"Übergeben Verein als schicke Braut"

Die scheidenden Vorstände des EHC Straubing im Interview


Der aktuelle Vorstand des EHC Straubing (von links): Gerhard Fischer, Hannes Süß und Markus Böhm.

Der aktuelle Vorstand des EHC Straubing (von links): Gerhard Fischer, Hannes Süß und Markus Böhm.

Die Meldung am vergangenen Montag kam sehr überraschend. Drei Tage vor der geplanten Mitgliederversammlung hat der aktuelle Vorstand des EHC Straubing bekannt gegeben, nicht mehr zur Wahl antreten zu wollen, die Mitgliederversammlung wurde daraufhin verschoben. Im idowa-Interview sprechen die aktuellen Vorstände Hannes Süß, Markus Böhm und Gerhard Fischer über die Gründe für den Entschluss, die Kritik an der Kurzfristigkeit der Entscheidung sowie ihre Zeit als EHC-Vorstände. Zudem erklären sie, wie es nun weitergehen soll.

Der Entschluss, nicht mehr zur Wahl als EHC-Vorstand anzutreten kam durchaus überraschend. Was waren die Gründe dafür?

Markus Böhm: Als wir angetreten sind, haben wir uns gesagt, dass wir dieses doch sehr zeitintensive Amt für maximal sechs Jahre übernehmen. Nach vier Jahren ist nun ein Punkt erreicht, dass das, was im Rahmen unserer Möglichkeiten umsetzbar ist, erreicht ist. Wir haben den Verein sportlich nach vorne gebracht und haben ihn wirtschaftlich in einem Bereich, wo wir hinwollten. Zuletzt kam die Zusage für den Förderbescheid für den Kabinenanbau, der auf Basis der Pläne von Hannes vorangetrieben worden ist. Also auch infrastrukturell hat sich etwas entwickelt.. Jetzt ist ein nächster Schritt nötig, dass man den Verein strukturell weiterentwickelt. Und da haben wir gemerkt, dass das nötige Vertrauen in unsere Personen von notwendigen Partnern fehlt.

Warum fehlte das?

Böhm: Was wir hier in den letzten Jahren geschaffen haben, kostet natürlich auch Geld. Die Zahlungen der Tigers-Gesellschafter sind dabei eine elementare Säule und man muss ihnen auch sehr dankbar sein. Das sind keine unerheblichen Summen, wir haben das Budget um ein Vielfaches erhöht. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass aus diesen Kreisen ein berechtigtes Interesse daran da ist, wie mit diesen Geldern umgegangen wird. Hier ist die Situation so, dass in der Kommunikation leider über Bande gespielt wurde.

Gerhard Fischer: Es wurde also nicht mit uns, sondern vor allem über uns gesprochen.

Hannes Süß: Das ist ein wesentlicher Punkt. Denn sehr selten ist bei uns nachgefragt worden, warum etwas passiert. Es ist erst einmal bei anderen Leuten nachgefragt worden. Wenn die Tigers aufgrund von Personalentscheidungen beim EHC stutzig werden, wäre es das Einfachste gewesen, den Hörer in die Hand zu nehmen und bei uns direkt nachzufragen.

Bei der Personalie Markus Hätinen hat Tigers-Geschäftsführerin Gaby Sennebogen nach eigener Aussage bei Ihnen nachgefragt.

Süß: Das ist richtig. Und da haben wir die Gründe auch klar erläutert, warum wir diesen Schritt gehen mussten.

Ein weiterer Kritikpunkt war, dass die finanzielle Transparenz gefehlt habe…

Süß: Da wurde seit über einem Jahr nicht mehr nachgefragt. Und wenn bei uns nicht mehr nachgefragt wird, dann geht man davon aus, dass der andere mit der Arbeit zufrieden ist. Deshalb haben mich die letzten Äußerungen sehr überrascht, da wir ja auch immer wegen anderer Sachen in Kontakt stehen. Ebenfalls haben wir mehrmals gefragt, ob ein Info-Abend bei den Gesellschaftern erwünscht wäre. Dazu haben wir leider auch keine Antwort erhalten.

Böhm: Bis zum heutigen Tag hat mich kein Gesellschafter der Tigers gefragt: Wie sieht es eigentlich bei euch in Sachen Finanzen aus?

Wie sieht es denn aus?

