Taktgefühl Politische Krawallmusik: Valentin Viehbacher über die Rapperin M.I.A

Sängerin und Rapperin Mathangi „Maya“ Arulpragasam alias M.I.A. nutzt ihre Musik als Sprachrohr. Foto: Ennio Leanza/epa/dpa

Kraftvoll, wütend und kämpferisch: Die Rapperin M.I.A. setzt sich mit ihrer Musik für Migranten ein. Das macht ihre Songs aktueller denn je. Valentin Viehbacher (23) aus Geiselhöring im Landkreis Straubing-Bogen stellt die Musikerin vor.

Einzigartig, faszinierend und mit einer klaren Botschaft – die Sängerin M.I.A. wird als eine der außergewöhnlichsten Popstars unserer Zeit gehandelt. Das liegt nicht zuletzt an ihrem unermüdlichen Einsatz gegen die Diskriminierung von Migranten, der ihre Musik gerade vor der derzeitigen Situation der Flüchtlinge in Griechenland brandaktuell macht.

Hinter dem Kürzel M.I.A. versteckt sich Mathangi „Maya“ Arulpragasam, die als Kind selbst als Flüchtling von Sri Lanka nach England gekommen ist. Die Musik war für sie einerseits eine Möglichkeit, die Erfahrungen ihrer Jugend wie Krieg, Flucht und das Leben im Flüchtlingsheim in London zu verarbeiten. Andererseits nutzt sie die Musik als Sprachrohr, mit dem sie auf Probleme der Flüchtlingspolitik aufmerksam machen möchte. Ihre tiefgründigen Botschaften verpackt die Sängerin dabei in energiegeladene Melodien.

Wütender Ton

Mayas Stimme ist dabei nur schwer zu beschreiben. Sie ist kraftvoll, wirkt oft wütend, nahezu kriegerisch. Ihre Musik klingt auch nicht geschönt, denn ihr Ziel ist es nicht, glatt polierte Musik zu produzieren. Es geht ihr immer um die Botschaft, für die sie kämpft und auf die sie aufmerksam machen möchte. Und da passt ihre raue und kämpferische Stimme besser. Sie ist auch der Grund, warum Maya aus dem Pop- und Rap-Genre heraussticht.

Einer ihrer bekanntesten Songs ist „Paper Planes“. Er handelt von den Vorurteilen gegenüber Immigranten, vor allem deren Kriminalität, wie M.I.A. selbst in der Dokumentation „Matangi/Maya/M.I.A.“ über ihr Leben erklärt. Auch handelt der Text von der unbegründeten Angst davor, dass Flüchtlinge uns unsere Jobs und unser Geld wegnehmen. Im Refrain des Songs versucht M.I.A., dies mit Schießgeräuschen und dem Klingeln einer Registrierkasse zu vertonen. „Paper Planes“ stammt aus den Anfangszeiten von M.I.A.. Verglichen mit den Songs neuerer Alben wirkt er trotz des auffälligen Refrains relativ glatt. Dennoch ist der Song ein chartfähiger und vor allem radiofähiger Ohrwurm. Kein Wunder, dass er 2008 als Titelsong des Films „Slumdog Millionär“ gewählt wurde.

Ein Song über Grenzen

Der neuere Song „Borders“ ist weniger chartfähig, dafür aber umso tiefgründiger. Er handelt, wie sein Name schon andeutet, von Grenzen. M.I.A. kritisiert hier die Flüchtlingspolitik. Und obwohl das Lied bereits 2015 erschienen ist, ist seine Botschaft immer noch aktuell. Besonders auffällig am Song ist der durchgehend gleichbleibende Beat, der sich klassischer Elemente der Rap-Musik bedient. Mayas Stimme wirkt gereizt.

Das Musikvideo zum Song, bei dem die Sängerin Regie führte, veranschaulicht, was M.I.A. mitteilen möchte. Es zeigt Menschen in Not. Sie klettern über einen riesigen Zaun, überqueren auf winzigen Booten den Ozean, all das nur, um endlich ein sicheres Zuhause zu finden. Inmitten dieser Szenen befindet sich Maya alias M.I.A. selbst. Sie blickt dem Zuschauer direkt in die Augen, so als würde sie fragen, wie man bei all dem Leid nur wegsehen kann.

Eine völlig andere und weniger politische Botschaft hat der Song „Y.A.L.A.“. Sein Beat ist elektronischer und anregender als der der anderen Songs. Besonders charakteristisch ist die Melodie des Refrains, die fast nur aus den quietschend-quetschenden Geräuschen eines Synthesizers besteht. Im Internet diskutieren Fans über den Song und dessen Bedeutung: Oft liest man hier, dass sich Mayas Stimme in diesem Song anhört, als wäre sie betrunken. Viele halten dies für ein geschickt gesetztes Ausdrucksmittel zur Verstärkung der Botschaft des Textes: M.I.A. rechnet mit den großen Rappern und ihrem Lebens- und Musikstil ab. Diese Aussage ist jedoch nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Deshalb sollte man den Songtext und die kraftvolle Melodie nicht sofort als Unsinn abstempeln, sondern den Song eher als Satire verstehen.

Im Hintergrund des Refrains hört man wiederholt das Wort „Y.A.L.A.“. Ausgeschrieben bedeutet das „You Always Live Again“. Damit ist Y.A.L.A. einerseits ein Verweis auf Mayas Glauben, also der Reinkarnation. Andererseits ist die Abkürzung ein klarer Seitenhieb zur „You Only Live Once“-Bewegung und der klassischen Clubmusik großer Rapper.

Wie für M.I.A. typisch ist nicht nur der Song und dessen Melodie außergewöhnlich, auch das Musikvideo lässt staunen. Wegen unzähliger Effekte und einem einzigartigen Spiel mit Licht ist es besonders kunstvoll und man könnte es in Dauerschleife in einem Museum für moderne Kunst zeigen.

Bollywood-Einflüsse

Ebenso kunstvoll ist auch ein Mixtape ihres Albums „Matangi“, das Maya 2013 für eine Modenschau der Luxusmarke „Kenzo“ zusammengestellt hat. Die Besonderheit: In dieses neunminütige Mixtape flossen auch Melodien ein, die man auf dem fertigen Album vergeblich sucht. Das Mixtape erinnert an manchen Stellen an die typischen Klänge mancher Bollywood-Songs. Bollywoodtypische Stimmen werden mit kraftvollen Beats und Mayas Stimme gemixt. Daraus ergibt sich ein interessantes Hörerlebnis. Ungefähr alle 30 Sekunden entwickelt sich das Mixtape zu einer anderen Melodie mit neuen Beats und neuen Effekten weiter. Dieser stetige Wechsel macht es so außergewöhnlich. Die Vielfalt ist auch der Grund dafür, dass viele Fans im Internet betonen, dass ihnen das Mixtape besser gefällt als das Album. Wer einen unvergesslichen Eindruck von M.I.A. gewinnen möchte, findet hier den perfekten Zusammenschnitt ihres Musikstils.

Alle Teile der Musikkolumne "Taktgefühl" gibt es hier. Die Spotify-Playlist zu Valentins Musikkolumne Taktgefühl findest du hier.

 

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