Trotz Rückzug aus Deutschland
Warum der Südwesten für Ryanair attraktiv ist
Wer aus Deutschland günstig in andere europäische Länder fliegen möchte, hat aktuell schlechte Karten. Anfang Oktober kündigte Ryanair - die nach Passagierzahlen größte Airline Europas - drastische Kürzungen hierzulande an. In Berlin streicht Ryanair die Hälfte des Angebots zusammen und löst seine Flugzeug-Basis auf, Bremen fliegt ab Sommer 2027 ganz aus dem Programm, Hamburg muss Einbußen hinnehmen. Auch den ostdeutschen Flughäfen Leipzig/Halle und Dresden wird Ryanair trotz langer Verhandlungen im kommenden Jahr weiter fernbleiben.
Doch nicht überall in Deutschland ergibt sich das gleiche Bild. An den Flughäfen im Südwesten baut Ryanair das Angebot sogar teilweise aus: In Memmingen etwa soll die Kapazität um zwölf Prozent steigen, in Karlsruhe/Baden-Baden kommen neue Verbindungen hinzu und auch der kleine Bodensee-Airport in Friedrichshafen gehört zu den Gewinnern. Die Gründe für die Umverteilung von Flugzeugen sind vielschichtig.

Georg Wendt/dpa
Auf teure Fluggastbrücken - sogenannte Gangways - verzichtet Ryanair. Passagiere müssen oft zu Fuß über das Vorfeld zur eigenen Bordtreppe laufen. (Archivbild)
Warum zieht sich Ryanair von vielen deutschen Flughäfen zurück?
Ryanair verweist als Begründung für den schrittweisen Rückzug regelmäßig auf die hohen Standortkosten hierzulande. Die „exorbitante“ Luftverkehrsteuer sowie weitere stark gestiegene Gebühren hätten die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands im Vergleich zu anderen EU-Ländern erheblich geschwächt, so die Fluggesellschaft.
Als paneuropäische Airline mit quer über den Kontinent verstreuten Flugzeugbasen hat Ryanair gegenüber deutschen Flughäfen ein anderes Druckmittel als national verankerte Fluggesellschaften wie die Lufthansa mit ihren Drehkreuzen in Frankfurt oder München. Die Iren können ihre Jets relativ kurzfristig und günstig dorthin verlagern, wo sich am meisten Geld verdienen lässt.
Der globale Mangel an Flugzeugen erhöht für Ryanair zudem den Druck, dies auch zu tun. Denn wo insgesamt weniger Maschinen zur Verfügung stehen, bleiben unprofitable Strecken eher leer, während profitablere Standorte zusätzliche Kapazität erhalten.
Warum profitiert der Südwesten?
Dass nun ausgerechnet Flughäfen wie Memmingen, Karlsruhe/Baden-Baden oder Friedrichshafen von der Umverteilung von Flugzeugen profitieren, liegt nach Einschätzung von Branchenkennern vor allem an der gezielten Ausrichtung dieser Flughäfen auf Billigairlines. „Insbesondere Baden-Baden und Memmingen sind Flughäfen, die sich besonders auf den Billigflugverkehr konzentriert haben“, sagt Luftverkehrsexperte Jörg Schwingeler.
Die Infrastruktur an diesen Airports sei konsequent auf niedrige Kosten getrimmt: Terminals kämen ohne große Luxus-Shopping-Flächen aus, Wartebereiche seien auf das Nötigste begrenzt und hinter dem Gate müssten Passagiere auch schon mal unter freiem Himmel auf das Boarding warten, so Schwingeler. Auf teure Fluggastbrücken - sogenannte Gangways - verzichte Ryanair ohnehin meist freiwillig und lasse Passagiere zu Fuß über das Vorfeld zur eigenen Bordtreppe laufen, weil dies schneller ginge.
Flughäfen in Großstädten oder Ballungsräumen müssten hingegen auch die Anforderungen von Premium-Airlines und deren Passagieren bedienen und dafür eine aufwendigere und teurere Infrastruktur anbieten.
Wie groß ist die Kostendifferenz zwischen deutschen Flughäfen?
Die hohen Standortkosten in Deutschland ergeben sich nicht durch eine einzige hohe Gebühr. Für Airlines wie Ryanair kommen vier wichtige Kostenbausteine zusammen. Da ist einmal die vom Bund erhobene Luftverkehrsteuer sowie zweitens die Flugsicherungsgebühr. Mit ihr wird etwa die Arbeit der Fluglotsen finanziert, die den Flugverkehr überwachen und Flugzeuge sicher durch den deutschen Luftraum leiten. Beide Gebühren werden bundesweit festgelegt, die Flughäfen haben hier keinen Einfluss.
Spielraum haben sie hingegen bei der Luftsicherheitsgebühr zur Finanzierung der Sicherheitskontrolle am Flughafen sowie bei den von ihnen erhobenen Flughafenentgelten. Und hier gibt es innerhalb Deutschlands große Unterschiede, wie ein Gutachten vom Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) für das Bundesverkehrsministerium zeigt.
Während das Flughafenentgelt in Karlsruhe/Baden-Baden 2024 bei etwa 1.780 Euro pro Flug lag, waren es in Berlin-Brandenburg 3.225 Euro, in Bremen 3.882 Euro und in Leipzig/Halle 3.906 Euro - mehr als doppelt so hoch. Auch in Memmingen lag das Flughafenentgelt mit 3.079 Euro niedriger als an vielen deutschen Flughäfen.
Die Luftsicherheitsgebühr ist in Memmingen zudem laut einer Erhebung des Bundesinnenministeriums mit 5,32 Euro die niedrigste in ganz Deutschland.
Ein weiterer, laut DLR öffentlich jedoch schwerer einsehbarer Faktor, seien die privatwirtschaftlich ausgehandelten Kosten für die Flugzeugabfertigung, das sogenannte ground handling. Sie dürften an kleinen Flughäfen geringer ausfallen, weil Passagiere hier teils zu Fuß zum Flugzeug gehen können, statt mit Bussen oder Bahnen transportiert zu werden.
Ist der Südwesten damit dauerhaft auf der Gewinnerseite?
Das lässt sich aus Ryanairs Plänen nicht ableiten. Auch die Kosten an den Flughäfen im Südwesten liegen im europäischen Vergleich eher in der Spitzengruppe. Dass auch von hier Flugzeuge ins Ausland verlagert werden könnten, lässt sich nicht ausschließen.









