Unfallgutachter im Interview "Diese Spuren sind sehr flüchtig"

Oftmals ist es nicht so einfach, aus dem Chaos einer Unfallstelle abzuleiten, wie der Unfall eigentlich passiert ist. Für solche Fälle gibt es Unfallgutachter wie Manuel Kremhelmer. Foto: Bildmaterial: David Young/dpa/Manuel Kremhelmer, Collage: idowa

"Aktuell ist ein Gutachter vor Ort, um den genauen Unfallhergang zu klären". Diesen und ähnliche Sätze liest man oft in Artikeln über Polizeieinsätze bei Unfällen. Der ostbayerische Dekra-Experte Manuel Kremhelmer erklärt im Interview mit idowa, wie man Unfallgutachter wird, worauf er an Unfallorten besonders achtet und welcher Unfall besonders schwierig zu rekonstruieren war.

Der 40-jährige Manuel Kremhelmer aus dem Landkreis Straubing-Bogen ist seit rund 10 Jahren für die Regensburger Dekra-Niederlassung als Unfallgutachter im Einsatz. Er sei 2008 "wie die Jungfrau zum Kinde" zu seinem Beruf gekommen, sagt er im Gespräch. Kremhelmer hatte das Aufgabenfeld als Studienfach im Bereich Sachverständigenwesen kennengelernt und beschlossen, sein technisches Verständnis nicht in den klassischen Bereichen Konstruktion oder Qualitätsmanagement, sondern als Unfallgutachter einzusetzen.

Herr Kremhelmer, wie kann man sich den Ablauf vorstellen, wenn Sie als Gutachter zu einer Unfallstelle gerufen werden?

Manuel Kremhelmer: Ich werde dann über die Einsatzzentralen der niederbayerischen oder oberpfälzischen Polizei verständigt. Da gibt es Listen mit Sachverständigen, die dann je nach Schwere des Unfalls in Absprache mit der Staatsanwaltschaft zum Unfallort gerufen werden. 

Wie gehen Sie vor, wenn Sie vor Ort sind und sich ein Bild von einer Unfallstelle machen?

Kremhelmer: Aus meiner Sicht ist es zwingend erforderlich, sich vor Ort zuallererst einen guten Überblick zu verschaffen. Die Einsatzzentrale teilt einem meist nur sehr grobe Unfalldaten mit, also beispielsweise ob zwei Autos, ein Auto und zwei Lkw oder ein Auto und ein Radfahrer beteiligt waren. Deshalb muss ich mir vor Ort meist erstmal ein Bild von einem konkreten Unfall verschaffen. Dabei achte ich zunächst darauf, wo die Fahrzeuge oder Unfallbeteiligten letztlich liegen geblieben sind – soweit das noch möglich ist, denn die Personenrettung geht an dieser Stelle natürlich ganz klar vor. Nach diesem ersten Überblick kann ich dann normalerweise bestimmen, ob ich es hier mit einem Kreuzungsunfall, einem Unfall im Gegenverkehr oder ähnlichem zu tun habe. Zudem hole ich mir Informationen von Polizei und Feuerwehr vor Ort, weil die oftmals im Zuge von Verkehrslenkung oder Rettungsmaßnahmen die Endlagen von Trümmern oder Unfallfahrzeugen bereits verändert haben. 

Wie machen Sie weiter, sobald Sie einen ersten Überblick haben?

Kremhelmer: Dann geht es um die Sicherung einzelner Spuren. Beispielsweise achte ich auf Schrammspuren auf dem Asphalt, die dort entstehen, wo zwei Autos zusammengestoßen sind und die Fahrbahn beschädigt haben. So kann ich feststellen, wo genau es zu einer Kollision gekommen ist. Wenn ein Fußgänger von einem Auto erfasst wird, kommt es außerdem zum sogenannten Unterziehen: Ein Mensch wird im Bereich der Beine erfasst, seine Füße bleiben aber zunächst mal noch an der Position des letzten Schritts. Durch dieses seitliche Verschieben der Füße kommt es dann zu Abriebspuren der Schuhe auf dem Asphalt, an denen ich ablesen kann, an welcher Stelle ein Fußgänger erfasst wurde. Diese Spuren sind sehr flüchtig und "verrauchen" relativ schnell, deshalb muss ich die unbedingt zuerst sichern.

Detektiv auf dem Asphalt

Das klingt, als müssten Sie da schon detektivisch genau hinschauen.

