Ukraine Kiew probt trotz tiefer Kriegswunden wieder die Normalität

An einer Metrostation in Kiew sollen Sandsäcke die Gebäude schütze - mit der Parole "Putin chuilo" (etwa: "Putin ist ein Schwanzgesicht"). Foto: Ulf Mauder/dpa

Nach fast 100 Tagen Krieg ist Kiew stellenweise so lebendig, wie es vor Russlands Angriff war. Aber Bombenalarme, Sandsäcke und Ruinen lassen niemanden vergessen, dass der Feind nah ist.

Der Einschlag einer russischen Rakete in einem 22-geschossigen Wohnhaus im Schewtschenko-Stadtviertel von Kiew hat in den unteren Etagen ganze Wohnungen weggesprengt. Bauarbeiter räumen an einem frühlingshaften Mai-Tag Trümmer beiseite, in den Etagen darüber ist die Fassade intakt.

Die Fensterscheiben fehlen. Unklar ist, ob die Statik hält. "Das wird schon", meint Gebäudeverwalter Jan. Die Rakete schlug am 28. April gegen 20.00 Uhr ein - als auch UN-Generalsekretär António Guterres in der Stadt war.

"Ich hatte um 19.00 Uhr mein Büro im dritten Stock verlassen, eine Stunde später kam der Anruf: Es gab eine Explosion", erinnert sich der Verwalter. Viele Wohnungen sind nicht mehr bewohnbar, in einigen leben aber wieder Menschen. "Vor allem Frauen kommen zurück", sagt Jan. "Einige waren nach ihrer Flucht zu Kriegsbeginn gerade erst wieder zurückgekehrt in die Wohnung, als die Rakete einschlug."

Der Schock bleibt

Mehrere Menschen wurden an dem Tag Ende April verletzt. Die ukrainische Journalistin Wira Hyrytsch wurde tot aus den Trümmern geborgen. Auch einen Monat danach sitzt der Schock bei vielen tief. "Die Russen hassen uns, wollen uns und alles vernichten", sagt die 47 Jahre alte Tanja, die in die Wohnung im 21. Stockwerk will. "Dort sind nur die Fenster zerborsten, die wir jetzt auswechseln müssen", erklärt ihr Jan. Bezahlen muss sie das selbst.

Die private Unternehmerin erzählt, dass die Wohnung gerade renoviert werden sollte, deshalb sei niemand dort gewesen beim Raketenangriff. Sie schüttet ihr Herz aus: Mutter und Vater seien Russen, sie wohne mit der Mutter (77) und dem 52 Jahre alten Bruder, dem die Wohnung im Hochhaus gehört, in der Nähe. "Er kommt nach einer Covid-Erkrankung nicht auf die Beine. Ich weiß manchmal nicht, wie es weitergeht", sagt Tanja. Ihre Augen werden feucht. Vor allem vor dem Winter fürchtet sie sich, davor, dass Russland den Gashahn abdrehen könnte und die Menschen erfrieren lässt.

"Am schlimmsten ist, dass die Familie zerrissen ist. Mein Onkel in St. Petersburg, meine Freundin in Moskau, sie wollen nicht glauben, dass wir hier vom russischen Militär beschossen werden mit Raketen, dass sie Verbrechen begehen, Frauen vergewaltigen, morden und plündern. Sie halten das für Märchen." Niemand dort frage mal, wie es ihnen geht. "Kein Kontakt mehr."

Beschuss auf zivile statt militärische Objekte

Tatsächlich berichtet das russische Militär täglich, es würden nur militärische Objekte mit "Hochpräzisionswaffen" beschossen. Aber oft treffen sie in Wirklichkeit zivile Infrastruktur - wie hier. Gegenüber liegt das ebenfalls von einer Rakete getroffene Fabrikgebäude des Raketenherstellers "Artem". Das Dach ist zertrümmert, die Scheiben sind herausgeplatzt. Das Haus steht direkt an einem belebten Markt an der Metrostation Lukjaniwska. Russland hat den Luftschlag eingeräumt.

