Urlaub in Österreich Entdeckungsreise trotz Schmuddelwetter im Pitztal

Auf der Kalbenalm: Der Himmel reißt auf und über den Nebelwolken erhebt sich die gegenüberliegende Bergkette. Foto: Marina Jung

Neun Uhr morgens, Regen, circa zehn Grad Außentemperatur. Eine Gruppe ausflugshungriger Wanderer - vom Kleinkind bis zum Rentner ist alles vertreten - bibbert im Hochsommer in Liß/Jerzens (Pitztal/Österreich) vor dem Alpin Center der Hochzeiger Talstation. Auf dem Programm stehen ein Besuch des "ZirbenParks", eine "rasante Fahrt" mit dem "ZirbenCard" sowie eine eineinhalbstündige Wanderung.

Dass das unter den vorliegenden klimatischen Bedingungen ein gelungener Ausflugstag werden wird, mag bezweifelt werden. Und auch für die nächsten Tage ist wettertechnisch kaum Besserung angesagt. Trotzdem, so viel Spaß bei suboptimalem Urlaubswetter wie im Pitztal habe ich selten erlebt.

Zirbensuppe statt Zirbenpark

Angekommen an der Mittelstation verteilt Manuela Draxl von den Hochzeiger Bergbahnen Regenschirme an die Erwachsenen. Sie hat den heutigen Erlebnistag organisiert. Bis Mittag ist Dauerregen angesagt. Die Kinder juckt das nicht. Sie kraxeln auf den Zirbenkugelkletterbaum, rutschen vom Zirbenzapfen-Erlebnisturm, auch wenn die Hose nass wird, und wagen den "Zirbensprung" von eineinhalb Metern Höhe ins weiche Heu.

Nebenbei berichtet Manuela allerlei Wissenswertes über die Zirbe. Der immergrüne Baum, ähnlich einer Kiefer, sei prägend für die alpine Landschaft rund um Jerzens und schütze das Dorf vor Lawinen und Muren. Er ertrage Temperaturunterschiede von Minus 40 Grad im Winter bis Plus 30 Grad im Sommer und halte schweren Stürmen, Lawinen und Trockenheit stand. Bis auf 2.200 Meter Höhe seien Zirbenbäume anzutreffen.

Nach etwa einer Stunde ist auch der Letzte in der Gruppe nass. Planänderung - ab in die Mittelstation. Dort empfängt uns Benedikt Lederle. Er ist der Chef des Zeigerrestaurants und ein Experte auf dem Gebiet der Zirbenkulinarik.

Zirbenkulinarik? Nadelbäume zum Essen und Trinken? Richtig. Mit Zirbenhydrolat, einem Produkt, das bei der Herstellung von Zirbenöl entsteht, Zirbensalz oder Zirbensirup verfeinert er Speisen und Getränke. Damit wir auch wissen, wie gut das schmeckt, kocht er vor unseren Augen aus Kartoffeln, Karotten, Zwiebeln, Speck, Pfifferlingen, Sahne und Zirbenzusätzen eine Zirbensuppe. Mmmm, ein Gedicht!

Von Zirbensuppe und Zirbenlimonade gestärkt, machen wir uns etwa zwei Stunden später auf zu den "ZirbenCards". Endlich hat es aufgehört zu regnen, kalt ist es immer noch. Bei dichtem Nebel schaukeln wir mit dem Sessellift den Sechszeiger hoch. Immer wieder ist das Bimmeln von Kuhglocken unter uns zu hören. Manchmal sieht man Kühe beim Grasen.

"Vorsicht, Kühe kreuzen die Fahrbahn!"

Oben angekommen stürzen sich alle auf die Cards - je ein Kind und ein Erwachsener. Noch kurz die Anweisung: "Vorsicht, Kühe kreuzen die Fahrbahn!", dann geht es los. Mit einem Affenzahn rasen wir Serpentine um Serpentine Richtung Mittelstation. "Schneller, Mami, schneller!" Wir driften, dass es staubt und die Steine fliegen. Vollgepumpt mit Adrenalin kommen wir unten an und sehen: Eine Mutter putzt ihrem Sohn die Hose ab. Sie sind durch einen Kuhfladen gefahren und haben sich von oben bis unten damit vollgespritzt. Puh! Wir sind noch sauber. Helme ab und zu Fuß weiter. Umhüllt von Nebelschwaden stapfen wir über Schotterwege bergauf in den Wald hinein. Vorbei an Baumstümpfen, Pilzen, Beeren über Bachläufe und Steine wandern wir durch den Wald. Plötzlich taucht eine Pferdeherde vor uns auf. Die jungen Mädls in der Gruppe zücken ihre Smartphones und schießen Selfies mit den Tieren. Nur wenige Meter weiter erreichen wir endlich die Kalbenalm.

