Schwimmbad-Roman

Roman „Weiterschwimmen“ - Trauer, Trost und Hoffnung im Pool

Susanne Pawlik hat den autobiografisch gefärbten Roman «Weiterschwimmen» über den Tod eines Kindes geschrieben.

Susanne Pawlik hat den autobiografisch gefärbten Roman «Weiterschwimmen» über den Tod eines Kindes geschrieben.

Von dpa

Abkühlung! Das versprechen sich Menschen an heißen Tagen vom Sprung ins Schwimmbad oder in den See. So war es auch bei Susanne Pawlik - bis zu jenem Sommer 2017, als ihre Welt aus den Fugen geriet. Ihre Tochter starb an Krebs und für Pawlik wurde es überlebenswichtig, im Wasser ihre Bahnen zu ziehen. Davon erzählt sie in ihrem Romandebüt „Weiterschwimmen“, das in Teilen an ihre eigene Geschichte angelehnt ist. Doch wie schaffte es die Autorin aus dem oberbayerischen Inntal, Mut und Lebensfreude neu zu finden? Und welche Rolle spielte das Schreiben für sie?

Der Schicksalsschlag kündigte sich während einer der schönsten Zeiten im Jahr an - im Urlaub. „So viel Glück. Ferienhaus und Pool, sonnenlichte Tage“, lässt Pawlik ihre Romanheldin Bea erzählen, die wie die Autorin auch einen Mann, eine Tochter und einen sieben Jahre älteren Sohn hat. In dieser Ferienidylle stellen sie etwas Beunruhigendes fest: „Plötzlich war sie da. Die Beule an Karlas Bauch. Beim Eincremen. Links, direkt neben der Niere.“

Nach dem Tod ihrer Tochter fand die Autorin Halt und Trost beim Schwimmen.
Nach dem Tod ihrer Tochter fand die Autorin Halt und Trost beim Schwimmen.
Nach dem Tod ihrer Tochter fand die Autorin Halt und Trost beim Schwimmen.
Ihren Schreibstil beschreibt Pawlik als «Swim of Consciousness».
Ihren Schreibstil beschreibt Pawlik als «Swim of Consciousness».
Ihren Schreibstil beschreibt Pawlik als «Swim of Consciousness».
Auch wenn die Romanfigur Bea und die Autorin das gleiche Schicksal ereilt hat, ist im Buch doch manches etwas anders.
Auch wenn die Romanfigur Bea und die Autorin das gleiche Schicksal ereilt hat, ist im Buch doch manches etwas anders.
Auch wenn die Romanfigur Bea und die Autorin das gleiche Schicksal ereilt hat, ist im Buch doch manches etwas anders.
Das Untertauchen ins kühle Wasser half Pawlik, in ihrer Trauer sich wieder selbst zu spüren. (Symbolbild)
Das Untertauchen ins kühle Wasser half Pawlik, in ihrer Trauer sich wieder selbst zu spüren. (Symbolbild)
Das Untertauchen ins kühle Wasser half Pawlik, in ihrer Trauer sich wieder selbst zu spüren. (Symbolbild)
«Analytisch kann man unter Wasser nicht sein, nur emotional», sagt Pawlik über ihre Bahnen im Schwimmbecken. (Symbolbild)
«Analytisch kann man unter Wasser nicht sein, nur emotional», sagt Pawlik über ihre Bahnen im Schwimmbecken. (Symbolbild)
«Analytisch kann man unter Wasser nicht sein, nur emotional», sagt Pawlik über ihre Bahnen im Schwimmbecken. (Symbolbild)

Es folgt ein Alltag zwischen Klinik und daheim, zwischen Stomabeutel und Einwegspritzen, Sauerstoffgerät und Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen im Krankenzimmer. Dazwischen ein Kind, das bislang voller Energie war, mit „feinen Löckchen auf der Stirn“, wie es im Buch heißt, ständig in Bewegung. „Dieses Sprühen und Leuchten. Herumschwirren in wilden Choreographien.“

Der Abschied von der Tochter beginnt lange vor deren Tod. „Bei der Diagnose fing im Prinzip schon eine Art von Trauer an“, sagt Pawlik rückblickend. „Man verabschiedet sich vom Gedanken an ein gesundes Kind, von der Normalität. Meiner Meinung nach wird über diese Art von Trauer viel zu wenig gesprochen. Alle denken, getrauert wird erst, wenn jemand gestorben ist.“

Grundlage des Buches waren viele kleine Zettel, auf denen sie in den Jahren der Trauer Gedanken festhielt. „Swim of Consciousness“, schwimmendes Bewusstsein, nennt Pawlik ihre Schreibweise in Anlehnung an den „Stream of Consciousness“, mit dem der irische Autor James Joyce im Roman „Ulysses“ den Gedankenstrom seiner Figuren schildert.