Kremhelmer: Absolut. Es ist sehr wichtig, sich Zeit zu nehmen – gerade dann, wenn man Spuren, die man aufgrund der Unfallkonstellation erwarten würde, nicht auf Anhieb findet. In solchen Fällen hilft es oft, den Unfallort aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, in die Hocke zu gehen oder mal einen Schritt zur Seite zu machen, um den Lichteinfall auf einen bestimmten Punkt zu verändern. Damit sieht man möglicherweise ein Schimmern auf der Fahrbahn, das auf Abriebsspuren schließen lässt. Man muss zudem auch mal das weitere Umfeld um einen Unfallort abgehen, weil man so vielleicht weitere Hinweise findet. Zum Beispiel darauf, dass ein Auto vor einem Unfall ins Bankett geraten ist, woraufhin der Fahrer möglicherweise die typische, aber grundfalsche Reaktion hatte, das Lenkrad herumzureissen. Sowas ist oftmals schon 50, 100 oder sogar 150 Meter vor der eigentlichen Unfallstelle zu finden. Das ist übrigens auch mit ein Grund dafür, warum Unfallstellen oft längere Zeit gesperrt sind. 

Bewerten Sie vor Ort auch Unfallschäden?

Kremhelmer: Mir ist es noch nie passiert, dass mich die Polizei am Unfallort nach meiner Einschätzung zu einem Unfallschaden gefragt hätte. Das, was als Schaden in den Polizeiberichten steht, schätzt die Polizei selbst – und zwar meistens viel zu niedrig, soweit ich das beurteilen kann. Als Unfallgutachter bewerte ich auch Reparaturkosten und kenne die gängigen Raten, was eine Arbeitsstunde in einer Autowerkstatt betrifft. Das Austauschen einer Frontschürze dauert ungefähr eine Stunde und kostet rund 120 Euro – da sind aber noch keine Materialkosten dabei, die Kosten für das neu Lackieren auch nicht und das Austauschen der komplizierten Sensoren, die mittlerweile oft in Frontschürzen eingebaut sind, erst recht nicht. Hinzu kommt, dass ein Unfallschaden oft total schlimm aussieht, aber wenn ich mir dann das Auto anschaue, dann ist es vielleicht 15 Jahre alt und hat schon Rostspuren. In so einem Fall geht es für mich als Gutachter dann nicht mehr um Reparaturkosten, sondern um die Kosten einer Neuanschaffung des Autos. 

Hinterlassen die Eindrücke von Unfallorten bleibende Erinnerungen?

Kremhelmer: Unfallsachverständige werden normalerweise erst dann gerufen, wenn jemand bei einem Unfall zu Tode gekommen ist oder mit einem Ableben zu rechnen ist. Die Unfälle, die man dann sieht, sind also meist schwere und damit auch belastende Unfälle. Sowas bleibt natürlich auch mal im Gedächtnis. Ich denke da zum Beispiel an einen rechts abbiegenden Lkw in Regensburg, der einen Fahrradfahrer erfasst und mehrere dutzend Meter mitgeschleift hat. Solche Unfälle zwischen Lkw und Fahrrad bergen fast immer ein hohes Risiko, dass der Fahrradfahrer dabei umkommt. Da war ich damals vor Ort – und alleine jetzt darüber zu sprechen, bringt für mich sehr unangenehme Erinnerungen zurück. Aber das ist eben Teil des Berufs. Wer mit solchen Situationen nicht umgehen kann, sollte den Job nicht machen, weil dann Fehler passieren. 

Gab es mal einen Unfall, bei dem Sie Probleme hatten, den Unfallhergang überhaupt zu verstehen?

Kremhelmer: Grundsätzlich gehe ich niemals von einer Unfallstelle weg, wenn ich keinen belastbaren Eindruck davon habe, wie der Unfall passiert ist. Dabei hilft mir auch, dass sich bestimmte Unfallmuster oft wiederholen: Abbiege-Unfall, Unfall auf der Kreuzung, die Straße überquerende Fußgänger oder Radfahrer und so weiter. Wenn ich jetzt so nachdenke, fällt mir aber doch ein schwieriger Fall ein: Das war ein Unfall im Begegnungsverkehr zwischen zwei Fahrradfahrern, bei dem beide gestürzt sind und einer davon leider auch verstorben ist. Das hat einiges an Überlegungsarbeit erfordert, denn das Besondere war hier, dass sich die beiden Fahrräder eigentlich nur sehr leicht am Lenker berührt und verhakt hatten. Dementsprechend war das Spurenbild sowohl auf der Fahrbahn als auch an den beiden Rädern äußerst dürftig, so dass ich auf extrem kleine Details achten und letztlich auch einfach von der Plausibilität her überlegen musste.

 
 
 

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