Böhm: Die Saison 2018/19 haben wir mit einem Plus abgeschlossen. Wir haben aktuell noch offene Forderungen gegen den Verein. Das hat den Hintergrund, dass wir als Verein nicht in der Lage sind, große Rücklagen zu bilden. Die Vereinbarung mit den Straubing Tigers als Haupt-Geldgeber sieht so aus, dass wir nicht zu Saisonbeginn eine Summe zur Verfügung gestellt bekommen, sondern es handelt sich um eine monatliche Zahlung. Deshalb können wir einige Zahlungen auch erst dann leisten, wenn wir die entsprechenden Eingänge haben. In kostenintensiven Monaten, vor allem im Winter, kann es sein, dass in einer Phase Zahlungen ein bisschen hinausgezögert werden. In Summe ist es aber so, dass der EHC auch im April das Vereinsjahr erfolgreich abschließen wird, wenn sich alle Vertragspartner an ihre Zahlungsverpflichtungen halten. Ich habe schon Gerüchte gehört, der EHC hätte Schulden im sechsstelligen Bereich. Das ist absolut falsch.

Für Kritik hat die Kurzfristigkeit der Entscheidung gesorgt. Vor Kurzem erst gab es eine Infoveranstaltung, auf der von Ihnen noch die Pläne für die Zukunft aufgezeigt wurden.

Süß: Das war auch bis zum vergangenen Wochenende unser Plan. Ganz ehrlich: Wir waren selbst überrascht, wie massiv unsere Personen und unsere Arbeit zum Teil hinterfragt wurden. Letztendlich geht es uns ums Eishockey in Straubing und um den Standort, und nicht um Posten und Personen. Wenn man merkt, dass das Vertrauen nicht da ist und man ständig hinterfragt wird, muss man sich schon fragen: Bin ich noch der Richtige für den Job oder sind nicht andere Personen besser geeignet, die vielleicht dieses Vertrauen genießen. Das, was wir in den letzten vier Jahren aufgebaut haben, war herausragend. Das waren aber natürlich nicht nur wir, sondern das gesamte Umfeld, auch unsere Vorgänger. Und uns ist wichtig, dass es im Sinne des Straubinger Eishockey gut weitergeht.

Böhm: Seit über drei Jahren ist es unser Bestreben, den EHC und die Tigers enger zusammenzuführen. Deshalb ist von uns immer signalisiert worden, dass wir gegenüber den Tigers offen und mit dem Ziel eines guten Verhältnisses agieren. Wenn die Geschäftsführerin der Tigers das genauso sieht, dass man Tigers und EHC enger zusammenführen sollte, dann freut uns das und wir wollen dem nicht im Wege stehen.

Für Diskussionen haben zudem die Trennungen von Billy Trew, Markus Hätinen und Nadine Kelnhofer gesorgt. Was waren hier die Gründe?

Süß: Bei Nadine war es eine reine Umstrukturierung. Schweren Herzens haben wir diese Entscheidung getroffen, weil uns Nadine wirklich viel geholfen hat und viel Arbeit geleistet hat. Bei Billy war es die Entscheidung, die uns am schwersten gefallen ist, weil Billy einfach ein Straubinger Eishockey-Idol und auch ein toller Mensch ist. Nur sind wir der Vorstand des EHC Straubing und da war für uns die Entwicklung des Standortes immer das Wichtigste. Hier muss man leider sagen, hat er nicht in unser Entwicklungskonzept gepasst. Wir hatten Wünsche und Hoffnungen - haben dann aber festgestellt, dass es nicht zusammenpasst.

Böhm: Und für Markus Hätinen hatten wir uns entschieden, weil er sportlich sehr gut gearbeitet hat. Wir mussten aber relativ schnell feststellen, dass er von seiner eigenen Philosophie her nicht zur Philosophie des EHC passt. Er ist jemand, der sehr fokussiert auf sein Ziel ist. Aber wir haben nicht diese riesige Zahl an Spielern, dass man nur die eigene Mannschaft im Blick haben kann.

In welchem Zustand werden Sie den Verein an eine neue Vorstandschaft übergeben?

Böhm: Wir übergeben den EHC als eine sehr schicke Braut. Wir sind sportlich sehr erfolgreich und stehen auch wirtschaftlich gut da.

