Kriminalität
Tatkomplex „Kajal“ - Prozess startet in Nürnberg

Daniel Karmann/dpa
Die Gegend um den Nürnberger Hauptbahnhof gilt als Kriminalitätsschwerpunkt (Archivbild).

Mit Schminke angelockt, mit Drogen gefügig gemacht - und dann sexuell missbraucht? Die Polizei in Nürnberg ermittelt gegen mutmaßliche Drogenhändler aus dem Umfeld des Hauptbahnhofes. Sie sollen sich an Dutzende Mädchen und junge Frauen herangemacht, ihnen erst Make-up und dann Drogen gegeben haben, um sich an ihnen zu vergehen.
An diesem Dienstag (10. November) beginnt der erste Prozess in dem sogenannten Tatkomplex „Kajal“ am Landgericht Nürnberg-Fürth. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 22-jährigen Angeklagten vor, einer zur Tatzeit 16-Jährigen in seiner Wohnung zweimal verschreibungspflichtige Medikamente gegeben zu haben. Beim zweiten Mal soll er die Jugendliche gedrängt haben, die Tabletten zu nehmen. Danach soll er sie vergewaltigt haben. Laut Staatsanwaltschaft gab er auch seiner ebenfalls 16 Jahre alten Freundin Ecstasy. Das Landgericht Nürnberg-Fürth hat für den Prozess gegen ihn vier Verhandlungstage bis Anfang Dezember angesetzt.
Nur die Spitze des Eisberges
Doch das ist nur die Spitze des Eisberges: Drei weitere Anklagen sind nach Angaben der Staatsanwaltschaft zu den Amtsgerichten Erlangen und Fürth erhoben worden. Außerdem laufen noch 25 zusätzliche Ermittlungsverfahren. „Die Anzahl der mutmaßlich Geschädigten entspricht in etwa der Anzahl der Verfahren“, teilt die Staatsanwaltschaft mit.
Die Fälle hatten Schlagzeilen gemacht. Seit Mai dieses Jahres geht die Nürnberger Ermittlungskommission (EKO) „Kajal“ gegen die mutmaßlichen Täter im Umfeld des Nürnberger Hauptbahnhofes vor. Die Gegend gilt als Kriminalitätsschwerpunkt.
„Ob tatsächlich Kajal-Stifte verschenkt wurden, entzieht sich meiner Kenntnis. Grundsätzlich wurde das Verschenken von Kosmetika als Grund für den von der Polizei gewählten Namen genannt“, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft.
Mehr als 20 Männer sitzen in der Sache inzwischen in Untersuchungshaft. Ihnen wird neben Sexualdelikten auch die Abgaben von Medikamenten und Betäubungsmitteln an Minderjährige vorgeworfen. Dabei geht es um Rauschgifte wie Kokain und Crystal Meth, aber auch um verschreibungspflichtige Medikamente.
„Zunehmend aggressive Betäubungsmittelhändlerszene“
Nach Angaben der Polizei hatte sich ab Ende 2023 im südlichen Bahnhofsumfeld „eine offene und zunehmend aggressive Betäubungsmittelhändlerszene“ gebildet. Zeitweise hielten sich mehrere Dutzend Händler auf dem Platz auf und sprachen Passanten gezielt an. Lehnten Passanten ab, kam es immer wieder zu Konflikten und Gewalt. Körperverletzungen und Sexualdelikte nahmen deutlich zu. Besonders betroffen war der Nelson-Mandela-Platz.
Um das Viertel südlich des Hauptbahnhofs sicherer zu machen, ließen die Behörden Pflanzen zurückschneiden, damit sich Dealer schlechter verstecken können. Polizisten waren nahezu ständig vor Ort. Eine besonders große Rolle schreiben die Ermittler der Ausweisung als Waffen- und Messerverbotszone sowie als Cannabisverbotszone zu.
Verfahren gegen Intensivtäter bündelte die Justiz bei spezialisierten Staatsanwälten. 40 Intensivtäter wurden inhaftiert, 14 abgeschoben - das betraf die Kriminalität dort insgesamt, nicht nur die EKO „Kajal“. Innerhalb eines Jahres halbierte sich die Zahl der Körperverletzungen nach Angaben von Polizei und Stadt. Straftaten mit Messern gingen um ein Drittel zurück.
Der Nelson-Mandela-Platz sei „wieder ein städtischer Platz, auf dem man sich gerne und vor allem wieder unbesorgt aufhalten kann“, sagte Polizeipräsident Gernot Rochholz im Oktober. Zugleich warnte er, dass andernorts eine neue Szene entstehen könnte. „Drogenhändler sollen sich an keinem Ort in Nürnberg wohlfühlen. Wir haben ein Auge auf sie und schreiten konsequent ein.“ Der Hauptbahnhof und sein Umfeld sollen nach seinen Worten auch in den kommenden Jahren ein Schwerpunkt der Polizeiarbeit bleiben.








