Ratgeber
Experte zu Gewaltprävention: „Wer flieht, ist nicht feige“

Len0r – stock.adobe.com
Dunkle Gestalten, die am Ende einer Unterführung den Weg blockieren: Das ist ein Szenario, das bei den Kursen von „pack ma’s“ durchgespielt wird.
In der Unterführung steht eine dunkle Gestalt: Kapuze über den Kopf gezogen, stellt er sich in den Weg. „Geh oder ich hau dir in die Fresse“, sagt er. Ungefähr so läuft eine Übung bei dem Gewaltpräventionsprojekt namens „pack ma’s“ ab. Ein Schüler hat das Ziel, die Unterführung – gebaut aus Tischen und Stühlen aus dem Klassenzimmer – zu durchqueren. Jetzt wird es spannend: Wie reagiert er nun auf den aggressiven Hoodie-Träger? Der Rest der Klasse schaut zu.
Polizeibeamter Ralph Kappelmeier bildet Lehrer im Zuge von „pack ma’s“ aus, damit solche Übungen in den Unterricht eingebaut werden können. „Bei dem Test mit der Unterführung zeigen sich die drei Reaktionstypen“, erklärt er. Der Schüler, der an dem Kapuzen-Kerl vorbei will, kann nämlich entweder auch angreifen, streiten oder abhauen. „Wir wollen eine Lanze für den Fluchttypen brechen“, sagt Ralph Kappelmeier. „Denn bei solchen gefährlichen Situationen wegzugehen, ist nicht feige, sondern vernünftig.“
Ganz oben auf der Agenda bei den Kursen von „pack ma’s“ steht die Gewaltprävention und das friedliche Miteinander in der Schule. Dabei wird aber nicht nur mit Rollenspielen und Übungen über Konfliktsituationen gesprochen, sondern auch über Gemeinschaft. „Wir wissen aus der Forschung, dass, je stärker diese ausgeprägt ist, desto weniger Gewalt gibt es in einer Klasse“, erklärt der Experte.
Unten folgen Tipps, die den Kindern und Jugendlichen durch „pack ma’s“ vermittelt werden.

Ralph Kappelmeier
Ralph Kappelmeier bringt das Gewaltpräventions-Projekt „pack ma’s“ von Unterschleißheim bei München an die Schulen.
Tipps für Opfer:
Aufmerksam durch die Welt: Immer mehr Menschen bemerken ihre Umgebung nicht, weil sie Kopfhörer tragen oder auf ihr Smartphone starren. „Oft ist das harmlos“, sagt Ralph Kappelmeier. „Doch wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort ist, kann das gefährlich sein. Oder man bemerkt nicht, wenn ein Passant Hilfe benötigt.“
Bauchgefühl: Spürt man, dass irgendetwas nicht stimmt, kann jeder schauen, wie man die Situation zu seinen Gunsten verändern kann. Kommen einem drei Betrunkene entgegen, ist es sinnvoll, sich zu fragen: Gibt es hier Menschen, die mir im Notfall helfen können? Kann ich schnell irgendwo anders hingehen?
Rettungsinseln: Als Fluchtort bieten sich vor allem sogenannte Rettungsinseln an. Das sind Läden oder Plätze, die „drei Ls“ haben: Licht, Lärm und Leute. Ist einem in einer dunklen Nacht alleine unwohl, sollte man zurück in die Öffentlichkeit. In ein Einkaufszentrum, in eine Menschenmasse, in eine U-Bahn-Station oder auch in ein volles Restaurant.
Umgang mit dem Täter: Klappen die anderen Tipps nicht, ist es wichtig, beim Sprechen mit dem Aggressor vorsichtig zu sein. „Provozieren oder Sprüche klopfen wäre falsch“, sagt Ralph Kappelmeier. „Der Täter sollte aber auch nicht merken, dass du Angst vor ihm hast. Sonst weiß er, dass er sich das richtige Opfer gesucht hat.“ Also: ruhig sprechen.
Den Kindern und Jugendlichen bei „pack ma’s“ wird auch empfohlen, den Aggressor zu siezen, auch wenn er etwa gleich alt ist. „So merken Passanten, dass du die aufdringliche Person nicht kennst. Du signalisierst also Distanz. Sonst könnten Betrachter denken, dass es sich einfach nur um einen albernen Spaß zwischen Freunden handelt.“
Laut werden: Der Täter bemüht sich, dass ein Raubüberfall oder sexueller Übergriff leise und unauffällig stattfindet. Deshalb ist es wichtig, laut zu schreien, damit Menschen in der Nähe merken, dass hier etwas Gefährliches passiert.
Passanten zur Aktion zwingen: Zeugen haben oft selbst Angst, sind verunsichert oder fühlen sich nicht angesprochen. Wenn keiner reagiert, muss man sie deshalb konkret anreden. „Sie mit der blauen Jacke“, zum Beispiel. Das zieht Menschen aus der Anonymität.
