Fußball-Nationalmannschaft
Neun Wege zum Glück: Nagelsmanns „Kribbeln“ vor WM-Los

Jan Woitas/dpa
Julian Nagelsmann steht vor seiner ersten WM-Auslosung als Bundestrainer. (Archivbild)
DFB-Präsident Bernd Neuendorf warnt vor der Auslosung für die Fußball-WM 2026 angesichts der holprigen Qualifikation des deutschen Nationalteams vor Übermut. „Wir sollten nicht den Fehler machen, zu glauben, dass es einfache und schwierige Gruppen gibt“, sagte der Chef des Deutschen Fußball-Bunds der Deutschen Presse-Agentur. „Wir haben uns in Nordirland schwergetan, wir haben in der Slowakei verloren, das sollte uns Warnung genug sein, solche Mannschaften nicht zu unterschätzen.“
Die Auswahl von Bundestrainer Julian Nagelsmann hatte erst am letzten Spieltag mit einem letztlich überzeugenden 6:0 gegen die Slowakei die direkte Qualifikation für die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in Kanada, Mexiko und den USA perfekt gemacht. Damit hatte es die DFB-Mannschaft auch in den ersten Lostopf geschafft. So sind in der Vorrunde keine Duelle mit den stärksten Teams der Welt wie Titelverteidiger Argentinien und Spanien möglich.
Nagelsmann empfindet mögliche Duelle mit WM-Neulingen wie Usbekistan, Curacao oder Kap Verde durchaus als Bereicherung. „In der Vorrunde hat es auch seinen Reiz, mal gegen ein Land zu spielen, auf das man sonst in Qualifikations- und Nations-League-Spielen nicht treffen würde. Das gab es bei früheren Weltmeisterschaften immer mal wieder für die Nationalmannschaft“, sagte der Bundestrainer der Deutschen Presse-Agentur vor der Zeremonie am Freitag (18.00 Uhr/MEZ) in Washington.
Wichtig ist dem Bundestrainer allen 42 qualifizierten Mannschaften und auch den 22 Playoff-Teilnehmern, die im März 2026 noch um sechs Turnier-Tickets spielen, den nötigen Respekt entgegenzubringen - unabhängig von WM-Meriten. „Jedes Land hat sich die Teilnahme an der WM und die große Bühne verdient“, sagte der 38-Jährige.
Ähnlich argumentiert der DFB-Chef. „Überall in der Welt und gerade in Europa hat der Fußball eine enorme Entwicklung genommen. Diese Mannschaften, die da antreten und in den Lostöpfen sind, sind nicht umsonst da“, sagte Neuendorf am Rande der Vergabe der Frauen-EM 2029 an Deutschland durch das UEFA-Exekutivkomitee in Nyon. Deutschland war 2018 und 2022 jeweils in der WM-Gruppenphase gescheitert.
„Viele Mannschaften auch von vermeintlich kleineren Ländern haben Kicker, die in Europa spielen, in tollen Ligen bei tollen Clubs spielen. Ein Stück weit Demut ist da angebracht“, sagte der Verbandschef. Neuendorf reist heute mit Nagelsmann und Sportdirektor Rudi Völler an der Spitze einer DFB-Delegation nach Washington.
Italien, Kolumbien und Uruguay. Oder Norwegen und Ägypten mit ihren Stürmerstars Erling Haaland und Mohamed Salah. Auch die Stolpersteine der WM-Desaster von 2018 und 2022 aus Südkorea und Japan: Die Liste möglicher Gegner mit hohem Brisanzpotenzial oder Stressfaktor ist für Nagelsmann enorm lang. Wieder einmal kursiert das Schlagwort der Hammergruppe. Trotz des ersehnten Platzes im Topf 1 der Fußball-Schwergewichte aus Argentinien, Spanien, Frankreich oder Brasilien, die Deutschland erstmal erspart bleiben.
„Man spürt das Kribbeln im Körper, die Vorfreude steigt und wir können auf allen Ebenen voll in die Vorbereitung einsteigen“, sagte der Bundestrainer vor der Kugel-Gala im John F. Kennedy Center for the Performing Arts direkt am Potomac River.
Neun der zwölf Gruppen sind für Deutschland möglich. Neun verschiedene Wege zum WM-Glück. Von Foxborough bis Inglewood, von Toronto quer über den halben Kontinent bis zum legendären Aztekenstadion in Mexiko-Stadt, das Nagelsmann wegen Klima und Logistik aber lieber meiden würde.
