Landshuter Zeitung

"Ich bin nie ganz weggegangen"

Martina Gedeck (Foto: Frankfurter Buchmesse/Hirth)

Martina Gedeck (Foto: Frankfurter Buchmesse/Hirth)

Von Redaktion idowa

Landshut. Martina Gedeck, eine der erfolgreichsten deutschen Schauspielerinnen, über ihre Erinnerungen an Landshut, die Mentalitätsunterschiede zu ihrer Wahlheimat Berlin und ihre Einstellung zur heißdiskutierten Frauenquote. Die gebürtige Münchnerin ist insbesondere bekannt durch den oscarprämierten Film "Das Leben der Anderen".

Landshuter Zeitung:Frau Gedeck, was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an Landshut oder auch an Niederbayern denken?
Martina Gedeck: Da fällt mir spontan der Hofberg ein, weil ich da als Kind viel war. Den habe ich als einen unheimlich schönen Wald in Erinnerung. Da gab es einen kleinen Tierpark, den gibt es, glaub ich, immer noch. Und der Blick von dort auf die Stadt - der ist einfach wunderschön. Dann natürlich die Burg Trausnitz: Die hat mich als Kind sehr fasziniert. Wir hatten in unserer Kindheit einen starken Bezug zu Märchen, und bei so einer Stadt wurde die ganze Märchenwelt plötzlich Realität.

Hat Sie Landshut auch in Bezug auf Ihren Beruf geprägt?
Ja, irgendwie schon. Ich hatte dort mein erstes Theatererlebnis. Wir sind damals zusammen mit meiner von mir heiß geliebten Lehrerin Frau Enderlein zum ersten Mal ins Theater gegangen. Ins Kindertheater. Und seitdem hat das Theater mich fasziniert. Ich weiß auch, dass das Landshuter Theater eine gute Tradition hat.

Wie oft schaffen Sie es überhaupt noch, nach Landshut zu kommen?
Ich bin nicht so oft in der Stadt. Aber auf dem Land, und dann mache ich immer einen kleinen Ausflug nach Landshut. Das muss sein - das gehört dazu.

Kommen Sie dann auch traditionell zur Landshuter Hochzeit?
Vorletztes Jahr war ich nicht auf der Landshuter Hochzeit, aber vier Jahre zuvor. Da hat es so wahnsinnig geregnet.

Als Kind haben Sie aber schon auch mitgemacht?
Ja. Ich war ein Bürgermädchen mit einem grünen Kleid und einem Kranz. Das war alles sehr aufregend. Die Sonntagsumzüge waren für uns Kinder anstrengend. Meistens war es schrecklich heiß. Wir haben uns zwar immer sehr drauf gefreut, aber auf halber Strecke haben wir dann schlapp gemacht. Und die Jungs haben uns immer die Bonbons weggeschnappt. Dann gab es natürlich jeden Abend das Singen im Rathausprunksaal. Da durften wir länger aufbleiben, es war vor allem eine sehr, sehr schöne Zeit.

Sie wohnen jetzt ja inzwischen in Berlin. Was sind so die Mentalitätsunterschiede, die Ihnen da auffallen? Gerade im Vergleich zu Niederbayern.
Mentalitätsunterschiede führe ich auf sprachliche Unterschiede zurück: Das Bairische ist stärker in der Kehle. Und der Berliner spricht mehr vorne. Das heißt, dass auch seine Sprache schärfer ist. Die Stimmen sind in Bayern dunkler, wogegen sie im Norden eher höher sind, schneidender. Im Alltag macht sich das dann natürlich bemerkbar: Wenn man in Bayern ein Kind schimpft, dann sagt man: "Ah geh kum, jetz' lass' des." In Berlin hört sich das dann anders an: "Kannst du nicht mal....!" Im Grunde sind die Berliner sehr herzlich. Und es gibt eine große Affinität zwischen Bayern und Berlinern. Die Berliner sind - und deswegen sagt man ja auch Schnauze mit Herz - sehr liebevolle Zeitgenossen. Sie haben Humor. Sie haben sowas wie Durchhaltevermögen, die haut so schnell nichts um.

