22. Juli 2016
Der OEZ-Anschlag sorgte für Panik - und hinterließ tiefe Wunden

Peter Kneffel/dpa
Blumen und Kerzen liegen Ende Juli 2016 vor dem Haupteingang des Olympia-Einkaufszentrums (OEZ). Drei Tage zuvor hatte dort ein 18-Jähriger neun Menschen erschossen und sich danach selbst getötet. (Archiv)

Hasan Leyla hat Spätschicht, da ruft ihn seine Frau Sibel an: Der gemeinsame 14-jährige Sohn sei nicht erreichbar. Er soll sich mit Freunden im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) aufgehalten haben. Online hat der Vater schon gelesen, dass dort etwas passiert ist.
Er zieht los. Der 22. Juli 2016 ist ein warmer Sommerabend. Und es ist ein Abend, an dem ein 18-Jähriger aus rassistischen Motiven erst neun Menschen und dann sich selbst erschießt.
Stundenlang Ausnahmezustand in München
In München herrscht stundenlang Ausnahmezustand. Hubschrauber kreisen über den Dächern, an mehreren Orten geraten Menschen in Panik.
Minütlich gehen neue Notrufe bei der Polizei ein - und über die sozialen Netzwerke verbreiten sich Gerüchte über mehrere Schießereien in der Innenstadt: am Stachus, im Hofbräuhaus, am Marienplatz. Mehr als 70 mögliche Tatorte werden gemeldet.
Die Leylas hofften, dass ihr Sohn sich verstecken konnte
Als Hasan Leyla am OEZ ankommt, bringt ihn ein Sammelbus zu einem Treffpunkt für Angehörige von Vermissten. Informationen über seinen Sohn erhält er dort nicht.
Am späten Abend ruft er bei einer eigens eingerichteten Hotline an. Nach langer Wartezeit erfährt er: Cans Name ist weder als Toter noch als Verletzter gelistet. Hasan und Sibel Leyla hoffen, dass ihr Sohn sich verstecken konnte.
Um 3 Uhr früh erlischt die Hoffnung
Diese Hoffnung erlischt gegen 3 Uhr früh: Da überbringt ihnen ein Polizist die Todesnachricht. Hasan Leyla muss den Erhalt der Nachricht auf einem Dokument quittieren. „Danach hat sich der Polizeibeamte ins Auto gesetzt und ist weggefahren“, erinnert er sich.
Der öffentliche Nahverkehr ist in den Stunden nach der Tat eingestellt, auch Taxis fahren nicht. Die Angehörigen der Opfer müssen ihre Heimreise selbst organisieren. Erst gegen halb sieben Uhr morgens sind die Leylas wieder zu Hause.
Die Polizei sucht nach bis zu drei Tätern
Die Polizei fahndet zunächst nach bis zu drei Tätern. Erst nach Stunden steht fest: Es gab nur einen.
Die vielen gemeldeten Tatorte erweisen sich als Phantome. Restaurantgäste haben herunterfallende Gläser mit Schüssen verwechselt, bewaffnete Zivilbeamte wurden für Attentäter gehalten.
„Ausländische Untermenschen exekutieren“
Jahrelang wird um die Einordnung der Bluttat gestritten. Polizei und Staatsanwaltschaft legen sich am Tag nach der Tat auf einen Amoklauf fest und schließen einen politischen Hintergrund aus. Dabei sind unter den neun Todesopfern überwiegend junge Menschen mit Einwanderungsgeschichte; sieben sind Muslime.
Wie die Ermittlungen zeigen, hat der Täter ein Jahr zuvor ein „Manifest“ verfasst: Darin kündigte er an, „ausländische Untermenschen exekutieren“ zu wollen. Im Auftrag der Stadt München kommen drei Gutachter 2017 unabhängig voneinander zum Ergebnis, dass es sich um rechten Terror gehandelt habe. Ein Gutachten des bayerischen Innenministeriums hält indes fest, der Täter sei ein „typischer junger Amoktäter“.
Es dauert Jahre, bis die Staatsregierung das rassistische Motiv anerkennt
Hinterbliebene der Opfer fordern jahrelang, die Tat als rassistischen Anschlag einzuordnen. Sie sind überzeugt, dass der Schütze seine Opfer nicht willkürlich, sondern gezielt aus Hass ausgewählt hat.
