Essay
Warum Philosophie unvermeidlich ist

HFPH/Anna Futter Fotografie
„Wer sich in jungen Jahren dem Denken der Philosophie öffnet, der trägt am Ende einen lebenslangen Schatz in sich“: Studierende am Eingang der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München, die am 10. Oktober ihr 100-jähriges Bestehen feierte.
Philosophie, was soll das? Keine Zeit dafür, nein danke! Da gibt’s schon einige, die so sprechen. Was sie nicht wissen: Schon dieser Satz ist Philosophie und ist vor allem auch von philosophischen Voraussetzungen her befragbar.
Die so sprechen, geben gerne andere Antworten auf die Fragen des Lebens als solche, die die Philosophie raten würde: ungebremste Lebensfreude, materielle Güter, Lust an der Lust in allen möglichen oder auch unmöglichen Formen. Eine philosophisch sinnvolle Antwort auf solches Gebaren wäre der Hinweis, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist – und dass vor diesem Hintergrund zu bedenken ist, was mit dieser kurzen Spanne begrenzter Lebenszeit am besten anzufangen ist.
Der Religionsphilosoph Eugen Biser hat deswegen die in unserer postmodernen Zeit den Menschen „eingeredete Todlosigkeit“ als schlimme Ideologie gebrandmarkt. Wer den eigenen Tod verdrängt, wird auf das Leben kaum eine Antwort geben, die diesem Leben gerecht wird. Er wird von Vergnügen zu Vergnügen hetzen und doch niemals satt werden.
Die Philosophie dagegen weiß, dass schon das Nachdenken über solche Fragen eine tiefe Befriedigung ist. Kann man denn Denken fühlen? Natürlich – und es ist schön. Und umgekehrt: Man kann auch Gefühle denken – und sich sprechend darüber austauschen.
Verstehen kann heilen, nicht zu verstehen, macht krank
Die Philosophie weiß heute, dass der Dualismus zwischen Geist und Materie Schnee von gestern ist. Der Leib ist der Atem des Menschen, in dem sich sein Geist ausdrückt. Von daher schlägt Philosophie auch die Brücke zur Medizin oder zur Psychoanalyse. Verstehen kann heilen, nicht zu verstehen, macht krank.
Ein Studium der Philosophie führt zu anderen Menschen, die sich mit solchen Fragen beschäftigen. Natürlich, auch ein Jurist ist klug – und nicht zuletzt wurzelt das Recht auf Antworten, die die Philosophie gibt: Jeder Mensch hat eine unverlierbare Menschenwürde, das steht dann am Ende sogar am Anfang des Grundgesetzes. So kann ein Philosophiestudium problemlos mit fast allen Fächern, die es an der Universität zu studieren gibt, kombiniert werden.
Wer sich mit Betriebs- und Volkswirtschaft beschäftigt, der wird sich als Philosoph fragen: Weshalb produziert unsere Schöpfung jeden Tag fast das Doppelte von dem, was gebraucht wird, damit jeder Mensch satt wird – und wir sind nicht fähig, das auf der ganzen Welt so zu verteilen, dass in Afrika nicht jede Minute drei Kinder an Hunger sterben?
Aber selbst in unserer Gesellschaft wird er die Frage stellen: Ist es richtig, dass ganz wenige Menschen die Hälfte des Vermögens in diesem Land besitzen, während andere nicht wissen, was tun, wenn die Heizung ausfällt? Und er wird weiter fragen, wie das geändert werden kann, ohne dass unsere Marktwirtschaft, die der Planwirtschaft so unendlich überleben ist, Schaden nimmt.
Leben darf nicht „verzweckt“ werden
Von der Philosophie kann ein lebenslanger Impuls ausgehen, diese unsere Welt besser zu machen – oder auch ganz schlicht: sich besser zu verhalten, als einem das manchmal das eigene Begehren nahelegt. Das „Begehren“, ein Schlüsselbegriff aus Philosophie und Psychologie: Es darf sein, es muss sein; aber wo findet es seine Grenze?
Von Immanuel Kant, einem der Urväter der Philosophie, wissen wir: Leben darf nicht „verzweckt“ werden. In jedem Menschen muss das Leben zu seiner vollen Blüte kommen dürfen. Es geht nicht um seine Funktionalität in der Wirtschaft – und schon gar nicht beim Militär. Und doch müssen wir funktionieren – und das jeden Tag.
Wie passt das denn zusammen? Die Philosophie denkt genau über solche Fragen nach und spricht gerade mit jungen Menschen gerne darüber. Wer sich in jungen Jahren dem Denken der Philosophie öffnet, der trägt am Ende einen lebenslangen Schatz in sich. Jede Lebenslage, jede Situation, die geschehen kann, kann von dorther bedacht und besser verstanden werden. Ist eine überraschende Schwangerschaft nicht doch ein Geschenk? Und am Ende des Lebens: Haben alte Menschen nicht doch genau dieselbe Würde wie der leistungsfähige Sportler, der bei Olympia seine Goldmedaille bejubelt? Auf den Intensivstationen in den Krankenhäusern dieses Landes pflegen Krankenschwestern und Pfleger Menschen, die am Ende sind. Gerade dort wohnt die Liebe, die Philosophie weiß, dass Krankenhäuser Orte sind, die auch im Krieg niemals beschossen werden dürfen.
Philosophie stellt natürlich die Frage nach der Logik von Dingen, aber weit wichtiger noch die Frage nach dem Glück des Menschen. Die Ethik, als Lehre von der Moral der Dinge, stellt das Glück und die Freiheit des Menschen in ihren Mittelpunkt. Verantwortung und Liebe als Gegenstück dazu ergeben sich in Gesprächen dann wie von selbst. Denn der Begriff der Pflicht stößt ja von vorneherein ab, um Liebe und Verantwortung geht es schon eher.
Und vor allem eines: Die Philosophie weiß, dass es den guten Menschen nicht gibt! Jeder Mensch gewinnt das Gute seiner eigenen Natur wie eine Oase ab. Täglich muss er kämpfen, nicht in die „Raubtiernatur“ seiner Entwicklung, wie der Philosophie und Arzt Dieter Wyss das nennt, zurückzufallen. Jeder Mensch bleibt immer gefährdet, sich in eine Richtung zu entwickeln, die gar nicht gut ist. Jedes Schwarz-weiß-Denken verbietet sich von daher – und das Böse kann eben nicht nur mit Gewalt bekämpft werden, denn es steckt immer in jedem von uns. Wer das Böse auslebt, ist ein Gefallener, der auch im Gespräch immer wieder neu angesprochen werden muss.
Und wo studiert man Philosophie am besten? Auf jeden Fall auch an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München. Denn von der Philosophie führt eine Frage auch zur Gottesfrage, aber das ist schon wieder ein anderes Thema.
Zum Thema: Interview mit Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher über 100 Jahre Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München.












