Fanszene 1860 München

Ein Schal, viele Fragen: Rechte Tendenzen bei Löwenfreunden Lamer Winkel?

Bei einem Spiel in Mannheim kommt es zu einer Schlägerei unter Fußballfans aus dem Lager des TSV 1860 München. Mittendrin: die Löwenfreunde Lamer Winkel - und ihre Vergangenheit.

Artikel vorlesen
Wenn der TSV 1860 München auf den SV Waldhof-Mannheim trifft, geht es gern mal hoch her, so wie auf dem Bild 2023 im Grünwalder Stadion. Aber die Löwenfreunde schlägern sich mitunter sogar untereinander.

Wenn der TSV 1860 München auf den SV Waldhof-Mannheim trifft, geht es gern mal hoch her, so wie auf dem Bild 2023 im Grünwalder Stadion. Aber die Löwenfreunde schlägern sich mitunter sogar untereinander.

Im Advent veröffentlichen wir jeden Tag eine Plus-Geschichte aus dem Jahr 2025 kostenlos in voller Länge. Hinter jedem Türchen wartet eine der Top-Geschichten des Jahres! Wenn Ihnen gefällt, was Sie lesen, schließen Sie doch ein Schnupperabo ab! Als Plus-Abonnent lesen Sie unsere besten Reportagen, Multimedia-Storys und exklusiven Meldungen aus Ihrer Region das ganze Jahr über in voller Länge auf www.idowa.de

Im Video erzählt Redakteurin Jasmin Gassner von der Chamer Zeitung, wie die Geschichte hinter diesem Türchen entstanden ist.

So genau sagt keiner, was denn nun an jenem 13. April wirklich geschehen ist. Wer es wollte, kann nicht. Wer es könnte, will nicht. Klar ist: Ein Zoff im eigenen Löwen-Rudel erhitzt die Gemüter im Fanlager des TSV 1860 München - und wirft erneut Fragen zu einer möglichen Verbindung eines Fanklubs aus dem Kreis Cham zur rechten Szene auf.

Ausgangspunkt ist ein Drittliga-Auswärtsspiel des Münchner Fußballvereins gegen den SV Waldhof-Mannheim im Carl-Benz-Stadion. Die Löwen, wie 1860 genannt wird, siegen 3:0 - und doch gibt es für einige der mitgereisten Fans offenbar wenig Grund zur Freude.

Auf dem Busparkplatz kommt es zu einer Schlägerei zwischen den Löwenfreunden Lamer Winkel (Landkreis Cham) und anderen Löwenfans. Wer zuerst die Hand erhoben hat, ist nicht abschließend zu klären. Die Polizei schreitet ein, darüber herrscht Einigkeit. Doch über allem steht die Frage: Warum verprügeln sich die Anhänger des eigenen Vereins untereinander?

Löwenfreunde sorgten für negative Schlagzeilen

Unsere Mediengruppe will genau diese Frage mehreren Personen der Löwenfreunde Lamer Winkel stellen, die dabei gewesen sein sollen - teilweise an vorderster Front. Doch die Anrufe dauern meist nicht lange. Kein Kommentar -„dazu sog i nix“. Nur keine unnötige Aufmerksamkeit erzeugen, so der Eindruck. Nicht nach den deutschlandweit negativen Schlagzeilen aus der Vergangenheit. Schlagzeilen unter anderem über neonazistische Postings, Mitglieder aus der Neonazi-Szene, rechte Propaganda.

Aussagen eines Beobachters, der in Mannheim vor Ort war, legen nahe, dass diese Tendenzen nicht der Vergangenheit angehören. Die Person, die anonym bleiben will, berichtet, dass bereits im Stadion die Löwenfreunde Lamer Winkel mit rechter Symbolik auf ihrer Kleidung provozierten. Auch auf dem Bus fanden sich rechtsextreme Sticker, sagt die Person und spricht unter anderem von abgebildeten Wehrmachtssoldaten. Zudem seien in der Reisegruppe mindestens vier Personen gewesen, die in der Vergangenheit regelmäßig bei Veranstaltungen der neonazistischen Partei „Der III. Weg“ aufgetreten sind.

Die Löwenfreunde Lamer Winkel wollen das höchstens spärlich kommentieren. Auf spezielle Nachfrage zu der personellen Verquickung in die rechte Szene sagt einer der beiden Vorsitzenden, Marcus Schmidt, dass er ja wohl überhaupt gar nicht wisse, bei welcher Partei denn seine Fußballfreunde seien. Sein Vorstandskollege Ernst Lohberger dementierte in der Vergangenheit stets eine Verbindung der Löwenfreunde zur rechten Szene - seinen Posten hatte er nach Vorwürfen um seine eigenen neonazistischen Facebook-Postings, die unserer Redaktion nach wie vor vorliegen, für einige Jahre geräumt.

