Interview

„Philosophie ist eine Schule des Denkens“

Ein Gespräch mit Präsident Johannes Wallacher über 100 Jahre Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München.

Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher, Präsident der Hochschule für Philosophie

Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher, Präsident der Hochschule für Philosophie

Die Hochschule für Philosophie (HFPH) in München ist ein Lichtstrahl im tristen Grau des akademischen Alltags. Als Bildungsstätte mit besonderem intellektuellem Format hat sie solch große Persönlichkeiten wie Alfred Delp SJ und Karl Rahner SJ hervorgebracht.
Am 10. Oktober 2025 feierte die Hochschule ihr 100-jähriges Bestehen mit einer Festmesse mit Kardinal Marx in St. Michael und einem Festakt in der Aula der HFPH. Wir nutzten diese Gelegenheit, um mit dem Präsidenten der Hochschule, Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher, über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der von Jesuiten gegründeten und geführten Einrichtung zu sprechen.

Herr Wallacher, kürzlich fand der Festakt zum 100-jährigen Jubiläum der HFPH statt. Durch wen wurde die HFPH gegründet und warum wurde sie gegründet?

Johannes Wallacher: Nachdem der Jesuitenorden nach dem Verbot von 1917 wieder zugelassen wurde, bestand ein Bedarf nach Ausbildung junger Jesuiten, die auch in Deutschland wieder tätig werden konnten. Und so hat der damalige Provinzial Pater Augustin Bea, der spätere Kurienkardinal, das Berchmanskolleg in Pullach zunächst als philosophische Ordensausbildungsstätte gegründet. Dieses Konzept hat bis Anfang der 60er Jahre sehr gut funktioniert. In guten Zeiten wurden dort 200 junge Jesuiten aus dem deutschsprachigen Raum, aber auch aus anderen Ländern ausgebildet. In den ersten Jahren waren darunter so namhafte Jesuiten wie Alfred Delp oder Karl Rahner, die nach ihrem Ordenseintritt in Pullach Philosophie studierten.

Beim Gedenkakt der HFPH am 2. Februar dieses Jahres wurde an den von den Nazis ermordeten Alfred Delp SJ erinnert. Welche Bedeutung hat Alfred Delp für die HFPH?

Wallacher: Er ist bis heute ein wirkliches Vorbild: Zum einen in seiner denkerischen Stringenz. Delp steht dafür, dass Philosophie eine Schule des Denkens ist. Zum anderen aber auch für den Mut, in schwierigen Zeiten für seinen Glauben und seine Überzeugung einzustehen, auch wenn es existenzielle Folgen haben kann. Insofern ist Alfred Delp für uns Ansporn und Verpflichtung zugleich, einerseits diese strenge denkerische Tradition zu pflegen und andererseits jene persönliche Entwicklung voranzutreiben, die Menschen dazu befähigt, mit Mut und Haltung für ihre eigene Position einzutreten, auch wenn es heftigen Gegenwind gibt.

Delp hat diesen Mut, für Freiheit und Demokratie einzutreten, mit dem Leben bezahlt.

Wallacher: Diesen radikalen Mut haben nicht alle. Aber auch heute ist es wichtig, Menschen zu ermutigen, für ihre Werte und ihren Glauben, für Demokratie und Freiheit, für Menschenrechte und Solidarität einzutreten.

Wallacher: Zunächst einmal geht es der Philosophie um alle Grundfragen der menschlichen Existenz. Dazu gehören die individuellen Fragen, aber auch die des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Und bei den individuellen Fragen – und das ist, glaube ich, ein Spezifikum unserer Hochschule – geht es darum, auch in säkularen Zeiten die Gottesfrage offenzuhalten und Studierende herauszufordern, eine je eigene Antwort darauf zu geben. Und zwar mit denkerischen Mitteln, mit Argumenten der Vernunft, und nicht mit Glaubensbekenntnissen. Wir wollen nicht Glaubensbekenntnisse abfragen, sondern wir fordern die Studierenden auf, eine Position zur Gottesfrage zu finden, die für sie selbst schlüssig ist. Bei manchen erwächst aus diesem individuellen Zugang auch eine tiefere Glaubensbindung, andere – und auch das ist in Ordnung – finden für sich andere Antworten. Ein anderes Spezifikum ist die gesellschaftliche Dimension. Es geht hier um Fragen wie: Auf welche Weise kann Zusammenleben in einer Gemeinschaft gelingen? Dabei spielen die großen sozialethischen Fragen nach Gerechtigkeit und Solidarität eine entscheidende Rolle.

Aber die Studierenden dürfen auch Atheisten sein.

