Zu laut, zu hell, zu viel Magdalena Schmidbauer ist hochsensibel

Ein typisches Bild in der Zeit vor Corona: viele Leute, dicht gedrängt. Hochsensiblen Menschen wie Magdalena ist das oft zu viel. Sie brauchen Rückzugsorte. Foto: Lukas Schulze/dpa

Magdalena Schmidbauer weiß, dass sie hochsensibel ist. Damit hat sie vielen etwas voraus, denen es geht wie ihr. Die Freischreiben-Autorin aus Oberwalting im Landkreis Straubing-Bogen studiert „Creative Writing“ in England. Was Hochsensibilität bedeutet und warum dieser Studiengang so gut passt.

Magdalena war ein sensibles Kind. Ruhig, zurückhaltend, überwältigt von vielem. Sie träumt viel, malt viel und schreibt viel. „Ich habe nie verstanden, warum ich Gefühle so stark wahrnehme, Geräusche schlimm finde und als Kind lieber alleine gespielt habe.“

Magdalena fühlt sich schon immer anders als andere. Wie ein Alien, sagt sie. „Ich habe auch nie verstanden, wie die anderen klarkommen mit allem, was los ist und ich nicht.“ Ein charakteristisches Merkmal, beschreibt der Experte Georg Parlow in seinem Buch „Zart besaitet“, einem Ratgeber für Betroffene.

Anfangs verbindet Magdalena sensibel mit schwach

„Betroffen“ ist die heute 23-Jährige von der sogenannten Hochsensibilität. Obwohl das Wort „betroffen“ seinem Ausdruck nicht ganz gerecht wird. Hochsensibilität ist keine Krankheit. Sondern eher als Begriff für einen Persönlichkeitszug zu verstehen, bei dem Menschen Sinnesreize aus der Umwelt und aus dem Inneren stärker wahrnehmen und intensiver verarbeiten. Eine dauerhafte Reizüberflutung.

Magdalenas Sinne sind quasi hochbegabt, immer aktiv, immer unter Spannung. „Meine Mama hat mir irgendwann Bücher zum Thema Hochsensibilität gegeben.“ Als Magdalena erfährt, was ihre Sinne da machen, erleichtert sie das. Sie merkt: „Okay, das bin ich.“ Seit sie das weiß, ist die Hochsensibilität ein Teil von ihr. Obwohl sich anfangs alles in ihr dagegen sträubt. Denn „sensibel“ verbindet sie mit „schwach“. Magdalena meint: Alle anderen sind stark, sie nicht.

 

Konflikt-Sensibilität: „Vor acht Jahren war ich mit dem Schulorchester auf einem Probenwochenende. Zwei Freunde hatten einen schlimmen Streit, der nichts mit mir zu tun hatte. Ich habe ihn aber mitbekommen. In der Probe danach konnte ich mich überhaupt nicht konzentrieren. Ich habe so schlecht gespielt, dass genau die Person, die den Streit hatte, mich darauf angesprochen hat. Mir hat der Streit viel mehr ausgemacht als den beteiligten Personen.“

 

Hochsensibilität kann die verschiedenen Sinne in unterschiedlichem Ausmaß betreffen. Doch nicht nur die klassischen Sinne, also Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten. Magdalena nimmt vor allem Gefühle sehr stark wahr. „Trauer oder Wut spüre ich bei anderen und bei mir total schnell.“ Häufig weiß sie nicht, welches ihr eigenes und welches ein fremdes Gefühl ist. „Ich bin ein Staubsauger für Gefühle.“

Doch nicht nur negative, auch positive Gefühle erlebt Magdalena intensiv. „Wenn es mir zu viel wird, muss ich etwas tun. Ich gehe meist aus der Situation oder spreche offen an, wie es mir geht.“ Rückzug bedeutet für Magdalena meist Lesen oder Schreiben.

Die 23-Jährige zweifelt oft an sich selbst

Hin- und hergerissen fühle sie sich in Situationen, in denen sie andere durch ihre Bedürfnisse vor den Kopf stoßen könnte. Als sie beispielsweise einmal mit einer Freundin in einem Einkaufszentrum war, merkt die Studentin, dass es ihr zu viel wird. „Trotzdem bin ich weiter mitgegangen, bis ich es nicht mehr ausgehalten habe und mich in ein Café setzen musste. Meiner Freundin habe ich gesagt, dass ich meine Ruhe brauche.“ Diese habe damit überhaupt kein Problem gehabt, doch Magdalena zweifelte an sich.

Auch Selbstzweifel sind typisch. In einem ihrer Freischreiben-Artikel schreibt die 23-Jährige: „Man will, kann aber nicht. Man muss erst durch diese Mauer von Selbstzweifeln durch und das ist gar nicht so einfach, wenn man nichts hat, um sie zu durchbrechen.“ Mit Schwäche hat das nichts zu tun.

 

Stimmungs-Sensibilität: „Vor ein paar Monaten habe ich meinen ersten Poetry Slam besucht, der fast fünf Stunden gedauert hat. Der Abend war voller verschiede- ner Menschen und Geschichten. Danach war ich extrem überfordert. Ich wusste nicht mehr, welche Geschichten in meinem Leben passiert sind und was ich nur gehört habe. Das hat mich Tage danach noch bedrückt. Obwohl es ein guter Abend war, war es insgesamt zu viel.“

 

Wichtig in Magdalenas Leben: Harmonie und Gerechtigkeit

Viele Hochsensible teilen ein ausgeprägtes Harmoniebedürfnis. „Ich streite mich grundsätzlich nie. Ich habe meine Schwester oft dabei beobachtet, wie sie mit anderen streitet und mich immer gefragt, wie das geht und warum man das macht. Damit kann ich überhaupt nicht umgehen“, sagt Magdalena. Dazu komme meist ein starker Gerechtigkeitssinn, schreibt auch der Experte Georg Parlow in seinem Buch.

Leicht machen es sich Hochsensible also nicht. Und doch birgt der Wesenszug auch eine Superkraft. Magdalena kann sehr viel Energie, Kreativität und Kraft aus ihrem Inneren schöpfen. Dazu braucht sie nur sich selbst.

 

Ein Interview mit einem Experten und mehr zum Thema Hochsensibilität findest du hier.

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