Südtirol Südtiroler Eggental: Bestens geeignet für Familienurlaube

Der Karersee verdankt seine Farben angeblich einem liebeskranken Hexenmeister. Foto: Manfred Lädtke

Gespenstische Ruhe liegt über dem stillen Karersee. Wie viele Orte in Südtirol ist auch dieser smaragdgrüne "Märchensee" im Eggental ein Platz geheimnisvoller Sagen, weiß Herbert Pichler. In kaum einem anderen deutschen Sprachgebiet Europas gebe es so viele Mythen und Geschichten wie in diesem sagenhaften Dolomitenabschnitt.

Der ehemalige Tourismuschef ist überzeugt: Insbesondere bei Kindern sorgen die Spinnstubengeschichten von fantasievollen Begegnungen mit Dämonen, Riesen, tückischen Hexen und listigen Kobolden für einen Motivationsschub, die Wanderschuhe für spannende Ausflüge zu schnüren. Am Seeufer wartet eine Familiengruppe. Sie will dem Geheimnis und der versunkenen Vergangenheit des 300 Meter langen Gewässers am Fuße der Latemar-Berge auf die Schliche kommen. Die Reiseleiterin bittet um Geduld. "Wir warten auf Gäste aus Bozen." Weil auf den komfortablen und pünktlichen Busverkehr Verlass ist, machen sich Mütter, Väter und Kinder Minuten später auf den Waldweg um den See.

Die Nixe vom Karersee

An einer Biegung zeigt die Reiseleiterin hinunter zum Wasser, in dem sich die steilen Latemar-Felstürme spiegeln. Von einer Wasserjungfrau erzählt sie, und dass sich ein Hexenmeister in sie verliebte. "Wisst ihr, warum der See in so vielen Farben schimmert?" Nö! Nun, um der Schönen zu imponieren, empfahl eine Hexe dem Magier, einen Regenbogen aus Edelsteinen vom Rosengarten-Gebirge bis zum Latemar zu schlagen. Der Nixe war die Zauberkunst jedoch schnuppe, sie wollte statt Reichtum lieber ihre Ruhe und verschwand für immer auf den Grund des Sees. Wütend schleuderte der Hexenmeister sämtliche Brillanten ins Wasser. Deshalb schimmere das Naturjuwel heute noch in bunten Regenbogenfarben.

Ob es hier immer noch Hexen und Zauberer gebe, will ein Knirps wissen. Seit abseits vom See ein großer Parkplatz gebaut wurde, lärmen hier zwar keine Motoren mehr, die menschenscheuen Fabelwesen hätten sich aber trotzdem in stille Felsklüfte zurückgezogen, lächelt die Reiseführerin.

Einen Eindruck wie es in der Nachbarschaft des "Regenbogensees" aussah, als sich Agatha Christie von der majestätischen Dolomiten-Szenerie zu ihrem Roman "Die großen Vier" inspirieren ließ, oder als Winston Churchill, Arthur Schnitzler und noch früher Kaiserin Sissi hier Erholung suchten, erfahren die Wanderer auf einer benachbarten Route. Ein beschaulicher, dreistündiger Spaziergang führt in der Bergwelt am legendären Grand Hotel über Latemar-Wiesen und einem Labyrinth-Steig zurück zum Karersee.

Wer weiter auf alten und "sagenhaften" Spuren durch Südtirol wandern möchte, schließt sich am nächsten Tag Herbert Pichler an. In Deutschnofen führt er seine Gruppe über ein Hochplateau mit Kletterstufen und Blumen betupfte Wiesen hinauf auf den 1.000 Jahre alten Plattenbodenweg. Einst rumpelten hier Ochsenkarren entlang und transportierten für Venedigs Fundament Tausende Baumstämme zu Floßschiffern. Überwältigende Sehenswürdigkeiten überraschen am Wegesrand nicht, wohl aber viele kleine Liebenswürdigkeiten. Streusiedlungen, altertümliche Bauernhöfe und kunstvolle Kirchlein liegen wie Schmuckstücke in der Landschaft verstreut.

Von Riesen und Bauern

Nicht immer reichten in grauer Vorzeit harte Arbeit und Muskelkraft aus, um Höfe mit einem erträglichen Auskommen zu bewirtschaften. Eine Volkssage berichtet von einem scheinbar unbezwingbaren Riesen am Hofe des Kaisers von Wien. Ein nicht minder stämmiger Bauer aus Deutschnofen erfuhr von einem Aufruf des Kaisers: Wer den Riesen im Kampf bezwinge, bekomme seine Tochter zur Frau. Dem Verlierer ergehe es jedoch übel. Als der Bauer dem Riesen mit Handschlag begrüßte, schrie dieser vor Schmerz und gab mit verletzter Hand auf. Weil er bereits eine liebe Frau hatte, verzichtete der Bauer aber auf die Tochter des Kaisers. Stattdessen kehrte der brave Mann mit einem prall gefüllten Geldsäcklein zurück.