Drei Jahre und drei Monate dauert es, bis sich die Staatsregierung dieser Auffassung anschließt. Das macht Angehörige wie Hasan und Sibel Leyla bis heute wütend.
Der Waffenhändler hat seine Strafe abgesessen
Der Händler, der dem Täter die Schusswaffe verkauft hatte, wird 2018 vom Landgericht München wegen „fahrlässiger Tötung“ zu sieben Jahren Haft verurteilt. Aber nicht, wie von den Opferanwälten gefordert, wegen Beihilfe zum Mord. Mittlerweile hat er seine Haft abgesessen und befindet sich auf freiem Fuß.
Hasan Leyla lässt sich nach dem Tod seines Sohnes für drei Monate krankschreiben. Finanzielle Unterstützung vom Staat erhalten er und seine Frau nach eigenen Angaben nicht, ebenso wenig eine psychologische Begleitung. Therapeuten suchen sie sich selbst. „Die Behörden und die Gesellschaft haben uns im Stich gelassen, als Eltern mussten wir alles selbst machen“, sagt Sibel Leyla.
Demo vor dem Landtag an diesem Sonntag
Gabriele Fischer forscht als Soziologin zum Thema rechte Gewalt. Nach ihren Erkenntnissen wird „das politische Motiv bei Gewaltakten häufig seitens der Behörden heruntergespielt“. Sechs Jahre nach dem Anschlag hat sie die Initiative „München OEZ Erinnern“ mitgegründet. Angehörige, Überlebende und Unterstützer wollen die Tat im öffentlichen Bewusstsein halten.
An diesem Sonntag will die Initiative vor dem bayerischen Landtag demonstrieren. Dabei soll die Forderung nach einem Untersuchungsausschuss symbolisch überbracht werden. Aus Sicht der Angehörigen gibt es bis heute offene Fragen.
Treffpunkt in einem Bürogebäude
Neben fünf anderen Opferfamilien engagieren sich auch Hasan und Sibel Leyla in der Initiative. Im vierten Stock eines Bürogebäudes im Stadtteil Moosach, zwischen Nagelstudio und Wettbüro, stellt die Stadtverwaltung ihnen einen Treffpunkt zur Verfügung.
Der Raum liegt etwa zwei Kilometer vom Tatort entfernt, viele Opfer haben hier gewohnt. An der Wand hängen Porträts der neun Ermordeten, weitere Erinnerungsstücke wie Fußballtrikots und Boxhandschuhe sind zu sehen.
Hier organisiert die Initiative die Gedenkfeier am kommenden Mittwoch. Vergangenes Jahr gab es Spannungen zwischen Opferfamilien und Freistaat. Vertreter der Staatsregierung blieben dem Jahresgedenken fern. Zeitgleich richtete der Landtag seinen Sommerempfang aus. Dieses Jahr erhält das Gedenken deutlich größere Aufmerksamkeit; erstmals hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seine Teilnahme angekündigt.
Oft radikalisieren sich die Täter über das Internet
Die Erinnerung an den Anschlag hat schleppend begonnen. Zu den ersten Jahrestagen fanden sich wenige Personen am OEZ ein.
Laut Fischer hat das auch mit der anfänglichen Einstufung des unpolitischen Amoklaufs zu tun. In der Stadtgesellschaft festigte sich so das Bild eines zufällig handelnden, psychisch kranken Einzeltäters. Mittlerweile komme in den Köpfen der Münchner zunehmend an, dass der Täter aus einer „menschenverachtenden Ideologie heraus“ gehandelt habe.
Eine Ideologie, die auch bei den Anschlägen in Halle und Hanau Menschenleben gekostet hat. Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes sind zunehmend junge, teils minderjährige Akteure im gewaltorientierten Rechtsextremismus unterwegs. Oft radikalisieren sie sich über das Internet.
„Zusammen können wir viel verändern“
Behörden sollten laut Fischer aus dem OEZ-Anschlag lernen, „keine vorschnellen Einordnungen zu treffen“; Medien sollten Darstellungen der Polizei nicht ungeprüft übernehmen. Die Gesellschaft müsse sich zudem fragen, wie ernst sie rechte Gewalt wirklich nehme.
Auch Hasan und Sibel Leyla appellieren an ihre Mitbürger, sich aktiv gegen Rassismus zu positionieren. „Zusammen können wir viel verändern, aber dafür müssen wir unsere Stimme erheben.“












