Zu gut, um wahr zu sein Der virtuelle Star Hatsune Miku

Die computeranimierte Sängerin Hatsune Miku während der Fotoprobe der Oper „The End“. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Sie ist einer der größten Pop-Exporte, die Japan hervorgebracht hat und das, obwohl sie eigentlich gar nicht existiert. Was genau verbirgt sich hinter Hatsune Miku?

Überlebensgroß steht sie vor ihren Fans. Ihre blau-grünen Haare flattern im Wind eines imaginären Sturms und sie singt so schnell und perfekt wie niemand vor ihr. Ganz nebenbei vollführt sie eine Tanzchoreographie, um die sogar Lady Gaga sie beneiden würde. Am Ende des Lieds sind Tausende von Fans, die sie mit Leuchtstäben und Jubelschreien anfeuern, außer Puste, aber Hatsune Miku hat gerade erst angefangen. Ihre wilde Show wird noch den ganzen Abend dauern. Um so etwas wie Kondition oder falsche Töne muss sich Hatsune Miku dabei keine Sorgen machen. Denn sie ist nicht echt.

Ein Maskottchen namens Hatsune Miku

Ob Hiroyuki Ito 2007 ahnte, was für ein Erfolg seine Idee werden würde? Der Chef der japanischen Firma Crypton Future Media suchte damals nach einer Marketing-Strategie, um den Verkauf der Firmensoftware „Vocaloid“ anzuregen. Dabei handelt es sich um einen sogenannten Sprachsynthesizer, der es Musikern möglich machen soll, Stimmen zu imitieren. Also gab die Firma mehrere Maskottchen in Auftrag, die jeweils für eine bestimmte Stimme stehen sollten. Gestaltet wurden die Charaktere mit viel Liebe zum Detail. Jeder bekam ein Alter, eine Größe, ein Gewicht, musikalische Vorlieben und eine eigene Zeichnung, die auf der Software zu sehen war. Eines dieser Maskottchen hatte den Namen Hatsune Miku.

Vielleicht war es der Umstand, dass Mikus Stimme der der in Japan bekannten Anime-Sprecherin Fujita Saki ähnelt. Vielleicht auch, dass sie von „süß und seufzend“ bis zu „steif und angespannt“ alles singen kann. Oder aber die Nutzer fanden sie einfach „kawaii“, was auf Deutsch so viel wie „süß“ bedeutet. Auf jeden Fall erreichte Hatsune Miku schon kurz nach ihrer Entstehung einen Bekanntheitsgrad, von dem viele reale Popstars nur träumen können. Mehr noch: Damit Miku und ihre Mit-Vocaloids dort nicht nur singen, sondern auch tanzen konnten, programmierten Fans kurzerhand das Programm „Miku Miku Dance“. Die Folge waren unzählige Videos auf einer japanischen Streaming-Plattform, auf der Miku und ihre Freunde regelmäßig neue Lieder zum Besten gaben.

Im Zuge dieses Überraschungserfolgs entschloss sich Crypton zu einem gewagten Schritt, der sich aber auszahlte: Die Firma gab Miku in die Hände der Fans. Solange sie damit kein Geld verdienen und den von Crypton gesteckten Rahmen nicht verlassen, können sie mit Miku machen, was sie wollen. Und mehr noch: Crypton überprüft alle Songs, die mit Mikus Software gemacht wurden. Die besten, mittlerweile 3 500 Stück, werden auf dem eigens kreierten Songlabel Karent veröffentlicht. Geld erhalten die Fans für ihre Arbeit nicht, aber die Chance, dass ihre Songs vor Zehntausenden Zuschauern gespielt werden. Andere tragen Miku- oder Vocaloid-Cosplays oder zeichnen ihr virtuelles Idol.

Bei Konzerten feiert sich das Publikum auch irgendwie selbst

Kann man da eigentlich von einem virtuellen Künstler sprechen? Tatsächlich erklären Sprecher von Crypton, dass sie immer wieder Beschwerden erhalten, dass es sich bei Hatsune Miku doch um überhaupt keine echte Künstlerin handelt. Das, so die Firma, würde auch niemand behaupten. Miku ist für Crypton eine „virtuelle Sängerin“, der kreative Input und die Kunst kommen von den Fans. Und natürlich wissen auch die Fans, dass ihre Miku nicht echt ist. Bei den Live-Konzerten, in denen Miku und die anderen Vocaloids als überlebensgroße Hologramme auf die Leinwand geworfen werden, feiert sich das Publikum deshalb irgendwie immer auch selbst. Schließlich sind Miku und die anderen Vocaloids, noch viel mehr als andere Künstler, nichts ohne ihre Fans.

 
 

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