War das schwierig, sich sprachlich umzugewöhnen?
Nein. Wir haben in unserer Familie nicht so ein starkes Bairisch gesprochen, und als Kind passt man sich noch ganz schnell an.

Haben Sie sich ebenso schnell an das doch recht unterschiedliche Stadtbild gewöhnt?
Als ich nach Berlin kam, war ich erstaunt darüber, was für große Straßen es überhaupt gibt! Die Luitpoldstraße in Landshut war die größte und unüberwindbarste Straße meines Lebens. Ich habe die als Kind nicht alleine überqueren dürfen. Landshut hatte etwas Übersichtliches. Ich habe ein Sicherheitsgefühl aus Bayern mitgenommen. Auch die Naturverbundenheit stammt aus dieser Zeit. Ich war kein richtiges Stadtkind, sondern eher ein Landkind.

Wo haben Sie sich mehr zuhause gefühlt?
Für mich hat Bayern etwas mit Vertrauen zu tun, dass man sich als Mensch auch in der Welt zuhause fühlen kann. Und in Bayern ist das gegeben, durch die Art, wie die Menschen dort miteinander umgehen. In Berlin bekommt man viel mit von dem Chaos in der Welt, von den Abgründen, die die Welt in sich trägt. Beides zusammen ist eine ganz gute Kombination. Und wenn ich mein Leben lang in Bayern geblieben wäre, dann würde mir etwas fehlen. Ich bin ganz froh, dass ich auch die andere Seite kennengelernt habe.

Wollen Sie irgendwann mal wieder zurück?
Ich bin nie so ganz weggegangen. Ich hab' noch ein Stück Heimat in Bayern und dahin kehre ich auch immer wieder zurück. Allerdings habe ich mich inzwischen in Berlin auch sehr gut eingerichtet.

Sie spielen ja des Öfteren starke Frauen. Was ist Ihre Position zur Gleichberechtigung?
Es ist ja immer noch so, dass Frauen weniger verdienen.

23 Prozent, was ja schon...
...sehr extrem ist. Das kenne ich auch aus meinem Beruf.

Hat sich in Ihrer Branche im Laufe der Zeit etwas zum Positiven entwickelt?
Ja. Als ich anfing, gab es sehr wenige Frauen im Bereich Produktion und Regie. Das hat sich verändert. Es gibt inzwischen viele Regisseurinnen und auch Produzentinnen.


Glauben Sie, dass da eine Frauenquote Abhilfe schafft?

Ich weiß nicht. Ich glaube, dass sich die Gesellschaft da gerade von alleine darauf zu entwickelt, dass wir in Zukunft auch mehr Frauen in Führungspositionen haben werden.

Eine Bundeskanzlerin haben wir ja schon. Was halten Sie von Frau Merkel?
Wir sind momentan wohl das progressivste europäische Land: Wir haben eine Bundeskanzlerin und einige Ministerinnen. Ich bin darüber erfreut, auch als Frau.

Sie saßen ja als Wahlfrau für die Grünen in der Bundesversammlung. Haben Sie sich schon einmal überlegt, selbst politisch tätig zu werden?
Ich wurde gefragt, ob ich mich für Joachim Gauck zur Verfügung stelle, und das habe ich gemacht. Politisch tätig bin ich nicht, das war eine einmalige Sache. Ich finde es wichtig, dass man sich gesellschaftlich engagiert. Das wird auch bei mir stärker werden und irgendwann mal konkretere Formen annehmen. Aber in die politische Richtung habe ich zur Zeit keine Ambitionen, nein.

Worauf dürfen wir uns im Jahr 2011 freuen?
Ich habe jetzt gerade eine sehr schöne Arbeit mit Julian Pölsler gemacht. Wir haben den Roman "Die Wand" von Marlen Haushofer verfilmt. Der Film kommt wahrscheinlich Ende des Jahres in die Kinos. Und mit István Szabó habe ich "Die Tür" gedreht, die Verfilmung eines ungarischen Romans. Da hatte ich das große Glück mit Helen Mirren zusammen zu spielen, die ja eine große Kollegin ist. Das habe ich sehr genossen. Beide Filme waren eine wunderbare Arbeit.


Das Gespräch führte Nicole Blabst.

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