Anschlag auf Weihnachtsmarkt
Todesfahrer vor Gericht: „Dann habe ich einfach Gas gegeben“

Hendrik Schmidt/dpa
Der Angeklagte Taleb al-Abdulmohsen nannte am zweiten Prozesstag schockierende Details zur Tat.
Der Prozess zum Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt mit sechs Toten und über 300 Verletzten wird am Dienstag (9.30 Uhr) voraussichtlich mit der Aussage des Angeklagten fortgesetzt. Taleb al-Abdulmohsen hat angekündigt, sich „stundenlang, vielleicht tagelang“ äußern zu wollen. Er will vor dem Landgericht Magdeburg auch Fragen beantworten.
Am Montag begann dort der Prozess gegen den Todesfahrer unter starken Sicherheitsvorkehrungen. Der Angeklagte aus Saudi-Arabien wurde mit einem Hubschrauber aus der Haftanstalt Burg zum Prozess gebracht.
Al-Abdulmohsen arbeitete als Arzt in Sachsen-Anhalt und war am 20. Dezember 2024 mit einem Mietwagen über den Weihnachtsmarkt gerast. Zuerst erfasste er Passanten, die an einer Fußgängerampel warteten. Mit bis zu 48 Kilometern pro Stunde lenkte er den mehr als zwei Tonnen schweren und 340 PS starken Wagen dann auf den Weihnachtsmarkt.
Am ersten Prozesstag hatte al-Abdulmohsen diesen hochgehalten und „Sept. 2026“ war zu lesen. „Da ist die nächste politische Wahl in Sachsen-Anhalt“, erklärte der Angeklagte, der als Islamkritiker bekannt ist. Am 6. September 2026 wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt.
Unbeeindruckt zeigte sich das Gericht zunächst von der Ankündigung des Angeklagten, erneut Nahrung zu verweigern. „Sie haben es nicht in der Hand, durch Hunger- oder Durststreik die Verhandlung zu verzögern oder zu torpedieren“, betonte Richter Sternberg. Da die Anklage verlesen sei und al-Abdulmohsen Gelegenheit hatte auszusagen, könne die Verhandlung auch ohne ihn fortgesetzt werden, erklärte Sternberg.
Der Todesfahrer sagte vor Gericht: „Jetzt mache ich den Hungerstreik seit gestern. Ich will das drei Wochen machen. Man erwartet keine körperlichen Schäden.“
Am Montag hatte der 51-Jährige zugegeben, am Steuer gesessen zu haben. „Ich bin derjenige, der das Auto gefahren hat“, sagte al-Abdulmohsen. Weitere konkrete Angaben machte er nicht, auch von Reue war keine Rede. Stattdessen kündigte er zuvor an, sich „stundenlang, vielleicht tagelang“ äußern zu wollen.
Dabei wird der Angeklagte, der selbst als Psychiater im Maßregelvollzug Bernburg psychisch erkrankte Straftäter behandelte, von einem psychiatrischen Gutachter beobachtet. Er wird an vielen Verhandlungstagen dabei sein und soll sich ein Bild von al-Abdulmohsen machen, der Gespräche mit dem Sachverständigen bislang verweigerte.
Dabei geht es vor allem um die Schuldfähigkeit des Angeklagten zum Tatzeitpunkt. Dem Angeklagten droht bei einer Verurteilung auch eine lebenslange Sicherungsverwahrung.
Teils wirren Äußerungen am ersten Prozesstag folgten bei der Fortsetzung vergleichbare Aussagen zu vermeintlichen Vertuschungsaktionen von Polizeibehörden und Staatsanwaltschaften in Deutschland sowie Korruption.
Der Angeklagte erwähnte Forscher wie Galileo Galilei, Stephen Hawking, Albert Einstein, schimpfte über deutsche Behörden und mangelnde Hilfe für saudische Frauen. Er habe aufklären und warnen wollen. Er habe Strafanzeigen gestellt und sei aber nicht gehört worden. Stattdessen wurde er selbst angezeigt, etwa weil er den Notruf 112 missbrauchte.
Al-Abdulmohsen hatte sehr viel Kontakt zu verschiedenen Behörden und wurde als sogenannter Vielschreiber eingestuft, wie der parlamentarische Untersuchungsausschuss im Landtag herausgearbeitet hat.
Inmitten der oft zusammenhanglos wirkenden Aussagen sagte der 51-Jährige Sätze wie: „Hätte man uns verstanden, hätte ich niemanden getötet und niemanden verletzt“. Als der Todesfahrer das Wort direkt an die Eltern eines getöteten neunjährigen Jungen richten wollte, schritt Richter Sternberg ein.
Betroffene, die die Verhandlung persönlich verfolgten, wirkten angespannt. Rund 180 Nebenklägerinnen und Nebenkläger sind im Verfahren vertreten. Am zweiten Tag kamen etwa 30 Menschen - weniger als zum Prozessauftakt. Die Zuschauerreihen mit 100 Plätzen waren jedoch besser gefüllt.
Der Angeklagte wurde auch am zweiten Prozesstag mit einem Hubschrauber von der Haftanstalt Burg nach Magdeburg und dann in den temporären Gerichtssaal gebracht. Der Prozess läuft unter starken Sicherheitsvorkehrungen. Das Landgericht Magdeburg hat bislang knapp 50 Verhandlungstage bis zum 12. März 2026 geplant.
Unterdessen gibt es Streit um den diesjährigen Magdeburger Weihnachtsmarkt. Oberbürgermeisterin Simone Borris (parteilos) teilte am Montagabend überraschend mit, dass es vorerst keine Genehmigung für den Weihnachtsmarkt geben werde.
Hintergrund sei ein Schreiben des Landesverwaltungsamtes, in dem es Kritik am aktuellen Sicherheitskonzept gebe. In dem Schreiben, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, werden unter anderem gravierende Mängel am Zufahrtsschutz und an der Organisation des Sicherheitspersonals genannt.













