Reichsparteitagsgelände
Rankpflanzen und Hightech - Opernhaus am Nazi-Bau wächst

Daniel Karmann/dpa
Die Bauarbeiten liegen voll im Zeitplan. Zur Spielzeit 2028/2029 wird das Staatstheater im neuen Opernhaus starten.
Noch ist es von außen ein grauer Betonklotz. Am 34 Meter hohen Bühnenturm fehlt aber nur noch das Gerüst, an dem später Pflanzen hochranken sollen. Auch im Innern macht das neue Opernhaus auf dem ehemaligen NS-Reichsparteitagsgelände in Nürnberg große Fortschritte. „Die Probebühne ist bis auf den Bühnenboden nahezu fertig“, sagt Thomas Brejschka, Projektleiter der Stadt für den Neubau, und zeigt nach oben. „Die Decke und ein Teil der Wände müssen noch verkleidet werden.“
Nebenan sind Orchestergraben und Zuschauersaal bereits zu erkennen. Doch dort, wo später die Bühne sein wird, klafft derzeit noch ein tiefes Loch. Immer wieder kreischt eine Säge oder es rumpelt aus einem Nachbarraum. Gerüste ziehen sich entlang von Wänden und rund um die Bühne. Daneben läuft Estrich durch einen Schlauch zu einem Raum neben der Hinterbühne, in dem später die großen Kulissen montiert werden sollen.
In Spitzenzeiten sind nach Angaben des Bauunternehmens Georg Reisch mehr als 200 Handwerker mit dem Ausbau des Opernhauses beschäftigt. „Die Arbeiten liegen absolut im Zeitplan“, sagt Projektleiter Joseph Kraus. Im Mai 2027 soll es bereits die ersten Inbetriebnahmen und Testläufe von den technischen Anlagen geben. Bis die erste Oper in der neuen Spielstätte über die Bühne geht, wird es aber noch dauern: Zur Spielzeit 2028/2029 will das Staatstheater dort und in die angrenzende Kongresshalle einziehen.
Neubau hat viele Vorteile
Solange das historische Opernhaus in der Innenstadt saniert wird, soll das Areal an und in dem Nazi-Bau der Opern- und Ballettsparte als neue Heimat dienen. Im Vergleich zu der bisherigen Spielstätte habe das neue Opernhaus viele Vorteile, zählt Intendant Jens-Daniel Herzog auf: moderne Bühnentechnik, gute Sicht von jedem Platz und mehr Raum für das Orchester.
„Die Akustik wird im neuen Saal erheblich besser sein, vor allem die richtige Balance zwischen den Stimmen der Sängerinnen und Sänger und dem Orchesterklang“, erläutert Herzog. Ein Blick in den Orchesterprobensaal gibt bereits heute einen ersten Eindruck von der modernen Technik. Dort soll das Orchester proben, und es sollen kleine Konzerte gespielt werden. An den Wänden werden dafür drehbare Paneele installiert, die je nach Bedarf entweder den Schall schlucken oder diesen reflektieren.
Schnellerer Umbau
Eine große Neuerung im neuen Opernhaus ist auch, dass es eine Neben- und eine Hinterbühne geben wird. Dort kann das Staatstheater die aufgebauten Bühnenbilder lagern und für die Inszenierung einfach auf die Bühne schieben statt sie wie bisher in Teile zerlegen zu müssen. „Dadurch können wir schneller umbauen und einen noch vielfältigeren Spielplan ermöglichen“, sagt Herzog.
Aus seiner Sicht gibt es aber auch Kritikpunkte: Im neuen Opernhaus werden nur noch 800 Zuschauerinnen und Zuschauer auf den blauen Sesseln Platz finden. Im alten Opernhaus sind es mehr als 1.000. Dadurch werde es für das Publikum außerhalb des Abos noch schwieriger, Karten zu bekommen und dem Theater entgingen Einnahmen, betont Herzog.
Grüner Überwuchs
Efeu, Wilder Wein und andere Rankpflanzen sollen künftig die 6.500 Quadratmeter große Fassade des neuen Opernhauses überwuchern. Damit will der Entwurf des Architekturbüros LRO auch an die Geschichte des Geländes erinnern. Früher befand sich dort ein Wald, den die Nationalsozialisten rodeten, um ab 1935 die monumentale Kongresshalle zu errichten.
Bis heute steht das riesige Bauwerk für den Größenwahn und das Scheitern des Nationalsozialismus: Nur einmal im Jahr während der Reichsparteitage sollte es überhaupt genutzt werden und Adolf Hitler dort zu den NSDAP-Mitgliedern sprechen. Doch nach Kriegsbeginn wurden die Bauarbeiten nach und nach eingestellt. Es blieb bei einem hufeisenförmigen Rohbau, der später Treppenhäuser und Toiletten beherbergen sollte. Zuschauersaal und Dach fehlen.
Ein Fünftel des 25.000 Quadratmeter großen Innenhofs nimmt nun das neue Opernhaus ein. Der Bühnenturm bleibt dabei absichtlich unter der Höhe der Kongresshalle, damit der Neubau den Blick auf die unfertige Fassade nicht verstellt. Der sensible Umgang mit Denkmalschutz und Erinnerungskultur war ein wichtiger Teil des Architekturkonzepts - und ist nach Angaben von Kraus heute eine der Herausforderungen bei den Bauarbeiten.
Der Umbau der Kongresshalle zum Kulturort soll nach den Vorgaben der Stadt möglichst behutsam erfolgen. Im Inneren sollen Theaterfoyer, Garderobe, Toiletten, Büros, Werkstätten und Proberäume entstehen. Dazu kommen Ateliers und Veranstaltungsräume für die freie Kunst- und Kulturszene. „Wir wollen den rohen Charakter erhalten“, sagt Brejschka. Decken und Wände werden deshalb nur gereinigt, nicht gestrichen oder verputzt. Kabel sollen sichtbar auf den Wänden verlegt werden.
Auch künstlerisch bietet der Umgang mit der Kongresshalle viele neue Impulse. „Als Theaterleute haben wir die Chance, das Gedenken an die finstere Geschichte des Bauwerks wachzuhalten und zugleich ein neues Kapitel aufzuschlagen“, sagt Herzog. Trotzdem will er dort nur vorübergehend bleiben. „Langfristig gehört das Staatstheater als Bayerns größtes Mehrspartenhaus mit allen seinen künstlerischen Sparten wieder in die Mitte der Stadt.“













