Bundespräsidentenwahl
Die „Nachbarin von nebenan“ - Besuch in Aigners Heimatort

Der Blick auf den Glockenturm der Kirche St. Laurentius in der Gemeinde Feldkirchen-Westerham ist an diesem Morgen noch von leichtem Nebel getrübt. In der örtlichen Bäckerei Kuhn wird Semmeltüte für Semmeltüte über die Theke gereicht. „Ja, natürlich kenne ich Ilse Aigner“, sagt Gerti Bromberger, die gerade ihr Auto auf dem Parkplatz vor der Bäckerei abgestellt hat. Feldkirchen-Westerham im oberbayerischen Landkreis Rosenheim ist der Geburtsort von Ilse Aigner, die Bundespräsidentin werden soll.
Bis heute lebt die CSU-Politikerin und bayerische Landtagspräsidentin dort. Im Ort ist sie tief verwurzelt, wie die Menschen geradezu unisono berichten. „Das ist die Richtige, weil sie eine liebe, herzliche Frau ist“, findet Bromberger.
Am Freitagnachmittag kam die Nachricht, über die die Menschen in der 11.000-Einwohner-Gemeinde sprechen: In der CDU herrscht Einigkeit darüber, dass man Aigner als Kandidatin für das Amt des Staatsoberhaupts nominieren will. Die CSU will sie sowieso, der Koalitionspartner SPD hat Unterstützung signalisiert: Damit gilt es als sehr wahrscheinlich, dass die 61-Jährige am 30. Januar in der Bundesversammlung als Nachfolgerin von Frank-Walter Steinmeier gewählt wird. Als erste Frau in diesem Amt und als Erste mit CSU-Parteibuch.
Bromberger beschreibt Aigner „als ganz normalen Menschen, als lieben Menschen“. Sie sei immer ansprechbar und für alle da. „Fast jeden Samstag“ treffe man sie beim Einkaufen.
„Wie deine Nachbarin von nebenan“
Herlinde Weis-Wörndl kennt Aigner aus dem Trachtenverein „Mangfalltaler Westerham“. „Mein erster Gedanke war, ich freue mich für sie“, erzählt sie. Es sei „ganz toll“, wenn einmal eine Bayerin Bundespräsidentin werde. Sie beschreibt Aigner als nahbar und bodenständig. „Die Ilse Aigner geht auf Menschen zu, ist freundlich, hat ihren Standpunkt und ist immer für jeden da.“ Und: „Die sitzt neben dir und ratscht ganz normal mit dir und alles.“
Es könne durchaus sein, dass man sie heute auch vielleicht beim Einkaufen treffe, erzählt Weis-Wörndl. „Wenn sie da ist, dann triffst du sie so wie deine Nachbarin von nebenan.“
Heimatverbunden und nah am Menschen
Bei einer Sache hat Weis-Wörndl allerdings doch noch ein wenig Zweifel: „Auf der anderen Seite habe ich mir gedacht, ob die wirklich nach Berlin geht - weil sie so heimatverbunden ist. Aber ich wünsche ihr, ich hoffe, dass sie es wird.“ Und sie hoffe auch, „dass es ihr da oben gut geht. Und ja, dass sie trotzdem heimatverbunden bleibt“.
Das Wort heimatverbunden fällt an diesen Morgen öfter, wenn von Aigner die Rede ist. Vor Ort hört man, dass sie sich aktiv in die Gemeinde einbringe, an den Festen teilnehme, sich trotz ihres Amts als Landtagspräsidentin zeige und vor allem ein offenes Ohr für die Anliegen der Menschen habe.
Auch Andreas Beu, der auf dem Weg zum Semmeln holen ist, findet die Personalie gut. „Ilse Aigner wird ja als sehr nahbar beschrieben, und ich glaube, dass es daher sehr gut ist, jemanden zu haben, der eben nahe bei den Menschen ist, der die Menschen versteht, der auch mit den Menschen direkt kommunizieren kann, vielleicht auch die Politik den Menschen besser begreifbar machen kann, erklären kann“, meint er. „Das ist einfach notwendig in der heutigen Zeit.“
„Auf geht's, Präsidentin werden!“
Peter Huber, der in der Bäckerei mit seiner Frau beim Kaffee sitzt, lebt seit mehr als 30 Jahren in Feldkirchen-Westerham. Vor ein paar Monaten ist er hier mit Aigner ins Gespräch gekommen. „Wirklich einwandfrei, eine tolle Frau als Bundespräsidentin“, sagt er. Und er ist überzeugt: „Ich finde es auch richtig, dass auch mal eine Frau Bundespräsidentin wird.“
Auch seine Frau Erna findet die CSU-Politikerin sympathisch. Sie schätze an ihr, dass sie immer auf den Volksfesten und im Ort unterwegs sei. Wenn Peter Huber bei der Bundesversammlung wählen könnte, wäre für ihn klar: „Meine Stimme kriegt sie.“
Und auf die Frage, was er tun würde, wenn er Aigner in diesem Moment auf der Straße träfe: „Da würde ich ihr eine Hand geben und sagen: Aigner, auf geht's, Präsidentin werden!“
Bürgerin: „einfach eine sympathische Frau“.
Mit am Tisch sitzt Irma Marsili, die Aigner nach eigenen Worten vom Frauenbund kenne und schon oft getroffen hat. „Sie ist sehr liebenswürdig und sehr, sehr nett. Also ich kann ihr nur alles, alles Gute wünschen“, sagt die 83-Jährige. Als sie von der Nachricht erfahren habe, dass Aigner für das höchste Staatsamt normiert werden solle, habe sie sich sehr gefreut.
Ehrenbürgerin der Gemeinde
Seit 2024 ist Aigner Ehrenbürgerin von Feldkirchen-Westerham. Die Gemeinde ist auch die Wiege ihrer politischen Karriere. 1990 bis 1998 war sie dort Gemeinderätin, 1990 bis 1999 gehörte sie dem Kreistag von Rosenheim an. Ihre Eltern führten im Ort einen Elektro-Handwerksbetrieb, in dem Aigner selbst von 1985 bis 1988 mit anpackte: Sie ist staatliche geprüfte Elektrotechnikerin.
Für die Menschen im Ort wird die 61-Jährige, die schon bald ins Schloss Bellevue in Berlin einziehen könnte, wohl immer „die Ilse“ und eben die „Nachbarin von nebenan“ bleiben. Als Irma Marsili die Bäckerei verlässt, sagt sie: „Wir drücken ihr die Daumen, dass sie es schafft.“












