Wallfahrt Auf der Landstraße zu Gott

Jeder hat sein Kreuz zu tragen. Viele Pilger nehmen Kreuze oder Kerzen mit, um sie segnen zu lassen. Foto: Regina Hölzel

Die Christen entdecken die Wallfahrt wieder. Der Ansturm auf den Jakobsweg hat dem Pilgern einen ziemlichen Aufschwung beschert. Ich wollte herausfinden, was die Faszination Wallfahrt ausmacht, also bin ich in Richtung Altötting gepilgert und wurde von meiner eigenen Spiritualität überrascht.

Auf der Krankenhausbrücke in Dingolfing drängen sich Menschen in Wanderstiefeln. Zwei Damen vom Roten Kreuz schenken süßen Instant-Tee aus. Die Gesichter um mich sind geprägt von Augenringen. Fast alle Pilger sind seit gestern Früh unterwegs. Hinter dem Kreuzträger sammeln sich die Wallfahrer in den traditionellen Dreierreihen. Um kurz nach acht setzt sich der Zug in Bewegung. Der Lautsprecher vor mir knarzt und eine Stimme ertönt. Der Priester fängt an zu singen. „Alle meine Quellen entspringen in dir, in dir mein guter Gott,“ erklingt aus fast 8 000 Kehlen. Als ich mich umsehe, erstreckt sich der Zug bis über die Hügelkuppe, die ich vor etwa zehn Minuten hinter mir gelassen habe. Auch nach vorne ist kaum ein Ende in Sicht. Die Glocken der Frauenbiburger Kirche läuten, als die Pilger an ihr vorüberziehen. Der Priester redet über die Kreuzpflicht und darüber, dass das Kreuz nie Symbol der Ausgrenzung sein darf. Der Zug lauscht schweigend. In einer Gebetspause komme ich mit Barbara ins Gespräch. Die 21-Jährige hat gerade eine Menge Klausuren hinter sich und will um gute Ergebnisse bitten.

15 000 Schritte

Mein Schrittzähler meldet sich, ich habe mein tägliches Schrittziel erreicht. Frontenhausen schiebt sich hinter dem Hügel hervor. Als der Zug den Ortseingang erreicht, werden wir von einer Kindergartengruppe mit bunten Fähnchen empfangen. Die Lautsprecher gehen mit einem Knacken aus und die gemeinsamen Lieder und Gebete werden abgelöst von Gelächter und Geplauder. Am Marktplatz gibt es Tee, Helfer vom Roten Kreuz versorgen wunde Füße und schmerzende Gelenke. Ich finde eine freie Bank und setze mich. Großer Fehler. Als ich wieder aufstehe, brennen meine Fußsohlen. Die Pilger sammeln sich und wir gehen weiter. Neben mir: Micha und sein Vater. Micha macht sich, seit er 15 ist, jedes Jahr auf nach Altötting. Jetzt ist er 18. „Ich mag das Gemeinschaftsgefühl. Es ist toll, Teil einer so großen Gruppe zu sein.“ Er lächelt und fügt hinzu: „Außerdem kann ich beim Gehen abschalten.“ Ich spüre die meditative Wirkung. Gemeinsam zu singen und das gleichmäßige Tempo geben mir das Gefühl, teil eines großen Ganzen zu sein. Ich gebe die Gedanken, die mir normal durch den Kopf schwirren, einfach ab.

30 000 Schritte

Es wird heiß. Ich spüre den Weg, den wir zurückgelegt haben, in den Gelenken. Der Rucksack wird unangenehm und ich lasse mich im Zug etwas zurückfallen. Ich lande neben der 20-jährigen Kathi. Sie erzählt mir: „Ich hatte vor drei Jahren eine Operation am Rücken und habe zu meiner Mama gesagt: ‘Wenn das gut ausgeht, gehe ich nach Altötting.’ Jetzt löse ich dieses Versprechen ein.“ Kathis Mama ist auch dabei. Sie trägt den Rucksack für beide. Ich komme mir etwas blöd vor, weil ich mich gerade noch über meinen Rücken beschwert habe. Die Predigt dreht sich gerade um Nächstenliebe und Toleranz. Die Schilder zur nächsten Pausenstation kommen in Sicht. Schatten, etwas zu trinken. Nach einer kurzen Pause lege ich die drei Kilometer bis Gangkofen alleine zurück. Einige fahren mit dem Bus.

40 000 Schritte

Als wir Gangkofen verlassen, ziehen wir an einem Friedhof vorbei. Der Prediger ruft zu einem Gebet für die Verstorbenen. Ich denke an meine Oma. Sie war eine gläubige Frau und ist früher auch gepilgert. Nach Lourdes, Rom und Jerusalem. Meine Kehle wird eng und ein paar Tränen laufen mir übers Gesicht. Ich bin ziemlich überrollt von diesem Ausbruch. Eine alte Frau, die meiner Oma sogar ähnlich sieht, lächelt mich an und tätschelt meinen Oberarm. Den restlichen Weg gehe ich schweigend. Den Schmerz in den Beinen bemerke ich nur noch am Rande. Die Gesänge gehen an mir vorbei. Ich versuche, meine Gefühle zu entwirren. Als ich aus meiner Trance aufwache, sind wir schon fast in Massing.

50 000 Schritte

Der Zug zieht morgen weiter nach Altötting. Für mich ist die Wallfahrt heute zu Ende. Ich setze mich auf eine Gartenmauer. Der Weg hat etwas in mir verändert. Ob er mich näher zu Gott gebracht hat, weiß ich nicht. Näher zu mir hat er mich auf jeden Fall gebracht.

 
 
 

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