Alle Wege führen in einer Stunde von Deutschnofen zu einem der schönst gelegenen Bergheiligtümer Südtirols. Das 800 Jahre alte mit Fresken aus der Bozener Malerschule geschmückte Kirchlein St. Helena soll alten Überlieferungen zufolge auf silbernen Stufen gebaut sein. Vermutlich weil sich in der Umgebung der ehemaligen Knappenkirche früher Bergstollen befanden.

Der wahre Reichtum von St. Helena ist indes sein beneidenswertes Panorama. Vor der benachbarten Gastwirtschaft ziehen die dämonisch-schönen Felswände von Rosengarten und Latemar vorbei.

Wie ein Feuer lodert die formenreiche Gebirgslandschaft des Rosengarten in der purpurroten Abendsonne. Die Krone aller Dolomitensagen erklärt, warum der Rosengarten in der Dämmerung so herrlich kitschig glüht. Demnach wohnte in der Bergwelt König Laurin mit seinem Zwergenvolk. Sein ganzer Stolz war ein blühender Rosengarten, in den der Zwerg aus Liebe die hübsche Königstochter Similde entführte. Als der König Befreier schickte, setzte sich Laurin eine Tarnkappe auf, die ihn unsichtbar machte. Ein Zaubergürtel verlieh ihm zudem die Kraft von zwölf Männern. An den Bewegungen der Rosen erkannten die Recken jedoch, wo Laurin sich gerade verbarg, entrissen ihm den Gürtel, zerstampften die Rosen und befreiten Similde. Zornig verwandelte der Zwergenkönig das "Gartl", das ihn verraten hatte, in Fels und Stein und verfluchte es: Weder bei Tag noch in der Nacht sollte jemals wieder ein Mensch diesen prächtigen Garten sehen. Laurin vergaß aber die Dämmerung. Und so kommt es, dass der Rosengarten in der Abendsonne so unvergleichlich schön "erblüht", erzählt die Sage. Ladiner nennen dieses Lichtspektakel "Enrosadüra".

Vom Eggentaler Welschnofen fährt ein Sessellift hinauf zur Paolinahütte. Der Wanderweg zu Laurins Rosengarten ist auch für Kinder geeignet. Stehen sie vor der gewaltigen Felswand, scheint es gar nicht abwegig, dass sich diese wundersame Geschichte dort oben zugetragen haben könnte.

Menschenscheue "Saligen"

Wer lieber im Tal bleibt, der lauscht Alexander Bisans Erzählungen von wilden Männern und anderen mysteriösen Gestalten zwischen Berg und Tal. Auf einem Spaziergang rund um die Laab Alm berichtet er von "Saligen". Die naturverbundenen Frauen seien milde, oft sehr anmutig, aber menschenscheu gewesen. In Höhlen hätten sie gelebt, armen Bauern und gottesfürchtigen Menschen geholfen und Kranke gepflegt. Während Alexander seine Gruppe bittet, achtsam mit der Natur, mit jeder Pflanze und jedem Zweig umzugehen, berichtet er von seiner Großmutter. Deren Leidenschaft sei es gewesen, geheimnisvollen Rätseln nachzugehen. Besonders hatte es ihr die Geschichte von einer Räuberbande und einem reichen Kaufmann angetan, der in Deutschnofen mit Edelsteinen handelte. Bei ihren Nachforschungen sei Oma Anne jedoch plötzlich ums Leben gekommen. Bis heute wisse niemand genau, was damals in den verwachsenen, wilden Wäldern geschah. Dann wedelt Alexander mit einer vergilbten Karte: "Die habe ich auf dem Dachboden gefunden", ruft er seinen kleinen Gästen zu. "Wer ist mutig genug, die Räuberunterschlupfe zu suchen?" Sicher sei der literarische Rang von Sagen und Legenden gering, räumt er später ein. Dennoch beschreiben sie die Eigenheiten von Landschaften und was Menschen früher fremd und geheimnisvoll war.

Übrigens: Die Einzelausgabe des ePapers, in dem dieser Artikel erscheint, ist ab 16. Juli 2019 verfügbar. Klicken Sie auf ePaper und geben Ihren Suchbegriff ein. Es werden Ihnen dann alle Ausgaben angezeigt, in denen sich der Artikel befindet.

 

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