Tierhaltung in Ostbayern Hunde-Attacken: Warum sind viele Halter überfordert?

Spielfreude oder Angriff? In Ostbayern hat die Zahl der Hundeangriffe über die vergangenen Jahre zugenommen. (Symbolbild) Foto: imago

Die Zahl der Hundeattacken steigt – auch in Ostbayern. Wie das Bayerische Innenministerium bestätigt, hat sich die Zahl der Angriffe seit 2011 fast verdoppelt. Im Regensburger Tierheim sind mehr als die Hälfte der dort untergebrachten Hunde verhaltensauffällig. Das Problem sind laut Experten nicht nur unerfahrene Halter, sondern auch die gestiegene Zahl von Import-Tieren.

Bester Freund des Menschen und treuer Gefährte, wenn alles gut läuft – gefährlich, wenn die Erziehung schief geht: Immer mehr Hunde in Bayern sind verhaltensauffällig. Ihre Besitzer bringen sie schließlich aus Verzweiflung ins Tierheim. Die Zahl der Hundeangriffe ist in der jüngeren Vergangenheit explodiert. Das bayerische Innenministerium meldet für das Jahr 2018 insgesamt 1.281 Attacken. Zum Vergleich: Im Jahr 2011 waren es noch 870. Werden die Hunderassen immer gefährlicher – oder halten einfach immer mehr Menschen einen Hund, die nicht dafür geeignet sind?

In Ostbayern ist die Lage laut der Statistik des Innenministeriums ähnlich bedenklich wie im Freistaat insgesamt. Für Niederbayern zählte das Ministerium im Jahr 2018 insgesamt 109 Angriffe auf Menschen und andere Tiere – im Jahr davor waren es sogar 113 und damit fast doppelt so viele wie im Jahr 2011. Im Bezirk Oberpfalz hatte die Zahl der gefährlichen Situationen mit Hunden im Jahr 2016 einen Höchststand erreicht mit 88. Seitdem bewegen sich die Zahlen auf etwa gleich hohem Niveau und liegen etwa ein Drittel höher als im Jahr 2011.

Ein Grund für die steigenden Fallzahlen liegt wohl schlichtweg daran, dass es immer mehr Hunde im Land gibt. Bundesweit lebten nach einer Aufstellung des Industrieverbands Heimtierbedarf 9,4 Millionen Hunde in den bundesdeutschen Haushalten. „Die Heimtierpopulation in Deutschland wächst stärker als die Zahl der Haushalte. 22 Prozent aller Haushalte besitzen sogar mindestens zwei Heimtiere“, erklärte Verbandspräsident Norbert Holthenrich in einer Mitteilung der Interessensvertretung von Herstellern von Futter, Tierspielzeug und anderem Produkten zur Tierhaltung. „Gut möglich, dass einige der neuen Hundehalter sich zu viel zutrauen“, sagt Andrea Aumeier, eine der Vorsitzenden des Tierschutzvereins in Regensburg und Leiterin des Hundehauses am Regensburger Tierheim: „Jeder will sich heute einen Hund anschaffen, hat aber vielleicht weder die Zeit, noch das nötige Know-How dazu.“

Mehr als 50 Prozent der Hunde, die im Tierheim Regensburg betreut werden, gelten als verhaltensauffällig: „Solche Hunde werden besonders häufig im Tierheim abgegeben, weil die Besitzer mit ihnen überfordert sind. Mittlerweile überfordern diese Tiere aber auch uns, weil sie extrem viel Betreuung brauchen.“ Die Fälle gleichen einander sehr stark, sagt Aumeier: „Oft verträgt sich zum Beispiel ein Zweithund nicht mit dem Hund, der schon da ist. Oder er attackiert Kinder. Dann muss der Hund natürlich aus Sicht des Besitzers schnell weg.“

„Der schlimmste Hund bisher war ein Dackel“

Dennoch – dass die Zahl der Hunde steigt, erklärt nicht restlos die explodierenden Fallzahlen. Einige Hunderassen gelten als besonders aggressiv. Der Freistaat Bayern unterteilt die Gruppe der sogenannten Kampfhunde in die Kategorien 1 und 2. Zur Ersten gehören Rassen wie der American Pit Bull Terrier, der Staffordshire Bullterrier oder auch der Bandog. Die Namen unter Kategorie 2 sind weniger geläufig – sie lauten etwa American Bulldog oder Dogo Argentino. Bei beiden verlangt der bayerische Staat mindestens eine sogenannte Haltererlaubnis. Bei Kategorie 1 muss der Halter seine Zuverlässigkeit mittels polizeilichem Führungszeugnis nachweisen. In der Öffentlichkeit gelten für diese vielerorts Hunde Leinen- und Maulkorbpflicht.

Die tatsächlichen Fallzahlen aber scheinen die Einschätzung der Verwaltung zur Gefährlichkeit der Rassen nicht zu bestätigen – im Gegenteil. Kaum fünf bis zehn Prozent in der Spitze betrug der Anteil dieser vermeintlichen Problemrassen an den Gesamtfallzahlen zu Hundeangriffen. Auch Andrea Aumeier findet deutliche Worte gegenüber idowa: „Aus meiner Sicht ist die Rasseliste totaler Krampf.“ Die Rasse sage kaum etwas darüber aus, wie problematisch das Verhalten eines Hundes werden kann: „Wenn ich Ihnen sage, dass der schlimmste Hund, den ich je im Tierheim hatte, ein Dackel war, lachen Sie mich aus. Aber es ist so. Wir hatten American Steffordshire da, wir hatten Dogo Argentino – das waren alles eigentlich fast Lämmer im Vergleich zu diesem Dackel.“ Im Rekordjahr 2017 in Niederbayern gingen gerade mal sieben der 113 gemeldeten gefährlichen Zwischenfälle mit Hunden auf das Konto von Hunden der Kategorie 1 und 2.

Lesen Sie im zweiten Teil des Artikels, was Experten von einem verpflichtenden Hundeführerschein halten würden – und welche Rolle der Tierschutz im Ausland in der Problematik der Hundeangriffe spielt.

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