Überall in der Stadt sind an Stationen und öffentlichen Gebäuden zum Schutz Sandsäcke aufgestapelt. Tanja meint, es werde nichts helfen: "Viele haben das Land verlassen. Wir sind vielleicht noch 20 Millionen, sie sind 140 Millionen und werden uns einfach plattwalzen." Die Gefahr ist auch in Kiew gegenwärtig - wo Luftalarm fast täglich daran erinnert, dass Raketen einschlagen können. Viele Hauptstädter ignorieren den Alarm. Gehortet wird aber, wo es geht, das knappe Benzin, um notfalls mit dem Auto zu flüchten.

Am Hauptbahnhof von Kiew kommen inzwischen täglich mehrere Züge mit rückkehrenden Geflüchteten an. Einige sagen, sie wollten nach dem Rechten sehen, Dinge erledigen und dann vorerst wieder ins Ausland fahren, bis das Leben hier wieder sicher ist. Aber viele kommen, um zu bleiben - auch wenn Bürgermeister Vitali Klitschko dazu rät, lieber dort zu bleiben, wo keine Gefahr droht.

Volle Züge, Busse und U-Bahnen

Noch immer sind einige Geschäfte und etwa auch die Schnellrestaurants der US-Kette McDonald's geschlossen. Doch die Straßen, Busse und Züge werden immer voller. Während die Kämpfe vor allem im Osten der Ukraine weiter mit großer Härte toben, drängen sich die Menschen in Kiew wieder in den Metrowaggons, um zur Arbeit und nach Hause zu kommen. Die U-Bahn dient zwar weiter als Bunker, wenig erinnert aber daran, dass das Land schon fast 100 Tage im Kriegszustand ist.

Auf dem Hauptbahnhof ist aus Czernowitz in der Westukraine die Seniorin Olga nach mehr als zweieinhalb Monaten auf der Flucht angekommen. "Ich möchte wieder mein altes Leben zurück", sagt sie. Nach dem Einmarsch der russischen Truppen sei sie weg aus ihrem Stadtteil Obolon, als dort ein Panzer ein Auto zerdrückte. "Ich bin sogar drei Wochen lang vom Russischen ins Ukrainische gewechselt." Inzwischen ist sie wieder bei ihrer Muttersprache.

"Niemand hier muss unsere russische Sprache schützen, wir sprechen sie und lassen uns das auch nicht verbieten", sagt sie mit Blick darauf, dass Kremlchef Wladimir Putin seinen Angriff nicht zuletzt damit begründet, er wolle die von der ukrainischen Regierung zurückgedrängte russische Sprache schützen. "Die da im Kreml sollen uns einfach in Ruhe lassen. Wir wollen unseren Weg gehen in Richtung Europa. In Russland ist nichts als Hass", sagt Olga.

Hass gegen Putin

Das Schimpfwort "Putin chuilo" - auf Deutsch etwa: "Putin ist ein Schwanzgesicht" - ist an vielen Orten in Kiew zu lesen. Der Hass richtet sich gegen den Kremlchef, aber auch gegen Russland insgesamt. Nirgends in der Hauptstadt wird das deutlicher als auf dem Maidan, wo das Herz der ukrainischen Unabhängigkeit schlägt. Da stehen sie noch trotzig, die Panzersperren auf dem Platz der Unabhängigkeit, wo 2014 die proeuropäische Revolution den Weg vorgab. Ein Denkmal erinnert an die toten Helden der "Himmlischen Hundertschaft", die damals den russlandfreundlichen Staatschef Viktor Janukowitsch stürzten.

Kleine, blau-gelbe Fähnchen mit den Namen der Toten des russischen Angriffskrieges stecken im Rasen. Doch ein paar Meter weiter, auf der Prachtmeile Chreschtschatyk, ist an diesem frühlingshaften Mai-Tag vieles so wie vor dem Krieg - Menschen essen, trinken, lachen auf Terrassen in Cafés und Restaurants. Nur abends kehrt schlagartig Ruhe ein, wenn die Sperrstunde ruft - und sich wegen der Gefahr neuer russischer Raketenschläge niemand mehr draußen aufhalten soll.

Dieser Artikel ist Teil eines automatisierten Angebots der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Er wird von der idowa-Redaktion nicht bearbeitet oder geprüft.

 
 
 

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