[Frei]schreiben!
Danico und vier rote Schaumstoffbälle
Ganz unscheinbar ruhen sie in meinen geschlossenen Fäusten: zwei rote Schaumstoffbälle, einer links, einer rechts. Dabei liegt die Betonung auf e i n e r! Denn Sekunden später, als ich meine Fäuste wieder öffne, sind es jeweils zwei Bälle. Da es mitten am Vormittag ist, ich mir also noch kein Gläschen Rotwein gegönnt habe und tags zuvor auch keine ausgelassene Party gefeiert habe, steht mein Promille-Wert bei null Komma null, ich sehe deutlich und klar. Und das, was ich vor mir in meinen Händen sehe, sind vier Bälle! Wie sie in meine Fäuste gekommen sind, kann ich allerdings trotz meines hellwachen Verstandes nicht nachvollziehen.
Daniel Schrödinger, ein 14-jähriger Junge aus Schorndorf im Landkreis Cham, steht vor mir und schenkt mir ein Lächeln, das ich so zwischen verschmitzt und souverän einordnen würde. Wahrheitsgemäß muss ich eigentlich sagen, das in diesem Augenblick nicht Daniel Schrödinger vor mir steht, sondern "Danico", ein Zauberer aus Leidenschaft. Als sechsjähriger Bub hat er, wie so viele Kinder, zu Weihnachten einen Zauberkasten geschenkt bekommen. Doch während der Zauberkasten bei den meisten Kindern nach einigen Wochen in die hinterste Ecke des Spielzeugregals wandert und dort verstaubt, lässt Daniel die Zauberei nicht mehr los. Heute zaubert er bei Kindergeburtstagen, bei Sommerfesten, in Freizeitparks oder auf Faschingsveranstaltungen. Zwischen 45 Minuten und eineinhalb Stunden steht er dann auf der Bühne und fasziniert Kinder wie Erwachsene mit seinem Können.
Lampenfieber kennt er dabei kaum. Die Bühne ist sein Leben. Schon in der Mutter-Kind-Gruppe und später im Kindergarten spielt er leidenschaftlich Kasperltheater - natürlich vor Publikum. Mit seinem ersten Zauberkasten entdeckt Daniel das Zaubern für sich. In Zauberkursen der Volkshochschule lernt er die Grundregeln der Zauberei kennen, lässt sich nach und nach Requisiten schenken, studiert einen Trick nach dem anderen ein. Der Zufall will es, dass er einen Profi-Zauberer kennenlernt, der ihn unter seine Fittiche nimmt und ihn voll und ganz mit dem Zaubervirus infiziert. Das war vor vier Jahren und noch heute pflegt er den Kontakt mit ihm. Durch ihn kommt Daniel mit internationalen Zauberern in Kontakt.
Jeden Tag üben
Tag für Tag, nach der Schule, verschwindet Daniel in seinem Zauberer-Zimmer im Keller, stundenlang feilt er an neuen Tricks. Für den Trick mit den roten Schaumstoffbällen hat er ein ganzes Jahr lang geübt. Doch es hat sich gelohnt! Mit Argusaugen durchleuchte ich die Bälle in meinen Händen und kann dennoch nichts Auffälliges finden. Da ist kein Loch, aus dem der zweite Ball hätte "rausflutschen" können.
An die 70 Tricks beherrscht Daniel inzwischen. Fingerfertigkeit ist dabei das A und O! Der Tipp des Hobby-Zauberers: "Fingerfertigkeit lässt sich prima in der Schule üben, wenn's mal wieder langweilig ist!" Daneben ist geschickte Ablenkung nötig. "Ein Zauberer ist zugleich ein Schauspieler", bringt es Daniel auf den Punkt. Deshalb arbeitet Danico auch intensiv an seinem Vortrag. Er trainiert vor einem Spiegel oder mit Videokamera.
Bevor Daniel mit einem neuen Trick auf die Bühne geht, wird er zu Hause getestet: "Zuerst beim Papa, weil der nicht so genau hinschaut, dann bei der Mama. Die ist viel kritischer!" Und sie ist begeistert vom Können ihres Sohnes: Auch wenn sie einen Trick schon zum x-ten Male gesehen hat, kann sie das Geheimnis einfach nicht lüften.
Vorbild: Hans Klok
Steht Daniel auf der Bühne, geht er voll und ganz in der Zauberei auf. Aus dem Realschüler Daniel Schrödinger wird der Zauberer Danico mit rotglänzendem Satin-Hemd, weißem Sakko und schwarzem Zylinder. Seine Show hat er sich übrigens selber zusammengestellt, Tipps von erfahrenen Kollegen greift er dabei immer wieder dankbar auf. Inspirieren lässt er sich auch von seinem großen Vorbild, dem schnellsten Magier aller Zeiten: Hans Klok. Am Ziel seiner Träume ist Daniel allerdings noch lange nicht angekommen: eine eigene Show in Las Vegas! Sollte sich dieser Traum jemals erfüllen, so werde ich hoffentlich einmal bei einer spektakulären Danico-Show in Las Vegas in der ersten Reihe dabei sein und mich an die Zeiten erinnern, als ich im Keller im Zauberer-Zimmer in Schorndorf gesessen bin und die vier roten Schaumstoffbälle angestarrt habe.

















