Was es im Festspiel Neues gibt Ritterin ist keine „Prinzessin Lillifee“

Die Ritterin (Laura Lehminger) greift heuer noch aktiver ein, wenn es darum geht, dass Udo (Matthias Schweitzer) zu den Waffen greift, um in den Kampf gegen den Drachen zu ziehen. Foto: Julia Adam

Nicht nur beim Volksfest gibt es heuer ein paar Neuerungen, auch im Drachenstich-Festspiel. Zwar halten sich diese in einem kleineren Rahmen als im vergangenen Jahr, dennoch betont Regisseur Alexander Etzel-Ragusa, wie wichtig es ist, dass sich ein solches Stück immer wieder weiterentwickelt.

„Ein Volksschauspiel muss ein lebendiger Prozess bleiben, damit das Interesse daran wach bleibt: bei den Zuschauern und bei den Darstellern. Deswegen entwickle ich mit den Akteuren ihre Rollen und Szenen ständig weiter“, erklärt er. Deswegen befrage man im Festspiel das Mittelalter, ob es den Zuschauern Anregungen und Lösungen geben kann für ähnliche Probleme in der Gegenwart.

Im Gegensatz zu früher seien die Rollen heute nicht mehr so streng und vereinfachend in Gut und Böse aufgeteilt. Jede Figur wäge nun für sich selbst ab, ob ihr Handeln zum Guten oder zum Bösen führt – so wie die Menschen das täglich tun. „Deswegen erwägt in diesem Jahr der Chamerauer, ob er seine geliebte Ritterin vielleicht doch dem Nebenbuhler Udo überlassen soll, wenn sie mit diesem tatsächlich glücklicher wird“, verrät der Regisseur.

Andererseits sei Udo nicht wirklich eine gute Partie für die Ritterin: „Hat nix, ist nix, wird nix“, so bringt es die Wirtin im Festspiel auf den Punkt. „Wäre es da nicht fair und fürsorglich, wenn der Chamerauer die Ritterin lieber mit sanftem Nachdruck in eine Ehe mit ihm selbst bugsiert? So könnte er sie davor bewahren, dass sie von Udo und seinen mangelnden Aufstiegschancen eines Tages sehr enttäuscht sein wird, sobald das erste Verliebtsein verflogen ist. Auch das muss er ihr ehrlich sagen“, beschreibt Etzel-Ragusa.
Mit all seinen Argumenten für und gegen Udo taucht der Chamerauer die Ritterin in ein Wechselbad der Gefühle: vom Freudentanz bis zu Tränen der Verzweiflung. In genau diesen Zwiespalt der Argumente wollen der Regisseur und die Darsteller auch den Zuschauer hineinnehmen. So kann jeder für sich selbst entscheiden, ob und wie weit der Chamerauer recht hat.

Udo zeigt seine Liebe
Auch die beiden Hauptakteure, das Ritterpaar Matthias Schweitzer und Laura Lehminger, spielen heuer ein wenig anders. So wird Udo mehr Gelegenheit finden, der Ritterin seine Liebe zu zeigen. Und auch die Schlossherrin entwickelt sich weiter. „Im alten Festspiel entsprach sie dem überkommenen Frauenideal der stillen Dulderin. Sobald Udo auftrat, hatte sie kein Wort mehr zu sagen und die Männer machten untereinander aus, ob Udo gegen den Drachen antritt. Es entspricht heute zunehmend der Persönlichkeit unserer Darstellerinnen der Ritterin, dass sie Udo immer entschiedener vor dem sinnlosen Tod im Drachenkampf retten wollen, weil er ja kein Ritter ist“, betont er. Und so greife die Ritterin heuer noch aktiver ein, wenn Udo genauso selbstlos wie sinnlos zu den Waffen greift.

Aber widerspricht so eine zupackende Ritterin nicht der Realität des Mittelalters? Im Gegenteil, meint der Regisseur. „Diese harte Zeit brauchte Frauen, die sich engagieren. Erst recht hier in der umkämpften Grenzstadt. Da kann nur eine zupackende und entscheidungsfreudige Ritterin die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten, aber nicht eine lebensfremde Prinzessin Lillifee“, macht Alexander Etzel-Ragusa deutlich.

Dialog der Religionen
Vergangenes Jahr hat der Regisseur den Dialog der Religionen ins Festspiel integriert. Und das habe sich bewährt, wie er betont, „wie man am stets anhaltenden Szenenapplaus letztes Jahr feststellen konnte“. „Wir haben da wohl ein bisschen Aufklärung geleistet, denn für viele war es offenbar überraschend, wie sehr Christentum und Islam miteinander verwandt sind, weil sie ja beide ihre Wurzeln im Judentum haben“, fügt er an. Aber es gebe eben auch gravierende Unterschiede: Christen und Muslime verehren zwar gemeinsam Jesus, aber der Kreuzestod gehört nicht zur Tradition des Islam. Und das dürfe man im Drachenstich-Festspiel auch aussprechen. „Was wäre das für ein Dialog der Religionen, wenn man die Unterschiede nicht hören will oder darf? Und wenn man diese Unterschiede erfährt – davon fällt ja ein guter Christ nicht von seinem Glauben ab“, meint Etzel-Ragusa.

In der Frage, ob sich davon ein Christ angegriffen fühlen sollte, helfe Papst Benedikt weiter. Der Regisseur glaubt, es gehört zu dessen großen Leistungen, dass er führende katholische und muslimische Geistliche zu einem Dialog der Religionen zusammengeführt hat. Als Ergebnis veröffentlichte der Vatikan eine gemeinsame Erklärung. Darin wird „mehr als Toleranz“ gefordert in der „Anerkennung der Unterschiede, doch im Bewusstsein der Gemeinsamkeiten“ von Christentum und Islam.

Mit diesem Bekenntnis zum friedlichen Miteinander der Religionen mache der Vatikan klar: Kein Katholik müsse sich durch abweichende religiöse Interpretationen persönlich angegriffen oder beleidigt fühlen. Das gelte auch für Muslime. „Auf diesem Grundsatz fußt auch unser Staat gemäß dem Grundgesetz: Jeder hat die Freiheit, seinen Glauben zu leben – aber nur, solange er damit keinem schadet oder dessen Freiheiten einschränkt.“

Diese Verlautbarung schlägt sich auch im Festspiel nieder – heuer noch deutlicher als im vergangenen Jahr. „Ob Kreuzigung oder nicht – der Christ und der Muslim finden im Festspiel jetzt eine Einigung, die ihnen Bibel und Koran gleichermaßen nahelegen“, verrät er. Sie stellen übereinstimmend fest: „Jesus hat immer den Frieden gepredigt. Er hätte bestimmt was dagegen, wenn wir uns seinetwegen die Schädel einschlagen.“

 

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