Für den Bundestrainer beginnt mit der Ermittlung der drei Vorrundengegner der nächste Abschnitt seines WM-Plans. Die ehrgeizige Titelansage, gleich nach dem EM-Aus 2024 postuliert und mit Dominanz-Ansagen bis in diesen Spätsommer getragen, gibt es nach einer holprigen Qualifikationsrunde öffentlich nicht mehr.
„Viele Mannschaften auch von vermeintlich kleineren Ländern haben Kicker, die in Europa spielen, in tollen Ligen bei tollen Clubs spielen. Ein Stück weit Demut ist da angebracht“, sagte DFB-Präsident Bernd Neuendorf. Aber das Ziel ist und bleibt natürlich das Finale am 19. Juli im MetLife Stadium von East Rutherford bei New York. Ganz egal welche Gegner das Quartett um Brady, O’Neal, Wayne Gretzky und Aaron Judge aus der Trommel fischt.
„Die WM schien bisher noch etwas weiter weg - nicht nur geografisch. Mit der Auslosung, wenn wir unsere Gegner und Spielorte kennen, rückt sie spürbar näher“, sagte Nagelsmann. Dabei kennt er Amerika bestens. Sein Debüt als DFB-Chefcoach feierte er im Oktober 2023 in Hartford beim 3:1 Testsieg gegen die USA. Auch als Bayern-Coach war er schon in Übersee.
Jetzt geht es für Nagelsmann um viel mehr als die ersten drei Kontrahenten. 16 Spielorte mit tausenden Kilometern Entfernung in den drei Gastgeberländern USA, Mexiko und Kanada, 104 Spiele in drei Zeitzonen, Anpfiff oftmals in der Mittagshitze. Da weiß der 38-Jährige, was auf seine WM-Crew um Kapitän Joshua Kimmich zukommen wird. Sonst kann Rudi Völler WM-Bilder von 1994 herausholen, als der Weltmeister-Stürmer in Dallas und Chicago schwitzte.
„Dieses Turnier bleibt auch logistisch eine Herausforderung - für uns und für unsere Fans, auf deren Unterstützung wir uns bei der WM sehr freuen. Wir wissen es sehr zu schätzen, wie viel sie nächstes Jahr auf sich nehmen werden, um dabei sein zu können“, sagte Nagelsmann.
Einen Tag nach der Auslosung wird die FIFA am Samstag (18.00 Uhr/MEZ) bei einem weiteren Show-Act mit Präsident Infantino und Ex-Größen die genauen Spielorte verkünden. Zuvor gibt es pro Partie jeweils noch zwei Optionen. Auch das ist neu im Mega-WM-Modus.
Sonderwünsche einzelner Länder gibt es laut FIFA nicht. Deutschland wird aber vermutlich, sofern möglich, Spiele unterm Dach haben, zum Beispiel in Dallas oder Atlanta. Dann könnte trotz Hitze indoor, klimatisiert zur amerikanischen Mittagszeit und damit am frühen deutschen Abend zur guten TV-Zeit, gespielt werden.
Nagelsmann reist mit seinem Planungsstab noch am Wochenende weiter, um das WM-Quartier möglichst gleich fix zu machen. Ein Winter-Chaos, wie bei der EM-Auslosung 2023 in Hamburg, darf diese Reise nicht wieder erschweren. Damals reiste der zudem von einem Infekt geplagte Nagelsmann mit dem Auto an und ab - das wäre in den USA kaum machbar.
Schottland, Ungarn und Schweiz hieß damals das Los. Jetzt ist maximal ein Europa-Gegner möglich. Und auch WM-Premieren gegen die ins neue 48er-Teilnehmerfeld gespülten Neulinge aus Jordanien, Usbekistan, Curacao oder Kap Verde.
„In der Vorrunde hat es auch seinen Reiz, mal gegen ein Land zu spielen, auf das man sonst in Qualifikations- oder Nations-League-Spielen nicht treffen würde“, sagte Nagelsmann. „Jedes Land hat sich die Teilnahme an der WM und die große Bühne verdient.“
Spätestens in der K.-o.-Phase, die mit einer Zwischenrunde von 32 Teams beginnt, könnte „dann ohnehin die großen Fußballnationen warten“, sagte Nagelsmann. Ein Hattrick des Scheiterns nach den Vorrundenpleiten in Russland und Katar ist nicht im Gedankenorbit. Aber DFB-Boss Neuendorf warnte vorsorglich: „Wir sollten nicht den Fehler machen, zu glauben, dass es einfache und schwierige Gruppen gibt.“














