Theater
Theater aus dem ewigen Eis - Uraufführung in der Antarktis

Annette Riedl/dpa
Theaterprojekt aus dem ewigen Eis: Regisseur Jan-Christoph Gockel arbeitet am Antarktis-Stück «Polaris». (Archivbild)
Was wärmt den Menschen in frostigen Zeiten, welche Geschichten helfen wie ein „poetischer Schutzanzug“ gegen politische und klimatologische Kälte - dieser Frage ist der Regisseur Jan-Christoph Gockel in einem wohl einmaligen Theaterprojekt nachgegangen.
Gockel ist bis Mitte Februar zusammen mit der Schauspielerin Julia Gräfner und dem Schauspieler Wolfram Koch sowie dem Dokumentarfilmer Lion Bischof für knapp vier Wochen auf die Neumayer-Station III des Alfred-Wegener-Instituts in der Antarktis gereist. Bei bis zu minus 20 Grad und Schneestürmen haben sie die lebensbedrohliche Einsamkeit des Kontinents aufgenommen und zum Abschluss ein Theaterstück mit der Besatzung der Station und für sie gespielt.
Aus den Erfahrungen daraus und 40 Stunden Filmmaterial entsteht jetzt das Theaterstück „Polaris“, das am 16. Mai bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen uraufgeführt wird. Am 5. Juni folgt die Premiere am Deutschen Theater in Berlin. Der Titel erinnert vermutlich nicht aus Zufall an den philosophischen Kino-Klassiker „Solaris“ nach einem Roman des polnischen Schriftstellers Stanislaw Lem.
„Ich glaube, das war die erste professionelle Theateraufführung auf dem antarktischen Kontinent“, sagte Gockel wenige Tage nach seiner Rückkehr der dpa. Gespielt wurde in der Tiefgarage der Forschungsstation, zwischen Pistenbullys und umgedrehten Hygiene-Eimern als Sitzgelegenheiten.
Das Stück ist inspiriert von einem Vorfall auf einer russischen Polarstation, bei dem ein Forscher 2018 seinen Kollegen niederstach, weil dieser ihm das Ende mehrerer Bücher verraten hatte. „Daran zeigt sich, wie Geschichten verbinden - oder spalten können“, sagte der Regisseur.
In die Inszenierung fließen teils skurril wirkende, aber völlig reale Videoaufnahmen aus der Antarktis ein - etwa Tanzproben auf dem Dach der Station oder die Szene eines Geophysikers im Baumkostüm, der den ersten „Baum der Antarktis“ darstellen wollte.
„Dieser Ort ist für mich ein utopischer Kontinent, weil dort Nationen wirklich zusammenarbeiten müssen“, so Gockel. Kunst könne dabei helfen, eine andere Perspektive auf die Forschung und den Planeten zu eröffnen.
Im Unterschied zur nördlichen Arktis, die längst als umkämpfter Wirtschafts- und Schifffahrtsraum gelte, sei der Süden durch den Antarktisvertrag als eine Art Niemandsland allein der Forschung und friedlicher Zusammenarbeit vorbehalten. „Sobald man einen Fuß vor die Station setzt, ist man im Niemandsland“, so der Regisseur.