„Beim Schwimmen kann man nur andenken. Da kann man nicht Gedanken zu Ende spinnen, da kann man sie nur spüren. Man kann sie aber nicht zerdenken“, erklärt die 55-Jährige ihre Idee. „Analytisch kann man unter Wasser nicht sein, nur emotional. Das ist für mich dieser "Swim of consciousness".“

Im Roman nimmt Pawlik einen mit in ihre Gedanken, die wie Wellen hin- und herrollen. Erzählte Passagen wechseln mit Gedanken, die als Zweizeiler aufeinanderfolgen, oft kurze, poetische Erinnerungsfetzen, dabei gleichmäßig „im Brustschwimmrhythmus“, wie sie sagt.

Der rote Faden: die Schwimmbadbesuche, jedes Mal mit Angabe von Luft- und Wassertemperatur, wie auf den alten Kreidetafeln, „wo dann der Bademeister die 24 auswischt mit Spucke und dann eine neue Gradzahl schreibt, wenn das Wasser wieder wärmer geworden ist“, sagt Pawlik.

Am liebsten ist ihre Romanfigur Bea in einem Waldschwimmbad gerade über der Grenze in Österreich, ebenso wie Pawlik selbst seit Jahren. „Schwimmen hat mich durch schwere Zeiten gebracht“, erklärt die Autorin. Sie liebte dieses Bad, weil dort niemand von ihrem Schicksal wusste. „Wo ich einfach nur die bin, die morgens ihren Kilometer schwimmt“, immer „auf der äußeren Bahn“.

Worin bestand der Reiz dieses Rituals? Es sei das Untertauchen ins kalte Wasser gewesen, „dass man seinen Körper wieder spürt, sich selber wieder spürt. Und auch dieses sich körperliche Auspowern, weil man im Kopf so ausgepowert ist. Und in einen Flow kommen, der ermöglicht, dass man Dinge denkt, die man vielleicht über Wasser nicht gedacht hätte“. Und das 40 Bahnen lang. Es war ein Rahmen für den Roman und Pawliks ganz persönlicher Halt. „Für mich war es lebensrettend, weil es mich immer wieder gesammelt hat.“

Es hätte ein Buch voll Wut und Verzweiflung werden können. Schließlich starb Pawliks Tochter einen Tag vor ihrem siebten Geburtstag. Ohne Frage berührt das Schicksal der Familie tief - und ja, es kann zu Tränen rühren. Doch die Autorin macht auch Mut, so wie sie es mittlerweile auch als Trauerbegleiterin und Trauerrednerin tut. Sie zeigt Wege aus der Trauer, sehr poetisch und mitunter humorvoll. So ist es ein tröstliches Buch, nicht nur für Eltern und Geschwister, sondern für alle, die einen lieben Menschen verloren haben.

Doch darf das Leben einfach so weitergehen? Das fragt sich auch Bea, die mit ihrem Mann Paul und Sohn Anton nach Karlas Tod nach Portugal gereist ist. „Dürfen wir das genießen? Dürfen wir einfach mal nicht an zu Hause denken? Davon träumen, dass wir immer so leben könnten. Weit weg von allem.“

Pawlik und ihre Familie waren nach der Beerdigung „im Funktioniermodus“, wie sie es nennt. „Wenn der Alltag einsetzt und um die Hinterbliebenen die Welt sich ganz "normal" weiterdreht. Als ob nichts passiert wäre.“ Und doch gebe es für die allermeisten einen Weg weiter, so wie im Roman. „Ich wollte gerne über Erlösung schreiben, so wie der Tod irgendwann auch erlösend sein kann und so wie wir auch wieder die ersten Schritte ins Leben gemacht haben“, erklärt sie. „Und nicht Erlösung im Sinne von: Oh, endlich ist es vorbei. Sondern Erlösung im Sinne von: Oh, ich kann ja weitermachen“.

Dieser Artikel ist Teil eines automatisierten Angebots der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Er wird von der idowa-Redaktion nicht bearbeitet oder geprüft.

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