Wallacher: Ja. Die Hochschule ist, seit sie 1971 von Pullach nach München in die Kaulbachstraße umgezogen ist, offen für alle, die ein Interesse an Philosophie haben – unabhängig von der Weltanschauung, der Religionszugehörigkeit, dem Glauben oder der sozialen Herkunft. Entscheidend ist das Interesse an Philosophie.

Blick in den Hörsaal: Die Hochschule ist offen für alle, die ein Interesse an Philosophie haben.

Blick in den Hörsaal: Die Hochschule ist offen für alle, die ein Interesse an Philosophie haben.

Es fällt auf, dass die HFPH sich auch brandaktuellen Themen stellt.

Wallacher: Im Grunde wurzelt das in der jesuitischen Tradition. Gott ist in allen Dingen zu finden. Und wenn es sich um die Grundfragen der menschlichen Existenz dreht, dann geht es immer auch um das Problem, wie wir mit gesellschaftlichen Entwicklungen umgehen.
Eine der großen gesellschaftlichen Trends ist natürlich die digitale Transformation und die sogenannte Künstliche Intelligenz, zwei Themenbereiche, bei denen es darum geht, aus philosophischer Perspektive zu klären, ob es überhaupt angemessen ist, über den Begriff Intelligenz analog zur menschlichen Intelligenz zu sprechen. In diesem Kontext stellt sich die Frage nach dem Menschen und seiner Verantwortung ganz neu, indem man etwa überlegen muss: Welche Datenbasis lege ich den Algorithmen zugrunde? Und welche möglichen Verzerrungen gibt es? All diese Fragen beantworten wir hier an unserer Hochschule. Wir beschäftigen uns aber auch zunehmend mit der Friedens-, Sicherheits- und Konfliktforschung.

Sie haben dafür auch die entsprechenden Forschungseinrichtungen geschaffen.

Wallacher: Wir sind Gründungsmitglied der Bayerischen Wissenschaftsallianz für Friedens-, Sicherheits- und Konfliktforschung, der inzwischen zehn bayerische Universitäten angehören. Im Bereich der KI-Forschung betreiben wir zusammen mit der TU München und der Universität Augsburg ein eigenes Zentrum für verantwortliche KI-Technologien. Und wir haben ein Zentrum für globale Fragen, wo es – in bewährter Tradition – um sozialethische Fragen aus globaler Perspektive geht.

Mit welchen Problemen hat die HFPH momentan zu kämpfen?

Wallacher: Es bestand von Anfang an ein Bedürfnis nach finanzieller Stabilität, da die Hochschule lange Zeit gänzlich vom Jesuitenorden finanziert wurde. Da sind wir glücklicherweise seit 2022 mit der Verabschiedung des Bayerischen Hochschulinnovationsgesetzes ein großes Stück weitergekommen, weil sich der Freistaat Bayern gesetzlich verpflichtet hat, die Hälfte der Grundfinanzierung zu übernehmen. Das ist ein großer Schritt. Dennoch bleibt die Frage, wie die andere Hälfte langfristig finanziert werden kann – durch Gönner, durch Stiftungserträge, durch innovative Entwicklungen, durch Drittmittel. Das ist eine bleibende Aufgabe. Und dann ist es für eine private Jesuitenhochschule auch von Interesse, dass es bei zurückgehenden Ordenszahlen eine nachhaltige Präsenz von Jesuiten im Lehrkörper gibt. Und gleichzeitig ist es wichtig, dass die Positionen, die nicht von Jesuiten besetzt werden können, von Menschen eingenommen werden, die einerseits hoch qualifiziert sind und andererseits auch die Mission des Jesuitenordens mittragen. Und wie alle Universitäten stehen auch wir vor der Schwierigkeit, wie wir den Gebäudebestand auf Dauer so sichern können, dass er den Ansprüchen eines modernen Hochschulbaus genügt. Das sind die großen Herausforderungen, bei denen wir uns aber mit dem Jesuitenorden und dem Freistaat Bayern gut abgestimmt haben.

Welche Ziele hat sich die HFPH für die Zukunft gesteckt?

Wallacher: Wir wollen den bisher eingeschlagenen Weg entschlossen weitergehen und die Kooperationen mit anderen Hochschulen und Universitäten ausbauen. Und die Relevanz der Philosophie für die Ausbildung der Einzelnen und der Gesellschaft deutlich machen. Dazu müssen wir durch innovative Studienangebote und gesellschaftsrelevante Forschung attraktiv bleiben, was auch eine Werbung dafür ist, Philosophie an unserer Hochschule zu betreiben.

Der Artikel erschien am 11. Oktober 2025 im „Magazin zum Wochenende“.

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