Stellungnahme des Fanklubs an 1860 München

Darüber hinaus gibt es vonseiten der Löwenfreunde Lamer Winkel lediglich eine Stellungnahme zu dem Vorfall in Mannheim, die der Fanklub zuvor an den TSV 1860 München adressiert hatte. Fremde schlugen und traten demnach bereits im Stadion „auf unsere Mitfahrer ein, auch dann noch, als diese bereits am Boden lagen“. Auf dem Busparkplatz hätten anschließend rund 200 unbekannte, teils vermummte Personen die Löwenfreunde Lamer Winkel erwartet, sie beschimpft und geschlagen. „Viele von uns mussten durch Notärzte versorgt und behandelt werden.“ Über die Gründe für den Konflikt: keine Angaben.

Anruf bei der Mannheimer Polizei: Den Beamten ist der Vorfall im Stadion bekannt. In einem entsprechenden Polizeibericht ist unter anderem von Beleidigungen, Vermummung, Körperverletzung die Rede. „Interne Recherchen“ hätten zudem ergeben, „dass es in der Nachspielphase im Bereich der Reisebusse innerhalb der Fanszene vom TSV 1860 München zunächst zu verbalen Auseinandersetzungen kam“. Allerdings: Erkenntnisse über Verletzte gebe es nicht, eine Anzahl der Beteiligten liege auch nicht vor. Zu einer Anzeige vonseiten der Lamer kommt es nicht - „keine Aussicht auf Erfolg“, heißt es in der Stellungnahme des Fanklubs.

Rechte Löwen gegen linke Löwen also, ausgetragen auf dem Busparkplatz? Zu der Schlägerei in Mannheim und der Lamer Fangruppierung befragt, kommt vom TSV 1860 München selbst lange nichts - und dann wenig. „Da Sie einen Vorfall mit rechtsextremistischem Hintergrund ansprechen, kann ich Ihnen versichern, dass der TSV 1860 München bereits seit Jahren gegen Vorfälle dieser Art entschieden vorgeht“, teilt Pressesprecher Rainer Kmeth mit.

Schwarz-weiß-roter Schal soll Auslöser gewesen sein

Das Stadionheft der aktiven Fanszene „Da Brunnenmiller“, Ausgabe 112, liefert mehr Hintergründe. Herausgeber ist das Fanprojekt München, die Autoren treten als „Schreiberlinge“ auf. Im Nachgang zum Spiel in Mannheim liest sich dort Folgendes: „Leider gab es auch ein paar Löwen, die meinten, die Farben schwarz-weiß-rot seien schönere Farben als die unseres Vereins. Das führte natürlich zu Unruhen untereinander, sodass diesen Leuten während und nach dem Spiel kleine Denkanstöße gegeben wurden. Warum die Bullen dagegen mal wieder mit Pfeffer und Knüppel durchdrehten, wird wahrscheinlich wieder allen ein Rätsel bleiben.“ In Lohberg selbst erzählt man sich ebenfalls, ein Schal in den Reichsfarben Schwarz-Weiß-Rot sei Auslöser des Konflikts gewesen.

Dort, in einem Wirtshaus im Ortsteil Frahels, treffen sich die Löwenfreunde einmal im Monat. Sie gelten vor Ort als unauffällig, veranstalteten bereits mehrere Kleinfeldturniere für Hobbyfußballer. Doch auch dort hört man immer wieder Stimmen, dass sich die rechtsgewandte Einstellung des Klubs nach wie vor nicht geändert habe.

Inwieweit das oder der Schal den Konflikt in Mannheim auslöste, kann die Polizei nicht sagen: „Nach derzeitigem Erkenntnisstand liegen keine Informationen bezüglich eines extremistischen Hintergrundes vor.“ Dennoch: Das Spiel in Mannheim rückte nicht die fußballerische Leistung des TSV 1860 München in den Vordergrund - sondern die gegenwärtige Situation der Löwenfreunde Lamer Winkel.

Ein Mann trägt Ende März in Berlin eine Jacke des 'III. Wegs' mit der Aufschrift 'National, Revolutionär, Sozialistisch'. Die Kleinpartei gilt als rechtsextrem und neonazistisch.