Süß: Der EHC war früher ein Verein, der gestrahlt hat. Diese Strahlkraft hatte er vor allem die letzten 15, 16 Jahre verloren, da war er nicht mehr in der öffentlichen Wahrnehmung. Auch das wollten wir wieder verändern. Da haben unsere Vorgänger schon gute Arbeit geleistet und wir sind die nächsten Schritte gegangen. Wir haben den Sportförderpreis der Stadt Straubing erhalten, unsere U17-Spieler sind mit der silbernen Ehrennadel ausgezeichnet worden. Das zeigt: Der EHC ist auch in der öffentlichen Wahrnehmung wieder da, es wird wieder über den EHC Straubing geredet.

Fischer: Sportlich haben wir alles erreicht. Im Bereich U9/U11 sind wir in den höchsten Gruppen vertreten, konnten hier mit Martin Cinibulk einen sehr erfolgreichen Trainer holen. Wir rücken hier immer näher an Nürnberg, Deggendorf und Landshut ran, die in dem Bereich derzeit das Maß der Dinge sind. Im U15-Bereich haben wir dieses Jahr das erste Mal seit 15 Jahren die Meisterrunde in der höchsten Spielklasse erreicht. Der Aufstieg der U17 sucht ohnehin seinesgleichen. Von der Bayernliga in die Division II der Jugendbundesliga und dann sofort in die Division I, wo man auch eine gute Saison spielt. In der U20 haben wir es in der eigenen Hand, ob wir den Sprung in die DNL3 schaffen. Und auch gesellschaftlich sind wir weitergekommen, indem wir weiterhin eine 1b-Mannschaft haben. Das war ein Wunsch der Fanclubs.

Böhm: Zudem haben wir die Schulkooperationen und Hausaufgabenbetreuung geschaffen. Damit wir den Kindern auch abseits des Eises vernünftige Strukturen bieten zu können.

Wie soll es nun in Ihrem Sinne weitergehen?

Süß: Wichtig wäre, dass der eingeschlagene Weg nachhaltig fortgesetzt wird, denn das war ein sehr erfolgreicher Weg. Ich würde mir wünschen, dass die verbleibenden handelnden Personen weitermachen. Denn die haben auch garantiert, dass es so gut läuft.

Werden Sie sich in die Nachfolge-Suche einbringen?

Süß: Wir werden konstruktiv mit jedem zusammenarbeiten. Man kann nur miteinander etwas erreichen und nicht gegeneinander.

Böhm: Wir sind maximal kooperationsbereit. Uns wäre wichtig, dass jemand mit der gleichen Intensität antritt wie wir vor vier Jahren und die Interessen des Vereins im Sinn hat und nicht noch andere Interessen verfolgt.

Was bleibt nach vier Jahren an der Spitze des EHC?

Böhm: Es war eine schöne Zeit.

Süß: Ja, schön war's. Und sehr erfolgreich. Und man sieht, dass der Verein lebt. Als wir angetreten sind mit unseren Visionen, hieß es von allen Seiten, das sei in Straubing nicht möglich. Wir haben gezeigt: Es ist doch möglich.

Info: Gerhard Fischer tritt vielleicht doch an

Am Montag hat der Vorstand des EHC Straubing bekannt gegeben, dass er sich geschlossen nicht mehr zur Wiederwahl stellen wird. Deshalb wurde auch die Mitgliederversammlung kurzfristig auf den 30. Januar 2020 verschoben. Doch Gerhard Fischer, aktuell zweiter Vorstand, kann sich nun doch vorstellen, sich wieder zur Wahl zu stellen. "Ich habe die Entscheidung solidarisch mit meinen beiden Vorstandskollegen mitgetragen", sagt er. Er lag zu dieser Zeit im Krankenhaus. "Da konnte ich mir nicht noch Gedanken darüber machen, wie es beim EHC weitergeht." Sollte es der Wunsch der Mitglieder sein, einen Vertreter aus dem aktuellen Vorstand zu behalten, würde er aber wieder parat stehen, so Fischer.

Hannes Süß wird sich bei der Wahl des neuen Vorstandes zwar grundsätzlich enthalten, er würde dies allerdings begrüßen. "Es wäre gut, wenn jetzt handelnde Personen in Funktion bleiben. Denn dann wüssten wir, dass der Weg, den wir in den letzten Jahren eingeschlagen haben, fortgesetzt wird."