"Ja, griass eich!", begrüßt uns Klaus Schrott. Er ist hier der Wirt und hat leckere Kuchen, kühles Bier und frische Brausen im Angebot. Während die Kinder am Gebirgslauf nebenan pritscheln, reißt völlig überraschend der Himmel auf und gibt den Blick über das herrliche Panorama frei. Mit den Temperaturen steigt die Stimmung und Klaus bringt für jeden ein Stamperl selbst gemachten Zirbeler - einen Schnaps aus in Korn eingelegten Zirbenzapfen, gesüßt mit braunem Kandis. Im Pitztal ist das so eine Art Nationalgetränk, das sich viele selbst ansetzen. Er wird uns in den nächsten Tagen noch öfter begegnen. Viel zu schnell vergeht die Zeit auf der Alm und schon machen wir uns auf den Rückweg zur Mittelstation. Von dort aus gondeln wir wieder ins Tal.

Die Kinder bouldern, die Erwachsenen wandern

Der nächste Tag, das gleiche Wetter: Nebel und Nieselregen. Vom Frühstück gestärkt treffen wir uns trotzdem gut gelaunt am Alpin Center. Doch heute werden Eltern und Kinder getrennt. Für die Kleinen geht es zum Indoor-Bouldern in den Kletterstadl nach Stillebach/Sankt Leonhard. Anleiter Hubert - seinen Nachnamen verrät er nicht - und sein erfahrenes Betreuerteam bringen sie mit dem Bus dort hin. Am Abend werden wir sie müde, aber freudestrahlend wiedersehen. An den steilen Boulderwänden sind sie über sich hinausgewachsen.

Um die Großen kümmert sich heute Nathalie Mathoy vom Tourismusverband Pitztal. Mit einem Kleinbus schippert sie uns ebenfalls ins Talinnere, nach Sankt Leonhard zum Parkplatz Scheibe. Die Fahrt dauert nur etwa 20 Minuten.

Ohne große Vorreden ziehen wir los. Unser Ziel ist die Tiefentalalm. Sie liegt etwa zehn Kilometer von Parkplatz entfernt und knapp 600 Meter höher. Schon nach wenigen Metern verlassen wir den bequemen Schotterwanderweg und nehmen eine steile Abkürzung querfeldein. Nach diesem "Mini-Aufstieg" bin ich erst einmal mächtig am Schnauben. Wenn das jetzt schon so anstrengend war, was wird mich wohl die nächsten Stunden noch alles erwarten? Nichts anmerken lassen, einfach weitergehen. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahne, ich bin nicht die unsportlichste Wanderin an diesem Tag. Statt Jeans und Turnschuhe haben andere nur einfach eine deutlich bessere Tarnung.

Beeren, Pilze und diverse Knödelvariationen

Leichter Nieselregen setzt ein. Doch diesmal stört es keinen. Ganz im Gegenteil: Das erfrischt, denn die schmalen Trampelpfade nach oben bringen uns gehörig ins Schwitzen. Zwischen Farnen und moosbewachsenen Felsen entdecken wir Heidelbeeren, Walderdbeeren und zahlreiche Fliegenpilze. Einer aus der Gruppe hat ein Messer für Steinpilze dabei. Langsam füllt sich sein Beutel.

Die Tiefentalalm bietet einen nicht minder beeindruckenden Ausblick auf das Bergpanorama wie die Kalbenalm. In ihrem Rücken erhebt sich die schneebedeckte Rofelewand. Der Gschwandbach ist Spielplatz für Kinder und gleichzeitig Tränke für Hühner, Pferde, Kühe, Hasen und Ziegen. In einem urig-gemütlichen Schuppen nehmen wir Platz. Das prasselnde Feuer im Holzofen wärmt uns.

