München
Clans von Enkeltrickbetrügern ausgehoben

Sabine Dobel/dpa
Betrüger hatten versucht, Haya von Langsdorff mit dem sogenannten Enkeltrick hereinzulegen. In einer grenzübergreifenden Aktion haben deutsche und polnische Ermittler drei Clans von Enkeltrickbetrügern aus Breslau, Posen und Danzig das Handwerk gelegt.
Angst? "Ich hab' ein dickes Nudelholz in der Küche", sagt Haya von Langsdorff. Und lacht. Die 71-Jährige aus München hat einen Enkeltrickbetrüger perfekt auflaufen lassen, für die Festnahme einer Handlangerin gesorgt - und freut sich nun sichtlich über die gelungene Aktion. Die Frau, die das Geld bei ihr abholen wollte, wurde zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt.
Bayern- und bundesweit haben die Enkeltrick-Fälle zuletzt zugenommen. Allein in München entstand 2015 ein Schaden von rund 600.000 Euro. Der Betrug, der so harmlos klingt und oft mit der artigen Frage "Rate mal, wer hier spricht" beginnt, wird inzwischen mit fast mafiaähnlichen Strukturen im großen Stil betrieben.
In einer grenzübergreifenden Aktion haben deutsche und polnische Ermittler nun drei Clans in Breslau, Posen und Danzig das Handwerk gelegt. Sie seien teils beim Telefonieren "auf frischer Tat" ertappt worden, sagte der Leiter des Dezernats für Organisierte Kriminalität bei der Polizei in München, Clemens Merkl, am Montag. Dutzende Telefone und mehr als 100 SIM-Karten wurden sichergestellt. Der polnische Generalkonsul Andrzej Osiak spricht von einem "Musterbeispiel" für die internationale Zusammenarbeit. Auch in Polen entstehe durch Enkeltrickbetrug ein Millionenschaden.
Der Erfolg in der bayerischen Landeshauptstadt ließ sich sofort messen: Die Zahl der Betrugsversuche fiel nach den Festnahme-Aktionen von 831 im Jahr 2015 auf bisher 0 in diesem Jahr. Die Ermittler bekamen die Bestätigung ihres Erfolgs sogar aus überwachten Telefonaten krimineller Kreise. Da habe man sich "darüber unterhalten, dass es jetzt in München zu heiß wird", sagt Staatsanwalt Florian Weinzierl.
Die Hintermänner seien Profis, berichtet der Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä. "Sie sind es, die durch geschickte Gesprächsführung die Opfer veranlassen, ihr Erspartes wildfremden Menschen in gutem Glauben anzuvertrauen." Oft ende dies im wirtschaftlichem Ruin der Senioren.
Bei Haya von Langsdorff meldet sich zwar kein Enkel, aber ein vermeintlicher Neffen namens Andi. Er will 56.000 Euro für einen Wohnungskauf. Doch die ehemalige Krankenschwester durchschaut ihn sofort und ruft die Polizei. "Das kann ein normaler Mensch nicht glauben", sagt sie hinterher.
"Andi" gegenüber aber spielt sie das Spiel perfekt mit. "Wann kannst Du denn kommen, wir haben uns doch so lange nicht gesehen", fragt sie den Unbekannten. Die Beamten, die inzwischen schon an ihrer Seite waren, hätten sich "schlapp gelacht". Immer wieder habe "Andi" angerufen - weil er glaubte, sein Opfer an der Angel zu haben. Er saß vermutlich in einem der teils schicken "Call-Center".
In Breslau etwa erwischten die Ermittler die Täter in einem mondänen Appartement mit riesigen Fensterfronten und Blick über die Stadt. Im Akkord wählten die Betrüger Telefonnummern, die sie aus dem Internet suchten - Auswahlkriterium waren die Vornamen: Dietrich, Adolf, Fridolin bei den Herren, Dietlinde, Hildegard oder Helga bei den Damen. In 64 Minuten seien allein von einem Telefon 36 Anrufe getätigt worden. "So arbeiteten sich die Täter auf ihre perfide Art durch alle Helgas und landeten dann bei Adelheid", erläutert Merkl mit Blick auf die benutzten Anruflisten. Warum Haya von Langsdorff ins Visier der Täter geriet, ist nicht ganz klar. Vielleicht, weil sie unter dem in ihrer Generation gebräuchlichen "Johanna" im Internet zu finden war.