Aber selbst dann könnte der Zuschauer weggehen. Deshalb sollte man ihm direkt sagen, was er machen soll – am besten etwas Einfaches. „Ruf die Polizei/die Lehrerin“ ist effektiver als ein vages „Bitte hilf mir“.
Polizei rufen: Wenn wirklich niemand helfen kann und die anderen Tipps auch nicht wirken, sollte das Opfer bei einem Überfall seine Wertsachen dem Täter überlassen. „Denn nichts ist wichtiger als die körperliche Unversehrtheit – auch nicht der Geldbeutel oder das Smartphone“, warnt Ralph Kappelmeier. Danach kann man die Polizei rufen. Das ist wichtig, denn: 75 Prozent aller Delikte werden wahrscheinlich nicht angezeigt, weiß die Polizei aus der Dunkelzifferforschung.
Tipps für Zeugen:
Lieber nachfragen: Zeugen sollen sich nicht selbst ins Risiko bringen. Viele Situationen sind aber schwer einzuschätzen: Jugendliche schubsen sich manchmal ein bisschen, ohne dass es ein größeres Problem ist. Wenn man sich nicht sicher ist, kann man das vermeintliche Opfer zumindest fragen, ob alles okay ist. Das schafft Klarheit.
Überzahl schaffen: Genauso sollten Zeugen auch erst andere Passanten ansprechen, die mithelfen könnten. Eine Gruppe Helfer wirkt stärker.
Notruf wählen: Niemand sollte Hemmungen haben, diesen anzurufen. Wichtig ist es, der Polizei genau zu beschreiben, wo man ist und was passiert. Außerdem sollte man sich als Zeuge bereitstellen: Sonst können sich die Täter vielleicht rausreden oder sogar die Schuld auf das Opfer schieben. Diesem sollte man zurufen, dass die Polizei informiert ist: Einerseits gibt das dem Geschädigten Hoffnung, andererseits könnten die Täter vom Opfer ablassen. Man ist keine Petze, wenn man den Lehrer oder die Polizei informiert.
Musterlösung: Der Zeuge könnte versuchen, das Opfer aus der Situation rauszuziehen, ohne überhaupt auf die Täter einzugehen. Eine Frau, die am Bahnsteig von zwei Männern belästigt wird, könnte man zum Beispiel kurz ansprechen und dann am Arm weg von den Tätern ziehen. „Die fühlen sich dann im besten Fall komplett entmächtigt, weil kein Opfer mehr da ist“, erklärt Ralph Kappelmeier. Diese paar Sekunden Verwirrung können Zeuge und Opfer nutzen, um zu einer Rettungsinsel zu gehen.
Tipps für Eltern:
Nicht auf die Schutzfunktion reinfallen: Erlebt das eigene Kind Gewalt, wollen viele Eltern sofort Initiative ergreifen und den Täter oder dessen Eltern zur Rede stellen. „Das könnte das Leben für das eigene Kind aber nur schwerer machen“, warnt Ralph Kappelmeier. Die Schule ist zuständig. Deshalb sollte man Druck auf die Schule ausüben – nicht auf den Täter oder gar das eigene Kind.
Offener Umgang: Wichtig ist es, ehrlich mit den Kindern zu sprechen. Sie dürfen die Schuld nicht bei sich sehen und sollen ehrlich mit den Eltern reden, damit ihnen geholfen werden kann. Ein falscher Umgang führt dazu, dass das Kind anfängt, zu mauern und über die Gewalt schweigt. Eltern sollten dem Kind auch zeigen, dass man etwas gegen die Gewalt macht – zum Beispiel, indem Eltern mit der Schule sprechen und Lösungen suchen.
Positiver Gegensatz: Gewalt und Mobbing dürfen nicht das Leben des Kindes bestimmen. Deshalb muss man auch schöne Erinnerungen für das Kind schaffen – in und außerhalb der Schule.
Anzeigen sind sinnvoll: Ist der Täter ein Klassenkamerad, ist er noch zu jung für eine harte Strafe. Eine Anzeige sendet trotzdem ein Signal: „Ich lasse mir das nicht gefallen.“ So erlebt der Täter Konsequenzen und wird vielleicht eingeschüchtert. „Viele Eltern haben Angst, dass sich der Schlägertyp dann nach Rache sehnt“, sagt Ralph Kappelmeier. „Wahrscheinlicher ist es aber, dass sich der Täter nach einer Anzeige nicht mehr so viel erlaubt.“
Hier findest du Hilfe:
Hilfestellen für Kinder und Jugendliche, die in der Schule oder zu Hause Gewalt erleben:
Deutscher Kinderschutzbund:
kinderschutzbund.de
Nummer gegen Kummer:
116111
Jugendämter:
familienportal.de
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen:
08000 116 016
Hilfeportal sexuelle Gewalt:
08002255530 oder kein-raum-fuer-missbrauch.de
Notruf Polizei: 110
Digitale Hilfe-Suche:
bayern-gegen-gewalt.de/beratung-und-hilfe/hilfe-suche