Ein Mann trägt Ende März in Berlin eine Jacke des "III. Wegs" mit der Aufschrift "National, Revolutionär, Sozialistisch". Die Kleinpartei gilt als rechtsextrem und neonazistisch.

Die Löwenfreunde Lamer Winkel und die extreme Rechte

Bereits im März 2016 berichtet unsere Mediengruppe über eine Veranstaltung in Lam (Landkreis Cham). Damals hatte der Kopf des Stützpunktes Ostbayern für die rechtsextreme Partei „Der III. Weg“, Walter Strohmeier, seinen Wohnsitz hier. Bei der Präventionsveranstaltung ging es auch um die personellen Überschneidungen zwischen den Löwenfreunden Lamer Winkel und dem mittlerweile verbotenen „Freien Netz Süd“ beziehungsweise der Partei „Der III. Weg“.

Wenige Tage später erschien ein Leserbrief von Ernst Lohberger, dem Vorsitzenden der Löwenfreunde Lamer Winkel, in dem er sich vom III. Weg distanzierte: „Was jedes einzelne Mitglied privat für eine politische Meinung vertritt, hat nichts mit unserem Fanklub zu tun. Was für uns wichtig ist, ist die gemeinsame Leidenschaft für den TSV 1860 München.“ Im Herbst erscheint ein weiterer Artikel über die unheilige Allianz der Parteimitglieder mit den Löwenfans. Im Juni 2017 greift „Der Spiegel“ das Thema auf und berichtet unter anderem über die personellen Überschneidungen zwischen den „Löwenfreunden Lamer Winkel“ und dem „Freien Netz Süd“ beziehungsweise der Partei „Der III. Weg“. In dem Artikel wird erwähnt, dass auch der Vorsitzende der Löwenfreunde Lamer Winkel, Ernst Lohberger, durch neonazistische Postings bei Facebook aufgefallen ist.

Lohberger tritt zurück – und kommt später wieder

Infolge der Berichterstattung in mehreren Medien fliegen die Löwenfreunde Lamer Winkel mit ihren mehr als 80 Mitgliedern damals aus der ARGE – dem Dachverband der Löwenfanklubs. Zudem tritt Lohberger als Vorsitzender zurück – zu schwer wiegen die Vorwürfe um seine neonazistischen Facebook-Postings, die unserer Redaktion nach wie vor vorliegen. Daran ändert auch ein Leserbrief in unserer Mediengruppe nichts, in dem er erklärt, als letzte Amtshandlung fünf Personen die Mitgliedschaft gekündigt zu haben – „als Beweis dafür, dass innerhalb eines Fanklubs rechte Gewalt nichts verloren hat“.

Kritik an den eigenen neonazistischen Postings wehrt er ab. Nach Neuwahlen heißt der neue Vorsitzende Ulrich Mühlbauer. Auch sein Facebook-Profil weist einen Reichsadler mit dem Wappen des „TSV 1860 München“ in den Krallen sowie dem Slogan „Unsere Ehre heißt Treue“ auf – dem verbotenen Wahlspruch der SS.

Nicht das einzige öffentliche Posting rechter Propaganda. Aber die öffentliche Auseinandersetzung war damit erst mal beendet. Die ausgeschlossenen Vereinsmitglieder aus der Neonazi-Szene fuhren trotzdem weiter mit den Löwenfreunden ins Stadion. In der Szene sind sie keine Unbekannten. So berichtet etwa die Vereinigung „Löwen gegen Rechts“ als antirassistische Initiative von Fans des TSV 1860 München, die Löwenfreunde Lamer Winkel seien „uns bekannt, ebenso wie die personellen Überschneidungen mit Personen, die beim III. Weg aktiv sind. Nicht umsonst tragen die Mitglieder des Fanklubs Schals in den Reichsfarben Schwarz-Weiß-Rot.“

Am 18. Juni 2024 bei der Feier zum 30-jährigen Bestehens des Fanklubs erfuhr Lohberger eine Ehrung als Gründungsmitglied. Andere Gründungsmitglieder sind zwischenzeitlich aus dem Verein ausgetreten – aufgrund rechter Tendenzen. Seit der Neuwahl im November 2024 heißen die beiden Vorsitzenden der Vereins Marcus Schmidt – und Ernst Lohberger.

Folgen Sie Themen dieses Artikels:

Alle Artikel zu gefolgten Themen und Autoren finden Sie bei mein Idowa

Keine Kommentare


Neueste zuerst Älteste zuerst Beliebteste zuerst
alle Leser-Kommentare anzeigen
Leser-Kommentare ausblenden

Dieser Artikel wurde noch nicht kommentiert.

merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.