Fußball-Nationalmannschaft
Nick nicht mehr Big: Woltemade und das WM-Versprechen

Federico Gambarini/dpa
Nick Woltemade (r.) ist in der Nationalmannschaft nicht mehr in der Startelf gesetzt.
Beim ersten Trainingsspiel im WM-Quartier gehörte Nick Woltemade mit Jamal Musiala und Florian Wirtz zum Team mit den lila Leibchen. Die Zuteilung zur Zauberfraktion der Fußball-Nationalmannschaft brachte dem Stürmer aber auch kein Glück. „Uhhhhhh“, hallte der Ruf der Enttäuschung von der mit 3.000 Fans gefüllten Tribüne im W. Dennie Spry Stadium in Winston-Salem. Woltemade hatte gerade eine große Torchance vergeben.
Den ersten Treffer im Teamcamp schoss Kai Havertz, den zweiten Deniz Undav. Beide sind Woltemades Konkurrenten um den Platz im WM-Sturm. Eine Momentaufnahme war das natürlich nur. Ein bisschen Zufall war es auch. Aber es passt zur aktuellen Lage des baumlangen Stürmers. Treffsicherheit und Leichtigkeit sind ihm zur ziemlich falschen Zeit abhandengekommen.
„Wir kriegen den als Team definitiv hin“, hatte Julian Nagelsmann zum Auftakt der WM-Vorbereitung Ende Mai über Woltemade gesagt. Da klang schon durch, dass auch dem Bundestrainer nicht verborgen geblieben ist, dass der 24-Jährige von seinem Top-Level aus dem Jahr 2025 weit entfernt ist.
Seit diesem Nagelsmann-Versprechen hat Woltemade im ersten WM-Test beim 4:0 gegen Finnland 17 Joker-Minuten gespielt. Bei der Generalprobe in Chicago gegen die USA kam er beim 2:1 gar nicht zum Einsatz. „Big Nick“, wie er in England seit seinem überraschenden Wechsel vom VfB Stuttgart zu Newcastle United in einer Mischung aus Respekt und Hochachtung genannt wird, ist in der Hierarchie der Nationalmannschaft nach unten durchgereicht worden.
Absehbar war, dass Rückkehrer Havertz in Bestform ihm den Stammplatz im Sturmzentrum streitig machen würde. Doch jetzt ist auch sein ehemaliger Stuttgarter Kollege Undav vorbeigezogen. Im WM-Rollenspiel ist der 1,98-Meter-Schlaks Woltemade nur noch Backup des Backups.
Auch ein Rückzug auf die Zehnerposition, die er ebenfalls ausfüllen kann, ist unrealistisch. Musiala ist dort gesetzt. Sein Stammplatz ist die Ersatzbank - auch beim WM-Auftaktspiel am Sonntag (19.00 Uhr/ARD und Magenta TV) in Houston gegen Curaçao.
Diese begrenzten Perspektiven waren im Herbst noch undenkbar. Vier Tore schoss Woltemade in der WM-Qualifikation. Er stand in allen sechs Partien in der Startelf. Keiner traf auf dem Weg nach Amerika häufiger.
Auch in Newcastle lief es gut. Er hatte einen viel leichteren und erfolgreicheren Start als Florian Wirtz beim FC Liverpool. Plötzlich wurde er mit Rudi Völler verglichen. Optisch wegen der Lockenpracht. Und sportlich wegen der Tore. Und weil er auch so sympathisch ist.
Dieser Aufstieg war die Fortsetzung eines verrückten Sommers, in dem Woltemade die tägliche Top-Story für die ganze Fußball-Szene lieferte. Durchgestartet beim VfB Stuttgart, Debüt in der Nationalmannschaft, Torschützenkönig und zweiter Platz bei der U-21-EM: Und dann eine unfassbare Transfer-Saga mit dem allseits erwarteten und letztlich geplatzten Wechsel zum FC Bayern.
Newcastle zahlte die von den Münchnern abgelehnte Summe um 90 Millionen Euro (inklusive Boni) an Stuttgart. Kritiker sahen schwere Zeiten auf den früheren Bremer zukommen. Premier League? Eine Nummer zu groß. Nein. Die Fans im Norden Englands lieben ihren Nick, sangen hämische Lieder Richtung Bayern. „Sie weinen in München“, schallte es von der Tribüne im St. James' Park.
Doch dann kam der Bruch. Trainer Eddie Howe fahre eine eigenwillige Personalpolitik, merkte Nagelsmann an, da dieser alle Stürmer nur unregelmäßig spielen lasse. Die Wahrheit war, Woltemade saß oft draußen. Nach sieben Toren bis Weihnachten folgte nur noch ein Treffer 2026. Woltemade fiel mehr durch sein Faible für extravagante Kleidung auf.
Dem Modemagazin „GQ-Hype“ sagte er: „Ich denke, es ist gut, einen Wiedererkennungswert zu haben. Natürlich liegt es an meiner Größe, und ich habe längere Haare als die anderen Spieler“, nannte er als Grund für die ihm zufliegenden Fan-Herzen.
Auch Nagelsmanns Zuneigung ist ungebrochen. Zumal Woltemade nie einen Gute-Laune-Abfall erkennen lässt. „Nick hat sich bei uns immer wohlgefühlt, er hat eine gute Quote, er hat uns geholfen in der WM-Qualifikation“, sagte der Bundestrainer.
Nach dem öffentlichen Training in Winston-Salem pfefferte der Stürmer kleine Bälle mit reichlich Spaß und Schwung hoch hinauf auf die Tribüne. Dort wurde einer von einem glücklichen Fan gefangen - also doch noch ein Treffer für Woltemade in Winston-Salem.













