Bayerische Staatsoper
„Siegfried“-Premiere in München: Plattenbau statt Zauberwald

Monika Rittershaus/Bayerische Staatsoper/dpa
In der Neuinszenierung wird «Siegfried» in die Gegenwart gebracht.

Regisseur Tobias Kratzer hat Richard Wagners „Siegfried“ an der Bayerischen Staatsoper in die Gegenwart geholt. Zum Start der Spielzeit 2026/27 wird der „Zweite Tag“ des „Ring des Nibelungen“ nicht in den Wald versetzt, sondern in eine Wohnung, in Hinterhöfe einer amerikanischen Stadt und schließlich in die Oper selbst. Vladimir Jurowski dirigierte das Bayerische Staatsorchester. „Siegfried“ ist zum zwölften Mal Teil des Programms in dem Haus.
Kratzer übersetzt die Sagenwelt der Vorlage mit Lust an der Pointe in den Alltag. Wo bei Wagner ein Bär durch den Wald tollt, schleppt Siegfried einen (Stoff-)Hamster an, der in der Mikrowelle endet. Und der Drache Fafner wird in diesem „Ring“ einmal Pfarrer. Wie er der Macht des Rings verfiel und sein Amt aufgab, erzählt nach der ersten Pause ein Film. Dieser beginnt mit „Was bisher geschah ...“ wie eine Fernsehserie - und das Orchester spielt live dazu.
Tiere auf der Bühne
Fafners Höhle ist ein dreistöckiger Plattenbau in einem heruntergekommenen Stadtviertel mit 24-Stunden Shop, vor dem irgendwann sogar ein amerikanischer Streifenwagen vorfährt. Den Drachen selbst bekommt das Publikum dagegen nie ganz zu sehen. Es sei unheimlicher, „wenn du irgendwas erahnst, es aber nicht komplett siehst“, sagt Bühnen- und Kostümbildner Rainer Sellmaier.
Neben Kulissen und Videosequenzen setzt die Inszenierung auch auf lebende Tiere. Als der Wanderer die Erdgöttin Erda an einem Verhörtisch befragt, rollt für kurze Zeit ein kleiner Käfig mit zwei Raben auf die Bühne. Kurz bevor der Vorhang fällt, erscheint für rund eine Minute ein Pferd: Grane, das Ross Brünnhildes.
Premiere für zwei Darsteller
Für zwei der Hauptdarsteller ist die Rolle ein persönliches Debüt. Benjamin Bruns singt zum ersten Mal den Siegfried. Mit einer festen Vorstellung gehe man an eine solche Riesenpartie nicht heran, sagt der Tenor. Das Schöne sei, „dass man Musik eigentlich nie einfach nur abspult, sondern dass man gemeinsam da was kreieren darf.“ Auch Bassbariton Nicholas Brownlee gibt als Wotan sein Rollendebüt - in einer Partie, die nach seinen Angaben als eine der schwierigsten der Welt gilt.
Den Schluss, an dem Siegfried und Brünnhilde zueinanderfinden, versteht Kratzer als „utopischen Exit-Punkt“. Für einen Moment könnten die beiden den Verstrickungen ihrer Familiengeschichte entkommen. Was nach dem Happy End kommt, zeigt dann die „Götterdämmerung“, der dritte Abend des Nibelungen Rings.
Wer den Abend erleben will, braucht Sitzfleisch: Die Aufführung beginnt um 16.00 Uhr und endet nach zwei Pausen gegen 21.30 Uhr. Die Inszenierung ist eine Koproduktion mit dem Gran Teatre del Liceu in Barcelona.









