntrauung gegeben hat, war die Mutter ledig“ - und damit vor allem finanziell deutlich schlechter gestellt als eine Kriegswitwe mit Trauschein. „Ich musste schon früh auf dem Hof mitarbeiten“, erinnert sich Lex. Eine seiner ersten Aufgaben war es - mit vier oder fünf Jahren - zu verhindern, dass die Gänse auf das Flachs koteten, das auf dem Feld zum Trocknen auslag. Feuchtigkeit und Bakterien sorgten für die Tauröste. So lösten sich die holzigen Teile von den Fasern. „Manchmal haben wir die auch in den Backofen gehängt, nachdem das Brot raus war“, erzählt er. Über Heißrösten lassen sich die Fasern ebenfalls schön befreien.

Als Lex älter wird, reicht es nicht mehr, nur Gänse zu hüten. Er muss gleich nach der Schule mithelfen. Eine weiterführende Ausbildung darf er nicht machen. Dabei verfügt Lex über beeindruckendes handwerkliches Talent. Die Maschinen und Werkstücke auf dem alten Anwesen sprechen davon Bände. Ein Maschinenbauer ist an ihm verloren gegangen. Das Geschick hat er wohl vom Großvater geerbt, „der hat auch alles selbst gemacht“. Er seufzt. „Mei, wos ma ned alles kann, wenn man sich damit abgibt“, winkt er ab.

Der Soldat fuchtelt rum

Eine Rahmzentrifuge und ein Butterfass räumt er ein bisschen mit dem gesunden Fuß zur Seite. Dann blickt er wieder mit hängenden Armen auf den Webstuhl und grinst. „Nach dem Krieg, da kam ein Ami in die Stube. Der hat mit der Pistole um den Webstuhl herumgefuchtelt“, erzählt er. Für was der Soldat das Gerät gehalten hat, daran kann sich der heute 85-Jährige nicht mehr erinnern. Nur so viel: „Die Oma kam gleich mit einem Küberl Eier angerannt. Des hod der g’numma und dann host na nimma gseng.“ Eier waren bei den GIs nach dem Krieg beliebt.

Mit dem Frieden und dem einsetzenden Wohlstand endete das Zeitalter der Webstühle in den Wohnstuben abrupt. „Der Großvater kaufte den Flachs ja von den Nachbarn und von überall her an.“ Die eigene Anbaufläche hätte niemals für all den Stoff gereicht, den er winters webte. „Der hatte fast eine eigene Leinenweberei. A größere Anricht halt.“ Drei Brechel stehen in der alten Stube rum. Lex macht vor, wie man sie bedient: In das etwa tischhohe Holzgestell legt der Arbeiter den Flachs ein. Eine Holzklinge, die man auf und nieder bewegt, bricht die äußere Hülle ab und legt die blonden Flachsfasern frei: „Und dann host as do drüber zong“. Nach dem Brecheln kommt das Hecheln. Lex deutet auf die Kämme mit den eisernen Zinken. Wieder geht es darum, den Lein zu reinigen und zu entwirren.

Erst danach konnte man die Fasern zu Garn spinnen. Selbstverständlich steht ein Spinnrad auch noch in der Stube herum. Aus dem Garn wurde schließlich der Stoff, der für alles diente: Kleidung, Bettwäsche, Tischdecken und Vorhänge. „Der Opa hod do so Muster einegmacht“, erinnert sich Lex. Und sogar gefärbtes Garn verarbeitet. Ein rot-weiß kariertes Anfangsmuster leuchtet aus dem braun-grauen Wust hervor. Max Lex wird es nicht mehr fertig machen, meint er. Aber den Webstuhl, den hätte er schon gern erhalten. „Wenn i nima bin, is des ois furt“, ist er überzeugt. Und mit ihm das Wissen um ein Handwerk, das über Jahrhunderte die Arbeit auf dem Hof und den Anbau auf dem Feld bestimmte. Vielleicht kann Terlouw es retten.

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