USA Grün, grüner - Chicago

Vor dem Jay Pritzker Pavilion, einer von Frank Gehry gestalteten Konzertmuschel im Millennium Park, erholen sich Einwohner und Touristen. Foto: Choose Chicago
Vor dem Jay Pritzker Pavilion, einer von Frank Gehry gestalteten Konzertmuschel im Millennium Park, erholen sich Einwohner und Touristen. Foto: Choose Chicago

Geburtsort des Wolkenkratzers, Startpunkt der Route 66, eine spektakuläre Skyline und zudem die grünste Großstadt Amerikas: Das alles ist Chicago. Mit nachhaltigen Projekten wird nun aus der ehemaligen Ganovenstadt auch eine umweltfreundliche Vorzeigemetropole.

Schon in den 50ern sang Frank Sinatra in einer Hymne auf die Stadt: "You'll lose the blues in Chicago". Und auch heute ist die Stadt am Lake Michigan für viele die bessere Alternative zu New York - oder anders gesagt, das New York des Mittleren Westens. Dass sich Chicago zu einer Metropole mit derartiger Lebensqualität mausern würde, war in den 1920ern noch nicht ersichtlich - damals, als der berüchtigte Gangsterboss Alphonse Gabriel "Al" Capone die Unterwelt beherrschte und ihr den Ruf als gesetzlose Stadt verschaffte.

Noch bis heute hat sie mit einigen wenig schmeichelhaften Beinamen zu kämpfen: "The Second City" (nach New York City), "The Windy City" wegen des eisigen Winterwindes oder "The Meatpacking City" (die Stadt der Fleischverpackung). Letzterer rührt daher, dass Chicago ab Mitte des 19. Jahrhunderts als Zentrum der amerikanischen Fleischverarbeitungsindustrie galt ("hog butcher for the world", also "Schweineschlächter für die Welt"). Mit der Industrialisierung wurde in Chicagos Schlachthöfen das Fließband weiterentwickelt und die Lohndrückerei perfektioniert - Kapitalismus wie er leibt und lebt.

Mittlerweile werden die alten Schlachthäuser nach und nach saniert und umfunktioniert. In eine der ehemaligen Fabriken ist 2011 "Plant Chicago" eingezogen. Die von John Edel gegründete gemeinnützige Organisation vereint diverse Umweltprojekte, unter anderem eine Fischfarm, einen Hydrokultur-Garten und die Whiner Beer Company.

Alles beruht auf dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft (Netto-Null-Energiesystem), in dem auch Abfälle eine wertvolle Aufgabe haben. Anstatt sie auf Deponien verkommen zu lassen, werden sie erneut als Rohstoff verwendet. "Das in der Brauerei verbrauchte Getreide wird mithilfe einer speziellen Anlage in Strom umgewandelt, der wiederum dem Fabrikgebäude zugeführt wird", berichtet Brauereimeister Brian Taylor. Die besten natürlichen Ressourcen seien diejenigen, die bereits extrahiert wurden. Kein Wunder also, dass im Plant Do-It-Yourself- und Upcycling-Workshops an der Tagesordnung sind. "Wer etwas über Aquaponik und die Doppelnutzung von Wasser lernen will, ist in meinem Workshop genau richtig", erklärt Plant-Mitarbeiter Eric Weber. Das Verfahren vereint die Aufzucht von Fischen in einer kreislaufbasierten Aquakultureinheit und die hydroponische Kultivierung von Nutzpflanzen - in Deutschland auch unter dem Begriff "Tomatenfisch" bekannt. Man müsse den Menschen ein Vorbild sein und mit gutem Beispiel voran gehen, findet Weber.

Über 400 Gärten findet man auf den Dächern Genau das wird sich auch Ex-Bürgermeister Richard M. Daley (bis 2011 im Dienst) gedacht haben, als er 1989 den ersten Baum der "Tree Planting Campaign" pflanzte und damit den Startschuss zu "Green Chicago" gab. Fast 30 Jahre und eine halbe Million Bäume später haben alle Schnellstraßen der Stadt bepflanzte Mittelstreifen, der städtische Fuhrpark größtenteils umweltfreundliche Hybridfahrzeuge und City Hall, das Rathaus von Chicago, ein grünes Dach. Die Inspiration dazu soll Richard M. Daley bei einem Besuch der deutschen Partnerstadt Hamburg gefunden haben.

Mittlerweile verschönern über 400 Gärten die Dächer von Chicago, mehr als in allen anderen amerikanischen Städten zusammen. Nichtsdestotrotz ist das grüne Herz von Chicago der zehn Hektar große Millennium Park, der sich seit 2004 über zwei Parkgaragen und den Bahnhof für Vorortzüge erstreckt und damit das größte grüne Dach der Stadt ist.