Nathalie erzählt, dass der Wirt Franz Eiter auf der Tiefentalalm die besten Knödelgerichte weit und breit auf der Karte hat. Doch noch bevor wir uns seine recht eigenwillige Speisekarte ansehen können - er hat alle Gerichte auf Holzscheiben eingebrannt - kommt Franz mit einem Meter Begrüßungsschnaps zur Tür herein: Marille, Zwetschge, Heidelbeere und natürlich Zirbeler. Eine zweite Runde wird nach den köstlichen, hausgemachten Knödeln mit Pilzragout folgen.

"Hol a Rührei, hol a Radio"

Von der Terrasse her erklingt eine Steirische Harmonika. Als wir nach draußen schauen, sehen wir Franz, wie er sich beim Singen selbst begleitet. Wer jodeln könne, fragt er, als das Lied aus ist. Keiner meldet sich, jeder hofft, dass er es nicht vor den vielen Almbesuchern ausprobieren muss. Doch statt hier einen vorzuführen, bringt Franz es allen gleichzeitig bei. Ganz einfach: "Hol a Rührei, hol a Radio". Zwei mal nachgesprochen, schon beginnt Franz wieder zu singen: "Kennst du die Perle, die Perle Tirols? Das Städtchen Kufstein, das kennst du wohl! Umrahmt von Bergen, so friedlich still. Ja das ist Kufstein dort am grünen Inn. Ja das ist Kufstein am grünen Inn. Ho-la-di-le-di-le-di-le, hol a Rührei, hol a Radio. Hol a Rührei, hol a Radio..." (Urheber des Kufsteinlieds ist Karl Ganzer). Die Menschen auf der Terrasse beginnen zu lachen. Tapfer singen einige mit, Strophe für Strophe werden es mehr. Und da man nach dem vielen Singen seine Stimme ölen müsse, wie Franz sagt, bringt er gleich noch eine Runde seiner hausgemachten Schnäpse.

Bester Laune machen wir uns wieder auf den Weg. Bergauf, bergab, über nicht minder malerische Trampelpfade wie vorher wandern wir zum Parkplatz zurück. Immer wieder steigt mir der Duft von Zirben in die Nase. Die Zapfen am Boden zeigen, dass ich mich nicht irre.

Beim Zirm-Sepp und im Kletterpark

Den letzten Tag im Pitztal verbringen Eltern und Kinder wieder getrennt. Nathalie fährt uns diesmal nach Jerzens zum Zirm-Sepp ins Sägewerk Reinstadler. Als wir aus dem Wagen steigen, riechen wir es sofort: Sepp Reinstadler verarbeitet Zirbenholz. Aus Bäumen, die den Stürmen im Sommer oder dem Schnee im Winter nicht standhalten konnten, fertigt er Zirbennachtkästchen, Zirbenbabywiegen, Deko für drinnen und draußen und zu 100 Prozent naturreines Zirbenöl. Holz und Öl wird eine beruhigende, konzentrationsfördernde Wirkung bescheinigt. Außerdem soll es die Atemwege öffnen und die Durchblutung fördern. An der Wand hängen viele Zeitungsartikel und Ausdrucke von Mails begeisterter Kunden. Damit wir es zuhause selbst testen können, schenken uns Sepp und seine Frau Roswitha zum Abschied Zirben-Hobelspäne und ein kleines Fläschchen Zirbenöl.

Durch dichten Nebel fährt uns Nathalie anschließend mit dem Kleinbus den Hochzeiger hoch zum Kletterpark. Im dichten Nebel ist die Fahrbahn kaum zu erkennen. Dort treffen wir unsere Kinder, die gerade sicher angeleint an den feucht-glitschigen Felsen mit Überhang nach oben kraxeln. Sogar die Kleinsten trauen sich und freuen sich, dass Mama und Papa ihnen zuschauen und zujubeln.

Der Kletterpark ist nur eine von vielen Aktionen, die bei den Leistungen der Pitztal Sommer Card inklusive sind. Die Kinder können täglich nach vorheriger Anmeldung am Programm von Pitzi's Kinderclub teilnehmen. Sie werden dort - ähnlich wie in einem Kinderclub bei Pauschalreisen - betreut.

Wissenswertes zur Reise

Die Einreise aus Deutschland ist uneingeschränkt möglich. Aufgrund der aktuellen Coronavirus-Pandemie wird Reisenden jedoch empfohlen, sich vorab über die aktuelle Situation beim Auswärtigen Amt zu informieren.

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