Mit den Dachgärten kehrten auch die Bienen in die Stadt zurück. Auf dem Chicago Cultural Center und der City Hall sind Bienenstöcke beheimatet, deren Bewohner im Sommer die Blüten zahlreicher Parkanlagen und Gärten bestäuben. Mit dem speziellen "Rooftop Honey", den es sogar zu kaufen gibt, kann man Mun Wong allerdings nicht locken. In ihrem kleinen asiatischen Restaurant im Stadtteil Edgewater geht nur rein pflanzliche Kost über die Theke.

Ursprünglich hatte die in Macau geborene Chinesin rein gar nichts mit der Gastronomiebranche am Hut. Seit 12 Jahren leitet sie mit ihrem Mann erfolgreich ein Unternehmen für Sicherheitssysteme und wurde 2016 vom Chicago Business Journal unter die 50 einflussreichsten Frauen Chicagos gewählt.

Dass sie das Restaurant, in dem sie davor selbst immer wieder gegessen hatte, übernehmen würde, hätte sie sich nicht träumen lassen. Es war Schicksal - und eine Herzensangelegenheit. "Ich habe mir für Chicago schon immer ein größeres veganes Angebot gewünscht. So wie in LA oder New York", schildert Mun. "Als sich mir die Gelegenheit bot, selbst für diese Veränderung zu sorgen, dachte ich mir: Let's do it!"

Seit der Übernahme der Alice & Friends' Vegan Kitchen kreiert sie mit ihrem multikulturellen Team neue Desserts und asiatisch inspirierte Speisen. Die Zutaten stammen größtenteils von lokalen Produzenten und im Sommer gibt es Kräuter aus Eigenanbau. Muns Ziel ist es, ähnlich wie bei Alice im Wunderland ein unbeschwertes Reich für Veganer und Pflanzenbewusste zu schaffen und ihnen das Vegansein so schmackhaft und einfach wie nur möglich zu machen. Dafür nimmt sie auch eine 100-Stunden-Woche in Kauf. "Chicago ist eine dynamische und fortschrittliche Stadt mit sehr hoher Lebensqualität und wichtiger Vorbildfunktion", findet die Unternehmerin. Das bedeute aber nicht, dass Amerikas grünste Stadt nichts mehr verbessern könnte.

Mit der Weiterführung des Restaurants hat die Asiatin bereits einen bedeutenden Beitrag geleistet: Chicagos Gastro-Landschaft zählt ein grünes Restaurant mehr. Ihr Motto: "Sei selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen möchtest." Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde unterstützt von Choose Chicago.

Reise-Tipps:

Anreise: Lufthansa fliegt zweimal täglich nonstop von München nach Chicago (ab 548 Euro/Person).

Reisezeit: Im Frühjahr und Herbst weht oft ein starker Wind, woher auch der Spitzname "The Windy City" stammt. Beste Reisezeit sind der Spätfrühling und der Frühherbst mit warmen, trockenen Tagen und kühleren Nächten.

Aktivitäten: Einblick in die moderne und historische Architektur von Downtown Chicago erhält man bei einer Fahrt mit der Hochbahn "L" (Einzelfahrt um 2 Euro, mehrtätiger CTA Pass empfehlenswert, www.transitchicago.com). Eine fantastische Aussicht hat man vom Skydeck auf dem Willis Tower. Bei guter Sicht kann man bis zu 80 km weit in vier US-Bundesstaaten blicken (um 19,50 Euro, www.theskydeck.com). Von Juni bis August geben etablierte Musiker und Newcomer kostenlose Open-Air-Konzerte im Jay Pritzker Pavilion im Millennium Park (www.cityofchicago.org). Gut zu Fuß mit einem Chicago-Greeter: Einheimische führen kostenlos durch ihre Stadtviertel und zu den wichtigsten Attraktionen (2 bis 4 Stunden Touren, www.chicagogreeter.com).

Unterkunft: Das Boutique-Hotel Cambria Hotel & Suites liegt im Gebäude des Oriental Theatre, in der Nähe der berühmten Einkaufsstraße State Street und zahlreichen Theatern (www.choicehotels.com/illinois/chicago/cambria-hotels). The Drake bietet die beste Ausgangslage für lange Spaziergänge am Strand Oak Street Beach (www.thedrakehotel.com). Kunstliebhaber werden sich im The Palmer House Hilton mit der von Louis Comfort Tiffany designte Lobby wohlfühlen (www.palmerhousehiltonhotel.com).

Essen: Ein Chicago-Besuch ohne Chicago-Style "Deep Dish"-Pizza geht nicht. Zwei gute Adressen sind Giordano's (www.giordanos.com) und Pizano's (www.pizanoschicago.com). Ansonsten bietet der Hallenmarkt French Market mit über 30 Verkaufsständen alles, was das Gourmet-Herz begehrt (www.frenchmarketchicago.com). Chicagos Bar-Szene setzt sich aus Tiki-Bars im Großformat wie Three Dots and a Dash (www.threedotschicago.com) und kleineren Hipster-Bars wie das Lost Lake (www.lostlaketiki.com) zusammen.

Auskunft: Informationen zu Stadt, Aktivitäten und Events gibt es auf der offiziellen Website des Tourismusverbandes Chicagos www.choosechicago.com.

 

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